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Festival des gescheiterten Films

München, Wien, Frankfurt, Berlin, Bremen, Köln, 22. Dezember 2007 – 24. Februar 2008
The XTC of Gold (Paul Wiersbinski, D 2006)

Nur gar nichts zu tun bewahrt vorm Scheitern!

Von Ines Schneider HW Müller ist fest überzeugt: Ein Film wird gedreht, um angesehen zu werden! Wenn er für eine Kinoleinwand gedacht ist, dann ist er bei MyTube oder YouSpace nicht gut aufgehoben. Da Filmproduktionen anfällig für Pech und Fehlschläge sind, schafft es nicht jeder gute Film ins Kino. HW Müller hat ein großes Herz für solche Filme. Er rief das Festival des gescheiterten Films ins Leben. Er stellt aus Filmen, die von den Filmemachern selbst als gescheitert betrachtet werden oder die das Scheitern zum Inhalt haben, ein mehrtägiges Programm zusammen und geht damit auf Tour. Der Festivalbesucher wird mit Filmen jeder Art und jeder Länge konfrontiert, alle von HW Müller und seinen Mitarbeitern mit dem Prädikat »sehenswert« versehen. Im Orfeos Erben in Frankfurt brachte schon der erste Abend eine entsprechend wilde Mischung. Gerne habe ich ebenfalls ein kurzes gescheitertes Werk beigesteuert und bin überzeugt, daß die Leidenschaft und die Experimentierfreude der Filmemacher auch ansteckend auf andere Filmfreunde wirkt.

Da verlieren sich beispielsweise Claire Walka und Eva Kietzmann in tantenterror zunächst in der Begeisterung darüber, mit der neuen Videokamera plötzlich alles, was ihnen nahekommt, verfilmen zu können. Jede Regung und jedes Erlebnis in der Studentinnen-WG wird aufgenommen. Doch was am Anfang banal wirkt, entwickelt sich nach und nach zu einem sympathischen Einblick in das Selbstverständnis der jungen Frauen. Etwas Romantik wäre nett oder das Abschlußdiplom oder eine Handtasche ohne Löcher… Aber da so etwas nicht so leicht zu kriegen ist, kommen sie vorerst auch gut ohne aus! Vielleicht ist dies am ehesten ein Film für Jungs, die wissen wollen, was die Mädchen so tun. Denn die Mädels sind reizend, wie sie so am Frühstückstisch sitzen. Die eine kommt verschwitzt vom Joggen, die andere kleckert sich Tee auf den ohnehin schon schliffigen Pulli, und die dritte zielt mit der Kamera darauf.
Was die beiden Studentinnen an der Hochschule für Gestaltung gelernt haben, sieht man an den kleinen Trickfilmen, die jedes neue Kapitel im bewegten Leben der 26jährigen einleiten. Was bei den Intros von ARTE gerne als außerordentlich fantasievoll und ungewöhnlich präsentiert wird, können Claire und Eva schon lange.

Ludwig Bauer junior hat alles schon perfekt geplant: Sein Vater wird es so richtig schön haben, in der »Seniorenresidenz Herbstglück«. Man müßte nur geschwind das Hotel verkaufen, welches der alte Herr mit viel Liebe aber ohne wirtschaftlichen Erfolg führt. Doch der »Landgasthof Bauer« ist der Lebensinhalt des alten Herrn, egal, welche Rolle er darin spielt. Und so rettet ihn ein kleiner Rollenwechsel aus der schwierigen Lage. Willi Bohms Hochschularbeit Bauer, Vater und Sohn fand keine Gnade beim Dozenten, aber umso mehr Anklang beim Publikum.

Selbst die kleinen Wesen, die nachts voll Sorgfalt und Sachverstand die Küche verdrecken, sind von unvermittelter Arbeitslosigkeit bedroht. Sogar Milbenhirten und Kaffeekleckskünstler können durch eine effektivere Maschine ersetzt werden, im Trickfilm Dreckmonster von Christian Retzlaff und Maike Ramke.

Die Computeranimationen sind nicht ganz perfekt und die Realfilmsequenzen manchmal zu grell und manchmal zu flach, doch die fließenden Bewegungen sind in Caroline Grosses Der König und die Königin das, was wirklich zählt. Wir glauben zu wissen, was als nächstes passiert, wenn der Umriß eines Hais durchs tiefe Wasser gleitet. Doch in diesem Film geschieht etwas ganz anderes.

Paul Wiersbinski sieht gar nicht ein, warum er es dem Zuschauer einfach machen sollte. Er ringt in The XTC of Gold nach Ausdrucksformen für verschiedene zerstörerische Impulse. Die einzelnen Bereiche sind durch schwer verständliche Texteinblendungen getrennt, er geht sogar soweit, sein Publikum mit den grellen Farben und schrillen Tönen von Fernseh-Testsequenzen zu quälen. Dreißig Minuten lang entfalten die grotesken Situationen ihre Wirkung, und die Anwesenden versuchen, zwischen den Sesselreihen Schutz zu finden.

Wozu ein Gesicht zeigen, wenn sich jemand die Beine in den Bauch steht, wie die zwei Nutten in Süßstoff? Wie viele mittellose Filmemacher probiere auch ich, trotz beschränkter Möglichkeiten eine Geschichte zu erzählen. Daß dies nicht immer ganz klappt, nehme ich lächelnd zur Kenntnis. Der nächste Film wird besser!

Niko Kühnels Film Rob ist keineswegs gescheitert. Kühnels Film mit dem geschickten Timing und dem originellen Schnitt wurde auf mehreren Festivals gezeigt und hat auch schon einige Publikumspreise gewonnen. Weniger Erfolg hat der darin vorkommende Bankräuber, der einen Überfall nach dem anderen vermasselt.

Die folgende, von der Frankfurter Organisatorin Anja Kimmelmann geleitete Diskussion geriet nicht zu der Auseinandersetzung, die sich die Veranstalter vielleicht erhofft hatten. Die Teilnehmer waren geschickt ausgewählt, möglicherweise zu geschickt. Paul Wiersbinski repräsentierte die Haltung eines kompromißlosen Künstlers, der lieber fern aller Kunst sein Geld als Postbote verdienen würde, als einen mittelmäßigen, aber lukrativen Film zu drehen. Markus Rave dagegen vertrat den Standpunkt des erfahrenen Kameramanns und Produzenten, dem jeder Auftrag recht ist, wenn er dafür entsprechend bezahlt wird. Niko Kühnel und ich teilten uns die Mitte, N. Kühnel als vielversprechender Filmstudent, begeisterungsfähig, aber auch mit Blick auf die Realität des Arbeitsmarktes, ich als Filmverliebte, die einige Jahre nach dem Studium versucht, eine solide Teilzeitstelle und freie Projekte zu kombinieren. Das Verhältnis zwischen den einzelnen Positionen schien fast zu ausgewogen. Jeder erklärte, wie er die Umsetzbarkeit der eigenen Ideen einschätzte, jeder definierte seine Position auf dem Weg zwischen Ideal und Arbeitsalltag. Daraus entwickelten sich keine neuen Sichtweisen auf die Filmkunst, sondern lediglich ein Blick auf die Arbeitsbedingungen der Filmschaffenden. HW Müller hätte sich von seinen Gästen wohl etwas mehr Visionen und Gedankenflüge gewünscht.

»Das Scheitern aller Dinge ist die Tat!« ist das Motto des Festivals. Wer sich daran macht, seine Vorstellungen umzusetzen, muß schon die ersten Verluste hinnehmen. In Frankfurt a.M. haben HW Müller und Anja Kimmelmann dazu eingeladen, wohlwollend dabei zuzusehen, wie wir in Ehren scheitern. 2008-01-28 09:50
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