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Internationales Filmwochenende Würzburg 2004

Würzburg, 22. - 25.1.2004
 

Der aktuelle Stadtfilm von 1963

Von Tina Kaiser Berlin Flughafen Tempelhof. Nebel liegt über diesem An- und Abflugort. Für eine Nacht werden hier sämtliche Passagiere festsitzen. Kein Entkommen sozusagen. 1963 hat Will Tremper den Film »Die endlose Nacht« vor Ort gedreht. Ein frühester Film u.a. auch für die junge Hannelore Elsner im Monica-Vitti-Kleid. Aber nicht nur dieses Kleid zeigt die starke Beeinflussung des Regisseurs seitens des damaligen neuen italienischen und französischen Kinos.

Das diesjährige Internationale Filmwochenende Würzburg hat im Zuge einer Hannelore Elsner-Retrospektive einen Berlin-Film ohne Gleichen ausgegraben. »Die endlose Nacht« ist heute aktueller denn je. Worauf man im neuen deutschen Kino 2004 nur sehr gefrustet hoffen kann, das wurde 1963 bereits gedreht.

Das Tempelhof-Setting fungiert hier als Nicht-Ort at its best, der weder die monumentale faschistische Flughafen-Architektur noch die damaligen territorialen und sozialen Verhältnisse im Nachkriegsberlin zu verklären sucht. Sie sind unausgesprochener Kontext sämtlicher Situationen. Gleichzeitig werden unglaublich amüsante Episoden einer Nacht vorgeführt, die dabei sachlich ellipsenhaft bleiben, ohne eines Dogmas zu bedürfen. Polnische Jazzmusiker treffen auf saturierte Wirtschaftswunder-Deutsche, ein »Russen«-Witz kann schon auch mal drinsein (man weiß ja, wo man hier ist!).

Enno Patalas schrieb 1963 in der »Filmkritik« sogar von einer »bundesdeutschen Bestandsaufnahme«. Jede Figur bleibt hier für eine Überraschung gut, die allen Klischee-Erwartungen zuwiderläuft. Perfekte subtil-humoristische Strecken machen einen staunen im unterkühlten Design-Setting der gläsernen Flughafen-Büros. Keine Episode braucht hier eine Verknüpfung zur allgewaltigen großen Handlung, jede steht für sich und hält eine gleichgewichtige Spannung mit den anderen aufrecht. Die Zeit vergeht, wie sie eben vergeht, Tremper verläßt Personen und findet sie woanders wieder. Das Dazwischen darf erahnt werden, er muß nicht alles erzählen. Die Spannung hält ungebrochen an. Alltagsbeobachtungen wie man sie lange nicht mehr feiner und subtiler gesehen hat.

Berlin existiert hier grundsätzlich nur in diesem realen Setting, diesem Transitort. Ein anderes bekommt man nicht zu sehen. Berlin IST der Flughafen. Man meint, Tremper hätte alle aktuellen Stadttheorien auf einmal gelesen. Oder er ist ihr Prophet. Die Angestellte einer Fluggesellschaft und ihr Kunde sind hier nicht die einzigen, die sich wie in einem Aquarium vorkommen. Sie verstecken sich hinter Landkarten der großen, weiten Welt, denn diese sind die einzigen, die die Funktionen einer Wand in diesen Räumen einnehmen dürfen. Tatis »Playtime« läßt grüßen.

Die Aufführung von Trempers' Film durch das Internationale Filmwochenende Würzburg war ein unglaublicher Erfolg. Ein ausverkauftes Haus, das schöne 50er-Jahre-Corsokino. Sozusagen DER Ort für eine Wiederaufführung. Hannelore Elsner und Rudolf Thomé waren genauso überrascht und begeistert wie das Publikum. Zwischenklatscher mußten sein. Die Auffindung der verschollenen Filmkopie war dabei einem Sammler zu verdanken, die Frage ist jetzt nur noch, ob wir ihn nicht bald wieder im Kino zu sehen bekommen.

Dieser Berlinfilm wäre nicht zuletzt in unserer Kinohauptstadt, wie es doch gern so schön heißt, ein bitter nötiger Film. Denn er zeigt, was Berlin verstärkt geprägt hat und was es tatsächlich ist. Eben jene Transiträume, Verkehrsknotenpunkte und Nicht-Orte, oftmals verknüpft mit fragwürdigen Architekturkonzepten, die Beobachtungen städtischen Lebens viel authentischer als alle aufgehübschten vorgeblichen Mitten der Metropole zulassen. Viele neue BerlinStadtFilme werden dann allerdings wirklich alt aussehen. »Die endlose Nacht« ist jedenfalls tatsächlich end- und somit zeitlos. 1970-01-01 01:00
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