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goEast 2002

Wiesbaden, 10. - 17. April 2002
 

So lacht der Osten

Von Sascha Seiler Im April fand in Wiesbaden zum zweiten Mal das Festival des ost- und mitteleuropäischen Films goEast statt. Erstmals wurde neben dem Preis für den besten Spielfilm und dem Hochschulpreis auch der beste Dokumentarfilm ausgezeichnet.

Das Wettbewerbsprogramm bestand aus zehn Filmen, die unterschiedliche Facetten ost- und mitteleuropäischen Filmschaffens präsentierten. Dabei fiel besonders der hohe Anteil an humoristischen Filmen im Festivalprogramm auf. Allen voran Vladimir Segolkovs Film »Herzlichen Glückwunsch, Lola«, der wie eine Mixtur aus russischem »Pulp Fiction« und Lola rennt in Moskau aussah, und Karen Sachnazarovs Assamblage aus Historienfilm und skurrilem Kammerspiel namens »Gifte oder die Weltgeschichte der Vergiftungen« konnten durch ihren Charme das Publikum in Wiesbaden begeistern. Robert Glisnskis Sozialdrama »Hi, Tereska« kontrastierte dieses Programm durch die detaillierte und schonungslose Schilderung einer Jugend in Warschauer Plattenbauten. Der brave Teenager Tereska wird durch eine befreundete Arbeitskollegin auf die schiefe Bahn gebracht; sie fängt an zu trinken, raucht, stiehlt. In eindringlichen, verwackelten Schwarzweißbildern zeigt Glisnski dem Zuschauer die Trostlosigkeit polnischer Vorstadtsiedlungen und die Spirale der Gewalt, der die heranwachsenden Bewohner nahezu hilflos ausgesetzt sind. Auch endet »Hi, Tereska« nicht versöhnlich, sondern eher verstörend und unmittelbar. Dem Zuschauer wird bewußt gemacht, daß die Erfahrungen der Protagonistin nur der Anfang eines lebenslangen Kampfes waren. Zu recht gewann der Film auch den Hauptpreis der Jury als bester Spielfilm.

Im Dokumentarfilmbereich konnten vor allem der estnische Beitrag »Selbstporträt mit Mutter« überzeugen, in dem Regisseur und Kameramann Edvard Oja offen seine Alkoholabhängigkeit dokumentiert, sowie »Joy of Life« des mazedonischen Regisseurs Svetozar Ristovski.

Die Retrospektive war in diesem Jahr den Verfilmungen von Werken Fjodor Dostojewskis gewidmet und bot dem Zuschauer die Möglichkeit, große Werke von Visconti, Bresson oder Aki Kaurismäki auf der Leinwand neu zu entdecken. Höhepunkt war dabei eine szenische Lesung von Dostojewskis »Dämonen« durch die Wiesbadener Schauspielgruppe »FACT-theater«, der sich Andrzej Wajdas 1982 entstandene Verfilmung des Stoffes anschloß.

Ein weiteres Highlight von goEast war das diesjährige Symposium, das sich mit den »Subversionen des Surrealen« im ost- und mitteleuropäischen Kino auseinandersetzte. Hier konnte man viele Filme genießen, die über Jahre hinweg von den Regimes als subversiv angesehen und daher verboten worden waren, darunter »Der Vorabend des Johannistages« von Jurij Illenko und »Schatten vergessener Ahnen (Feuerpferde)« von Sergo Paradzanov. Es waren aber hauptsächlich die skurrilen Kurzfilme des Tschechen Jan Swankmaier, die das Besondere an diesem Symposium ausmachten.

Neben der sehr interessanten Film- und Themenauswahl wußte das goEast-Festival aber vor allem aufgrund seiner angenehmen Atmosphäre zu gefallen. Die allabendlich nach den Wettbewerbsfilmen in der Villa Clementine stattfindenden Gespräche mit den Regisseuren der Beiträge boten dem interessierten Publikum die Möglichkeit, im anregenden Rahmen intensiv über das gerade Gesehene zu debattieren – in einigen Fällen bis spät in die Nacht. 1970-01-01 01:00
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