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goEast 2001

Wiesbaden, 4. - 11. April 2001

Fremdheit und Nähe

Von Florian Malzacher Was soll man drum herumreden. Es gibt dieses grundlegende Gefühl der Fremdheit gegenüber vielen ost- und mitteleuropäischen Filmen, gerade wegen der vermeintlichen Nähe vieler Geschichten und Szenerien: Wie soll man umgehen mit diesem anderen Verhältnis zu Pathos, zu oft ausufernder Bild- und Symbollastigkeit?

Wie können wir (oder sollen wir überhaupt) sie fassen mit unseren eigenen ästhetischen, künstlerischen Kriterien ohne Kolonialisierungstendenzen einerseits und Folklorisierung andererseits?

Probleme, die das erste »GoEast«-Festival in Wiesbaden – ins Leben gerufen vom Deutschen Filminstitut (DIF) – prägten und seine Notwendigkeit untermauerten: Schließlich ist das gegenwärtige Kino jenseits von Oder und Neiße aus unserem kulturellen Bewußtsein fast völlig verschwunden. Sichtbar nur: Die Fragestellungen scheinen oft weit auseinander zu liegen, ästhetische wie philosophische – die gesellschaftlichen ohnehin.

Beispielhaft dafür mag Das melancholische Küken des tschechischen Regisseurs Jaroslav Brabec sein, einer der nicht eben leicht verdaulichen Wettbewerbsbeiträge: Die Welt gesehen durch große Kinderaugen. Idyllische Landschaft, opulent und hell – soviel Glück gönnen die Götter nicht. Noch hält der blonde Junge (Typ: Bahlsen-Zwieback) das schlüpfende Küken in der Hand. Und wundert sich über die Wunder der Welt. Doch bald schon wird Unheil kommen: Die engelsgleiche, rotlockige Kindsmutter vom Blitz dahingerafft, die Hühnermutter vom Falken gerissen. Federn wie ein Schneesturm wirbeln über den malerischen Hof. Vorher war eine Schlange zu sehen - ein Zeichen, zweifellos.

Etwas mehr Mißtrauen vor der eigenen Lust am Bild, am barocken Zeigen, am großen Gefühl. Das würde für uns zu den wichtigsten Forderungen an zeitgenössische Filme zählen. Doch gerade in diesen Punkten scheiden sich oft die Kulturen. Bis in Dokumentarfilme hinein: Neue Zeiten in der Querstraße, ein lettischer Film von Ivars Seleckis erzählt liebevoll – vielleicht zu liebevoll – von den Sorgen und dem Alltag der Menschen in Zeiten des Zusammenbruchs und Neubeginns. Eindrücklich und berührend, doch mit fast kinderhörspielartiger Erzählstimme und Musikeinsatz zu sehr und unnötig um emotionale Lenkung und Steigerung bemüht. Auch Verweht käme gut ohne musikalisches Untermalungspathos aus: Die Geschichte einer nordrussischen Gemeinde, die einst ein lebhaftes Fischerdorf war, bevor sie zur bewohnten Geisterstadt verkam, läßt Andrej Osipov von den Leuten selbst erzählen, kraftvoll, faszinierend und oft überraschend – getragen von prägnanten Bildern.

Auch bei manchem Spielfilm wird das Dokumentarische zum eigentlichen Reiz, gerade wenn die technischen Mittel offenkundig mangelhaft sind: Vor dem Morgengrauen aus Usbekistan zeigt schnörkellos und gradlinig, zuweilen fast archaisch das Überleben der Landbevölkerung durch die Zucht von Seidenraupen. Unterlegt hat Regisseur Jusuf Azimov eine Familiengeschichte von Rache, Liebe, Verrat und Ehre – fast eine antike Tragödie, doch unprätentiös und unsentimental gespielt und bebildert.

Die Palette disparater Vorführungen war groß, Kompromißlösungen bei der Preisverleihung vorbestimmt: So wurde der erste Preis aufgeteilt unter zwei Filmen als kleinstem gemeinsamen Nenner: Das große Tier von Jerzy Stuhr aus Polen, nach einem Drehbuch von Krzysztof Kieslowski gedreht, erzählt unaufgeregt und zugleich humorvoll eine Parabel von der Suche nach Freiheit und Anderssein – kann jedoch ihre Herkunft aus Zeiten der Zensur nicht verbergen und wirkt auch filmisch etwas altmodisch. Die zweite Preishälfte ging an Kira Muratova aus der Ukraine für ihren Spielfilm Menschen zweiter Klasse, den Regiepreis vergab die Jury an Passport von Péter Gothár aus Ungarn.

Daß Die Werckmeisterschen Harmonien des Ungarn Béla Tarr, eine in Duktus und Plot an Ernst Jüngers Marmorklippen erinnernde kraftvolle Schwarz-Weiß-Arbeit, bei den Auszeichnungen übergangen wurde, dürfte auch strategische Gründe haben: Mit prominenten deutschen Hauptdarstellern (Lars Rudolph und Hanna Schygulla) und als deutsche Koproduktion hätte sich »goEast« mit einem Preis wohl einiger Kritik ausgesetzt. Zu den wichtigen Erlebnissen des Festivals gehörte der Film dennoch. 1970-01-01 01:00
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