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Viennale 2005

Österreich, Wien, 14. - 26. Oktober 2005
»Les Amants réguliers« von Philippe Garrel

Urbane Räume

Von Tina Hedwig Kaiser Es gab viele: japanische, chinesische, koreanische, französische, US-amerikanische, österreichische, argentinische etc. Städte in den Filmen der diesjährigen Viennale. Vielleicht ist es zuviel des Anspruchs, tatsächlich über einen Querschnitt der filmischen Stadtsichtweisen nachdenken zu wollen, doch zumindest stolpert man in den meisten Filmen hier und da über städtisches Pflaster.

Besonders zur Geltung mußte dieses natürlich in »Les Amants réguliers« von Philippe Garrel kommen, u.a. auch als die bessere Antwort auf Bertoluccis The Dreamers erkennbar. Geht es hier doch um die 68er und, im Anschluß an ihr Scheitern, um die Privatiers der 69er. Der Pariser Straßenkampf inmitten nächtlicher Pflastersteinberge erhält hier lange gedehnte Einstellungen nebst eben solchen langsamen Planfahrten an brennenden Autos und mehr oder weniger desorientierten jugendlichen Straßenkämpfern vorbei. Das Paris der 68er wirkt dabei, zudem in passendem Schwarzweiß gedreht, wie jenes der besten »vie de bohème«-Zeiten bis zu den goldenen 20ern und 30ern des alten Paris. Kleine Gassen und Laternen – die offensichtlich noch mittelalterlich geprägte europäische Innenstadt, die gerade inmitten ihrer alten Bausubstanz Hort für alle Art von alternativen Wohngemeinschaften wurde.

Das nächtliche Paris bis in die 30er, das uns heute noch von den ohne Zusatzlicht fotographierten Nachtaufnahmen Brassais bekannt ist, schimmert hier überall durch. Ein Fliehen, Streifen und Herumlungern auf Dächern und an der Seine ist dabei immer erste Handlungsoption – auch für die amants. Gegen Ende des Films, als die beiden in eine neue Wohnung gezogen sind und die Partnerschaft kurz davor ist, sich aufzulösen, sieht man sie ein letztes Mal zum Spaziergang aufbrechen. Und ist nahezu geschockt: Sie laufen an funktionalistischen 50er Jahre-Bauten vorbei, als ob sie das schon immer täten. Und man merkt erstmals: Der Film will ja die 60er zeigen, auch wenn die wie die 20er und Nuller unserer Tage zugleich aussehen: Parka und Kopfsteinpflaster – soviel hat sich gar nicht geändert. Daß man daran allerdings tatsächlich nach wie vor gewöhnt ist, gesteht man sich erst ein, wenn man in dieser letzten Einstellung eine weniger lauschige Straße sieht. Ist die europäische Häuserzeile der Nachkriegsmoderne tatsächlich so modern? Hier erscheint es einem so. Raus aus dem Kino – und der Bummel durchs alte Wien wirft einen natürlich noch ein gutes Stück weiter zurück.

Ein Jahrzehnt voran, und zugleich ein Sprung über den Ozean wie ihn auch die Protagonistin im Film davor zuletzt fertigbrachte: New York in »Face Addict« ist die andere amerikanische Stadt, die manchmal europäisch geprägte, die uns Jim Jarmusch in »Permanent Vacation« bereits in all ihrem glamourösen Zerfall zeigte. Das New York der Factory, Umfeld-Factory und Post-Factory findet sich hier in einem Dokumentarfilm: Edo Bertoglio sucht verschiedene Überlebende der damaligen Downtown-Szene auf: von John Lurie bis Debbie Harry, Bekannte und weniger Bekannte – zumeist Künstler und zugleich Kunst-Hasser. Ein sehr sympathischer unaufgeregter Suchblick auf damals und heute, Erinnerung, Nostalgie und neues altes Leben, ob noch immer in New York oder mittlerweile woanders – outside, um raus zu sein und irgendwie und anders zu überleben. Die große Stadt der Ostküste braucht dergestalt immer wieder ihre zugewanderten Bewohner, die nicht zuletzt auch ihrer mehr oder weniger seltsamen Heimatstädte gedenken, aber doch immer wieder froh sind, in ihren gemütlichen Dschungel New York abtauchen zu können. Offensichtlich wird dabei aber allemal: Dies ist der urbane Next Step, nach Paris, nicht nur Anfang des 20. Jahrhunderts für Künstler wie Duchamp, Picabia etc. – Dada New York hatte schon damals eine Bewegung vorgemacht, die auch später noch galt.

Dann doch endlich einmal eine offensichtlich amerikanisch-amerikanische Stadt: Memphis in »Forty Shades of Blue« von Ira Sachs. Die flache Autostadt par excellence mit Vorstädten und Neureichen-Villenvierteln ohne Ende – kein Swimming-Pool darf hier fehlen. Das Herz der erahnbaren, doch unsichtbar bleibenden Stadt, das belebte Ansichten nur an und in Nachtlokalen bietet, und sich ansonsten durch Blicke aus Autos heraus konstituiert, zeigt dabei die anderen klischeebeladenen USA, die sich von einem 50er Jahre-Song zum nächsten retten und dabei immer einen Whiskey hinterm Ärmel parat halten.

Der Film selbst, in besten Anklängen an Cassavetes, hatte bereits auf dem diesjährigen Sundance Film Festival den Großen Preis der Jury gewonnen. Und soll hier auch als einer der besten Filme der diesjährigen Viennale erwähnt werden. Eine unglaubliche Atmosphäre schaffend, und dabei zugleich Kälte und Wärme aufrechterhaltend, wird ein Hochlied auf den Seitenblick gehalten. All jenes, das nicht auszusprechen ist, nicht ausgesprochen werden muß und oftmals doch Handlungsgenerierer ist. Und nicht zuletzt Handlungsemanzipierer. Rip Torn erhielt hier während des Festivals seine zweite große Rolle, nach »Coming Apart« von Milton Moses Ginsberg – einen spät entdeckten Kultfilm aus den 60ern. Passenderweise auch noch ein Film, der hauptsächlich in einer Einstellung gedreht wurde: Die Kamera zeigt den gespiegelten Ausschnitt eines Penthouseapartments und läßt so nur den feststehenden Spiegel-Fensterblick auf das Stadt- und Hochhauspanorama zu. Dergestalt ist auch in »Forty Shades of Blue« die Stadt erneut eigentlich nur in Windschutzscheibenausblicken erfaßbar und auch noch mit dem gleichen Hauptdarsteller verknüpft: Die US-amerikanische Stadt braucht und benutzt die Rahmen und die Beschleunigung selbst in ihren filmischen Ausprägungen offensichtlich mehr als jede andere Stadt.

Dann der asiatische kinematographische Stadtraum: Die Außenbezirke Tokios in »Inuneko« von Iguchi Nami, eine japanische Provinzstadt in »Kikyo« von Hagiuda Koji, die chinesische Provinzstadt Zhongshan in »Alian« von Wei Xueqi – sofort stößt das kleine, niedrige, genügsame der Räume auf. In »Alian« ist dies allerdings ins Unfaßbare gesteigert: Der einzig private Raum, den junge Fabrikarbeiter hier für sich alleine haben, ist ihr mit Laken abgehängtes Bettgestell in großen Mehrbettzimmern. Die Stadt selbst setzt sich aus Morast, Baubrachen, umgebender Wildnis in der Nähe der Fabriken, Kitschkonsummärkten und weiteren relativ unansehlichen kleinen Orten um und in Häusern zusammen.

So ein China hatte man schon lange nicht mehr gesehen, vielleicht auch vergessen, nach allen Ver- und Abblendungen in die goldenen Schwertmythenmärchen a là Hero, Crouching Tiger, Hidden Dragon etc. Da erscheint Japan in »Inuneko« und auch in »Kokyo« sowieso noch etwas westlich-zeitgenössischer, etwas besser organisiert und nicht nur das: Die exakten feinen Räume lassen eine achtsame gemütliche Häuslichkeit ahnen, auch und vielleicht auch gerade in den Vororten der großen Stadt. Blumen, Katzen, Zuggleise – nichts wirkt wirklich verschmutzt oder nachlässig behandelt, alles scheint sich eher im besten Sinne einzufügen, auch auf noch so dichtem Raum und in noch so dichter Besiedlung. Eine Kunst, mit der wohl auch der gesamte Tokioter Stadtraum berühmt, und natürlich auch berüchtigt, geworden ist: die Zwischenraumbespielung, -bebauung und -nutzung macht Europäer meist staunen. Unter Straßenpfeilern und in kleinsten Häuserlücken findet sich immer noch ein Raum, der genutzt werden kann – und dergestalt oftmals in perfekter Improvisationsleistung den eigentlich interessanten Raum, gerade als Schwellen-, da Zwischenraum schafft. Etwas, das den Raum gerade auch in seiner Lücke und in seinen Auslassungen zu schätzen weiß.

Eine urbane Raumarbeit, die am ehesten an Jonas Mekas' Betrachtungen seiner leeren Wohnung in Brooklyn in »A Letter from Greenpoint« erinnert. Der kleine-große Lebensraum, über Jahrzehnte persönlich angeeignet und geprägt, den man doch immer noch anfüllen will, auch wenn man auszieht, und sei es mit dem Klang und Schall der eigenen Stimme. Vielleicht ein Zen-artiges Betasten und Beachten des Raumes, des Außen und Innen zugleich, das sich sehr sanft und behutsam mit jeder noch so kleinen Ecke auseinandersetzt. Tokio in New York, New York in Tokio: selbst die Katzen in den Filmen scheinen dies schon immer gelebt zu haben.

Eine ähnliche Bewegung zuletzt: von Hongkong nach Buenos Aires, im sogenannten Buenos Aires-Special der Viennale. Wong Kar-wai drehte in der argentinischen Metropole »Happy Together«. Zwei Liebende kommen aus China hierher, um ihre ausweglose Beziehung immer wieder zu beenden und erneut aufzunehmen – Duldsamkeit und Affekte inmitten der für sie fremden nächtlichen und auch völlig anders funktionierenden Straßen einer sehr europäisch geprägten südamerikanischen Stadt. Während sie sich als Fremdkörper durch diese Metropole bewegen, wird auch diese selbst zur unnahbaren Kulisse, der sie letztendlich nur entrinnen mit Hilfe eines gemeinsamen Fluchtziels: Sie wollen die Wasserfälle von Iguazú sehen, projizieren auf diese letztlich all ihre in der Stadt gescheiterten Wünsche. Doch auch die Autofahrt dahin ist nicht einfach – vielleicht ist die Straße auch schon zu sehr und zu viel von Buenos Aires selbst und sorgt so immer noch für genügend psychogeographische Verwirrungszustände der beiden Protagonisten.

Doch es gibt zumindest noch andere Orte, näher an der Küste, in die man vor der Metropole flüchten kann. Der Kurator der Filmreihe, Eduardo Antín, hat für sich hier San Clemente gefunden, ein Dorf näher am Meer und am weiten Horizont. Die Konzentration verlagert sich also mit der gefilmten Stadt auch immer zugleich auf deren Ränder, Auslassungen und dergestalt prägenden Stadtperipherien. 1970-01-01 01:00
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