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Venedig 2001: 58. Biennale

Venedig, August / September 2000
 

Die Politik kehrt zurück: Mostra Internazionale d’Arte Cinematografica

Von Erwin Heberling Gerade haben in Italien die Verhandlungen zwischen dem Fußballverband und den Fernsehsendern um die Vermarktung der Übertragungsrechte stattgefunden. Das Neue daran ist, daß erstmals der Staat sich selbst aktiv in diese Gespräche einmischte, die im Palazzo Chigi, dem Amt des Ministerpräsidenten, geführt wurden. Daß die Regierung Berlusconi erstmals direkt mitpokert, zeigt, wie stark Fußball und Politik mittlerweile vermischt sind.

Im schlimmsten Fall wird auch die Filmbiennale demnächst nur mit Berlusconis Genehmigung stattfinden können, womöglich mit einer neuen, von ihr eingesetzten Leitung. In diesem Jahr mußte sich Festivalleiter Alberto Barbera schon mit dem von Regierungsseite öffentlich erhobenen Vorwurf auseinandersetzen, sein wieder erfreulich vielschichtiges und risikofreudiges Festivalprogramm sei linkslastig.

Vielleicht war damit einfach nur die auffällig große Präsenz von aktuellen politischen Themen gemeint, die in den ausgewählten Beiträgen zur Sprache kamen: die Kriege auf dem Balkan, die Militärpräsenz der USA in Korea, die kosmopolitische Stadt Tanger als Drehscheibe zwischen Arabischen Staaten und Europa, das Problem der Demokratie auf einer iranischen Insel, die Veränderungen in der Arbeitswelt in den westlichen Staaten, schließlich noch die Ereignisse beim G 8-Gipfel in Genua in einem gerade noch fertiggestellten Video.

Wie bei allen großen Festivals ist Schlange stehen nichts Außergewöhnliches auf dem Rummelplatz Lido, der kleinen vornehmen Insel vor Venedig, zu der sich der Großteil des akkreditierten Fachpublikums täglich mit einem Vaporetto hin- und zurückbefördern ließ – zumal, wenn man während der Wartezeiten ein paar Sonnenstrahlen genießen konnte, um dann trotz des azurblauen Nachmittagshimmels wieder ins kühle Dunkel der Kinosäle zu verschwinden. Über Gerangel an den Einlaßtoren brauchte man sich in diesem Jahr aber nicht zuletzt dank des gestiegenen Platzangebotes nicht zu beklagen. Fast nicht, denn natürlich war dies bei den Vorführungen des neuen Woody Allen-Films der Fall, als viele trotz einstündigen braven Anstehens vor verschlossenen Türen standen und auf eine Sondervorführung um Mitternacht vertröstet wurden. Aber das gehört zu den alljährlichen Ritualen, die das positive Gesamturteil nicht schmälern.

Die Festivalleitung unter Alberto Barbera hat sich in diesem Jahr ein großes Lob verdient für eine insgesamt sehr gelungene Organisation und angenehme Festivalatmosphäre, bedenkt man zudem, daß erstmals auch alle Termine (außer den vorgezogenen Pressevorführungen) für das zahlende Publikum zugänglich waren.

Schlange stehen ist eher die große Ausnahme bei einem anderen Großereignis, das alle zwei Jahre in den »giardini« und den weiträumigen Hallen des ehemaligen Militärhafens »arsenale« gefeiert wird und bei dem im Unterschied zum hektischen Festivalalltag beschauliche Ruhe vorherrscht: der Kunst-Biennale.

Warten mußte man in diesem Jahr vor dem kanadischen Pavillon, aber das hat sich besonders für Filmfreunde allemal gelohnt, denn hier war ein weiterer Kinosaal versteckt, mit gerade mal siebzehn Plätzen. »The Paradise Institute« von Janet Cardiff und George Bures Miller war ein etwa zehnminütiges Multimediaerlebnis der ganz besonderen Art, das alle Sinne ansprach. Auf verschiedene Weise vermischte sich das Geschehen auf der Leinwand und im Zuschauerraum, daß man seinen eigenen Augen und Ohren nicht mehr trauen konnte.

Kaum hat man in dem in klassischem Kinoambiente ausgestatteten kleinen Raum Platz genommen, beginnt ein faszinierendes Schauspiel voller Illusionen. Man glaubt sich in einer Loge zu befinden, unter der sich ein riesiger Zuschauerraum mit mindestens 200 Plätzen befindet, rechts und links von weiteren Logen umgeben. Über die Kopfhörer, die sich jeder zu Beginn aufgesetzt hat, werden weitere Verwirrungen erzeugt: Die Dolby Surround-Effekte lassen einen glauben, daß hinter einem weitere Personen entlang gehen (obwohl es da keine Plätze mehr geben kann), jemand flüstert einem etwas ins Ohr (war das nicht die Frau aus dem Film, die jetzt plötzlich neben mir sitzt und sich mit mir verabreden möchte?) und als ein allzu vertrautes Handyklingeln ertönt, schaut jeder sofort bei sich zuerst nach, obwohl auch dies aus dem Kopfhörer kommt.

Ein Kino für die Sinne suchte man in den ersten Tagen auf dem Lido vergeblich (mit Ausnahme des indischen Beitrages, siehe dazu weiter unten). Sieben Jahre nach seinem grandiosen Film »Vor dem Regen«, für den Milcho Manchewski damals den Goldenen Löwen gewann, weckte sein als Eröffnungsfilm ausgewähltes Nachfolgewerk »Dust« große Erwartungen, doch der Film war eine Enttäuschung. Die Geschichte, die einen Faden spannte vom Amerika zu Beginn des 20. Jahrhunderts bis zum heutigen in die Balkankriege verwickelten Mazedonien, wirkte arg konstruiert und auch die unsäglich ausgedehnten Schießereien im Stile eines Balkan-Italo-Western erzeugten zunehmend Langeweile. Hinzu kommt seine fast propagandistische, politische Aussage, bei der vor allem die Türken ganz schlecht wegkommen.

Danach wurde man vor allem im traditionellen Wettbewerb (in diesem Jahr wurde erstmals ein weiterer Wettbewerb in der Sektion »cinema del presente« ausgetragen, eine gelungene Maßnahme zur Aufwertung der darin vertretenen Beiträge) mit einer deftigen Überdosis sex and crime regelrecht erschlagen: verbale und körperliche Vergewaltigungen verfolgten einen von Film zu Film, Hände wurden abgehackt und wieder angenäht, Hunde massenweise erhängt und erschossen und der Hundeschlächter schließlich selbst von seinen gefangenen Vierbeinern zur Strecke gebracht.

Letztere Szenen allerdings stammen aus einem Film, der durchaus Beachtung verdient und zu den besseren im Wettbewerb gehörte: »Soochwieen Boolmyung » ("Address unknown") des Koreaners Kim Ki-duk, dem Regisseur von »Seom« ("The Isle"), der erst im vergangenen Jahr durch seine skandalösen blutigen Angelhakenszenen die Publikumsmeinung extrem spaltete (übrigens hat der Verleih Rapid Eye Movies mittlerweile den Film ins Programm genommen).

Auch sein neuer Film, der die gegenwärtige politische Situation in Südkorea zum Thema hat, ist voller brutaler Bilder. Ki-duk entfaltet ein ernüchterndes Szenario seines Landes, das von den Spuren der Kriege mit den USA und der Präsenz ihrer Militärbasen gezeichnet ist. Man sieht alte koreanische Männer, die stolz ihre militärische Auszeichnungen zu Markte tragen, während auf der anderen Seite eine junge, unglückliche Frau unbeantwortete Briefe an einen amerikanischen GI, den Vater ihres Sohnes, schreibt. Ihr vaterlos aufgewachsener Sohn selbst wirkt ebenfalls psychisch zerstört, seine Erziehung haben andere übernommen, vor allem der erwähnte Hundeverkäufer, bei dem er arbeitet, ihm das Töten der Tiere beizubringen versucht und auch noch seine Mutter vergewaltigt.

Es ist nicht die einzige »Liebesbeziehung«, die auf Gewalt basiert. Der wenig Hoffnung machende Film besticht auch dadurch, daß er keine einfachen Schuldzuweisungen zuläßt. Am nachhaltigsten in Erinnerung bleibt das Scheitern einer zarten Liaison zwischen einem jungen amerikanischen GI und einer schüchternen Koreanerin, deren Bruder ihr bei »Kriegsspielen« versehentlich ein Auge ausgeschlagen hatte. Der GI – für seine Beziehung gleichermaßen geächtet von Koreanern und Amerikanern – ermöglicht seiner Freundin eine erfolgreich verlaufende Augenoperation. Eine Beziehung kommt dennoch nicht zustande, die Koreanerin lebt lieber mit einem Auge weiter als mit dem GI.

Von Gewalt handelt auch ein anderer Film, den aufgrund seiner großen atmosphärischen Dichte nicht jeder bis zum Ende anschauen mochte und der zu extrem unterschiedlichen Reaktionen führte. In der italienischen Presse wurde er regelrecht verrissen.
»Hundstage« ist der erste Spielfilm des Österreichers Ulrich Seidl, der bislang ausschließlich als Dokumentarfilmer ( »Tierische Liebe«, »Models") gearbeitet hatte. Die heißesten Tage im Juli und August nennt man in Österreich die »Hundstage« und, wie Seidl in der Pressekonferenz bemerkte, steckt dahinter noch ein anderer Sinn. Während dieser Tage spielen sechs Geschichten von schwitzenden Menschen in einer Neubausiedlung am Rande Wiens. Seidl zeigt die andere Seite einer von Ordnung, Ruhe und Sauberkeit geprägten Welt, in der Hunde oder Alarmanlagen das Eigenheim bewachen. Man weiß nicht, worunter die Bewohner mehr leiden, unter der drückenden Hitze oder ihren jeweiligen persönlichen Verhältnissen, die sie zu psychischen Krüppeln gemacht haben, die ihre Isolation still ertragen, mit Zwangsneurosen kompensieren oder mit Gewalt an anderen abreagieren. Seidl läßt den Zuschauer wie durch eine versteckte Kamera Zeuge des Geschehens in den Wohnhäusern werden. Die Ereignisse werden ausgiebig auf die Spitze getrieben, doch je länger der Film dauert, desto unerträglicher wird das Zuschauen und man wünscht sich das Ende herbei.

»Hundstage« wurde mit einem der drei Hauptpreise ausgezeichnet, man darf auf seine Kinoauswertung in Österreich gespannt sein.

Weniger umstritten war der iranische Wettbewerbsfilm, der für viele der beste Film dieses Jahres war: Gedreht ausschließlich mit Laiendarstellern überzeugt »Raye Makhfi« ("Geheime Wahl") von Babak Payami mit ruhigen, unspektakulären Bildern und reiht sich stilistisch ein in die Reihe jener gerade in Venedig in den letzten Jahren preisgekrönten Filme, die für das neue iranische Kino stehen. Die Geschichte spielt auf einer kleinen, abgelegenen Insel. Zwei hier abgestellte Militärpolizisten schieben eine ruhige Kugel, als am Wahltag ein Pappkarton von einem Flugzeug abgeworfen und mit einem Boot eine Frau auf die Insel gebracht wird, um die Stimmen der Wahlberechtigten einzusammeln. Eine Frau als Wahlbeauftragte mag der Soldat kaum akzeptieren, doch schließlich starten die beiden im Militärjeep zu einer abenteuerlichen Reise. Die Frau stürzt sich voller Elan in ihre zeitlich knapp bemessene Arbeit und läßt sich bei ihrer Mission von keinen auch noch so großen Problemen aufhalten. Sie trifft auf Männer, die für ihre Frauen abstimmen wollen, anderswo auf eine kleine Gemeinde, deren Bewohner gerade wichtigeres zu tun haben, wieder andere wissen schlicht nicht, wer die Kandidaten sind, die sie wählen sollen. Die Regisseurin betont, daß sie mit dem Film keine realistische Schilderung der Verhältnisse im Iran beabsichtigt habe. Vielmehr handele es sich um eine absurde, surreale Komödie über die Schwierigkeiten demokratischer Wahlen in Gesellschaften, die nach ihren eigenen Regeln funktionieren. Der Film stellt Fragen nach politischen und sozialen Reformen, auf die es keine einfachen Antworten gibt. Einmal stoppt der Jeep mitten in der Wüste an einer einsamen, auf Rot stehenden Ampel. Die Situation wird noch grotesker, als dieser Zustand minutenlang andauert. Zum ersten Mal kommt die bis dahin streng rechtsbewußte Wahlbeauftragte ins Schleudern und drängt ihren Fahrer, trotz roter Ampel weiterzufahren. An anderer Stelle sagt sie in einem Gespräch mit einer Einheimischen: »Ein Schritt nach dem anderen. Die Dinge können sich nicht alle auf einmal ändern«.

»Raye Makhfi« erhielt den Spezialpreis für die beste Regie, während der Goldene Löwe an Mira Nair ("Salaam Bombay«, »Kama Sutra") ging für ihren Film Monsoon Wedding. Mit ihrer Mittelschichtskomödie voll Tanz und Gesang sorgte sie für eines der wenigen sinnlichen Erlebnisse und dokumentierte damit gleichzeitig die Weltoffenheit eines modernen, von vielerlei kulturellen Einflüssen gespeisten Indien.

Den technisch innovativsten Wettbewerbsfilm lieferte Richard Linklater mit Waking Life, eine interessante Mischung aus Real- und Trickfilm. Gedreht hatte er mit realen Schauspielern, die am Computer später von insgesamt 30 Grafikern übermalt wurden. Im Film selbst geht es um Träume und Traumdeutungen, pausenlos wird geredet, über Gott und die Welt, Freud und Marx.

Eine weitere Auszeichnung verdient nachhaltige Erwähnung: In der Sektion »cinema del presente« erhielt der französische Film »L`empoli du temps« von Laurent Cantet, dessen vorheriger Film »Ressources humaines« gerade in den Kinos lief, den Hauptpreis. Der Film wirft einen Blick auf Männer in Führungspositionen in den westlichen Gesellschaften: Als Vincent seinen Managerposten verliert, verschweigt er dies vor seiner Familie und beginnt, ein Doppelleben zu führen. Er kann sich, seiner Familie und seinen Freunden den Verlust seines gut dotierten Arbeitsplatzes und damit seiner privilegierten sozialen Position nicht eingestehen. Stattdessen gibt er vor, einen neuen, noch besseren Job bei der UNO in Genf gefunden zu haben, er fährt tatsächlich dorthin, um sich vom Portier aus der Eingangshalle verweisen zu lassen, schläft nachts auf Hotelparkplätzen im Auto. Er belügt auch gute Freunde, deren Geld er angeblich in Investmentgeschäften anlegt. Um nach außen ein statusgemäßes, sorgenfreies Leben zu führen, das ihm und seiner Familie alle Wünsche erfüllt, verrennt er sich von Lüge zu Lüge und gibt sich dadurch völlig auf.

In der zweiten Woche wurden zwei Wettbewerbsfilme mit besonderer Spannung erwartet: die neuen Filme des Brasilianers Walter Salles, der in Berlin vor ein paar Jahren mit »Central Station« den Goldenen Bären gewonnen hatte und des Serben Goran Paskaljevic, dessen Film »Bure Baruta« ("The powder keg") 1998 in Venedig vom Publikum gefeiert und bei zahlreichen Festivals ausgezeichnet wurde.

Beide Filme konnten die hohen Erwartungen letztlich nicht erfüllen, wobei sie interessanterweise viele Gemeinsamkeiten haben: Sie bedienen sich literarischer Vorlagen aus fremden Kulturen, um deren mythenhaften Gehalt nach Brasilien bzw. Serbien zu übertragen (die instabilen politischen Verhältnisse zwangen Paskaljevic allerdings dazu, die Dreharbeiten und die Handlung nach Irland zu verlegen, »because it is Beckett's country, a country, where as in this story, tragedy overlaps with humour"). Beide Filme sind den Anfängen des 20. Jahrhunderts angesiedelt und haben parabelhaften, universellen Charakter. Es geht um traditionelle, patriarchal geprägte Familienverhältnisse, die von Generation zu Generation weitergegeben werden. In beiden Fällen brechen die Söhne aus dem Ritual aus.

In »How Harry Became a Tree« – dem eine chinesische Fabel zugrunde liegt – lebt Harry Maloney allein mit seinem Sohn Gus, nachdem er Frau und Sohn Patrick im Bürgerkrieg verloren hat. Harry ist ein Mann mit festem Glauben und klaren Zielen. Dazu gehört auch, einen Feind zu haben und ihn zu hassen. So kämpft er gegen George O'Flaherty , den mächtigsten Mann im Dorf. Um ihn zu besiegen, spielt sein Sohn Gus eine große Rolle. Gus hält aber an seiner jungen Ehe festhält, obwohl seine Frau mit George ins Bett geht. Harrys Rachefeldzug treibt ihn in die Isolation, sein Sohn und seine Frau lassen ihn zurück und am Ende holen ihn seine anfänglichen Träume wieder ein, er verwandelt sich in einen Baum. Sehr überzeugend in der Rolle des Harry spielt Colm Meaney (bekannt aus »The Snapper« von Stephen Frears oder »The Commitments« von Alan Parker).

»Abril Despedacado« von Walter Salles basiert auf einer Novelle des Albaners Ismail Kadaré und die Suche nach den historischen Wurzeln der Erzählung führte Salles zur griechischen Tragödie, hier fand er wiederum Parallelen zur brasilianischen Geschichte: Das Thema sind die uralten Fehden zwischen Männerbünden, die mit hohem Blutzoll bezahlt werden und den Versuchen, daraus auszubrechen. Zu Beginn des Films sieht man ein blutgetränktes Hemd, das an einer Leine hin- und herweht. Das Hemd gehörte einem Sohn einer Familie von Landeignern, der von dem Sohn der mit ihr im Clinch befindlichen Nachbarfamilie ermordet wurde. Wenn nach ein paar Tagen das Rot des Blutes in gelb übergeht, ist die Zeit gekommen für Rache. Und dann wird wieder ein blutgetränktes Hemd die Wiederkehr des immergleichen ankündigen. Der 20jährige Tonho soll den Mord an seinem Bruder rächen und er weiß, daß er selbst danach das nächste Opfer sein wird. Er beginnt sich der verhängnisvollen Tradition zu verweigern, um seinem Schicksal zu entkommen, aber der Blutzoll wird dennoch entrichtet.

In der Sektion »Nuovi territori« wurden zwei sehr interessante Dokumentarfilmprogramme präsentiert. Produziert von Nanni Moretti (der in diesem Jahr auch Jurypräsident war) und Angelo Barbagallo waren sieben kurze Verfilmungen von Geschichten aus dem italienischen nationalen Tagebucharchiv zu sehen. Allein schon die Existenz einer solchen Einrichtung ist höchst bemerkenswert. Persönliche Aufzeichnungen und Erinnerungen von einfachen Menschen sind hier hinterlegt. Sie sind in den Filmen selbst präsent und kommentieren das aus Fernsehsendern stammende historische Bildmaterial, das Eindrücke von jenen Zeiten und Orten vermittelt, von denen sie berichten. Allesamt vermitteln sie spannende Eindrücke einer italienischer »Geschichte von unten«. Wenn ihre Zusammenstellung auch beliebig erscheint, so vermitteln sie doch zusammen ein lebendiges Bild persönlicher Erlebnisse, die immer auch Mosaiksteine der italienischen Gesellschaft im 20. Jahrhundert darstellen.

Aus diesen Programmen seien zwei besonders beeindruckende Filme kurz erwähnt: »In the name of the italian people« handelt von dem heute 52jährigen Claudio Foschini, der 27 Jahre im Gefängnis saß. Sein in diesen Jahren entstandenes Tagebuch war seine einzig mögliche Bewältigung dieser schweren Zeit, die ihm wichtige Jahre seines Lebens raubten. Seine Geschichte steht beispielhaft für viele junge Italiener, die in den armen Vorstädten in den 60er Jahren groß wurden und einer sozialen Schicht angehörten, deren Sozialisation fast naturwüchsig zu harten Drogen und kriminellen Aktionen führte. »Life of a Sardinian Anarchist« von Roberto Nanni schildert die Geschichte des heute 90jährigen Antonio Ruju, der mit unglaublich wachem Geist und intelligentem Humor von den politischen Verhältnissen und dem antifaschistischen Kampf in Sardinien seit Anfang des 20.Jahrhunderts, das er fast ganz durchlebt hat, erzählt.

In zwei sensibel erzählten Filmen von jungen asiatischen Filmemachern, die man zu den Entdeckungen des Festivals zählen darf, geht es um junge Menschen, die aus ihrer Umgebung aufbrechen. Einer davon ist »Flower Island«, von der Koreanerin Song Il-gon: An einem Wintertag machen sich zwei junge Frauen auf den Weg, hinaus aus der Großstadt, die sie infolge unbedingt verlassen wollen, zur »Flower Island«, wo angeblich alle Schmerzen und Sorgen aufhören sollen. Unterwegs durch schneebedeckte Wege, befreien sie eine weitere Frau, die Selbstmord begehen wollte, aus ihrem vom Schnee eingedeckten Auto. Zu dritt beginnt ihr langer Trip , auf dem sie wie »Der kleine Prinz« von Antoine de Saint-Exupery (auf den die Regisseurin bewußt anspielt) viele unerwartete Abenteuer bewältigen müssen. Am Ziel endlich angekommen, merken sie, daß es die Reise selbst war, die ihre Wunden geheilt hat. Märchenhafte Züge und eine poetische Symbolik kennzeichnen diesen bemerkenswerten Film.

Die andere Entdeckung lief in der »Settima Internazionale della Critica«, in der alljährlich Erstlingswerke junger, unbekannter Filmemacher vorgestellt werden. Aus der diesjährigen 16.Ausgabe, einem insgesamt eher schwacher Jahrgang, ragte ein Film heraus: »Gege« ("Brother") von der 27jährigen Koreanerin Yan Yan Mak. Gedreht unter extrem schwierigen Bedingungen ("ohne Elektrizität, Wasser und Geld«, so die Regisseurin) erzählt sie von dem jungen Ming aus Hong-Kong, der erstmals nach China kommt, auf der Suche nach seinem älteren Bruder, den es vor Jahren hierher verschlug. Er sucht ihn in dem 4000 Meter hohen Bergen von Qinghai, von wo ihm sein Bruder ein Foto geschickt hatte. Doch so nah er ihm auch kommt, er findet ihn nicht, aber er wird ihm immer ähnlicher und findet auch so Gefallen an seiner Reise.

Gegen Ende des Festivals kamen die »Altstars« nach Venedig: Jeanne Morreau, die die Rolle der Marguerite Duras in »Cet amour là«, der Verfilmung ihrer Beziehung zu dem jungen Yann Andrea, spielte und eine andere Legende, dem man aber kaum ansah, daß die Uraufführung seines Erstlingswerks, das als Sondervorführung in der Woche der internationalen Filmkritik lief, schon 30 Jahre zurückliegt. Peter Fonda strahlte eine wohltuende Gelassenheit aus, als er zur Publikumsvorführung von »The hired hand« in den Saal kam. Er hob sich auch sonst angenehm ab von den vielen aufgeregten Gesichtern, die der Medienrummel der vorangegangener Tage ins Visier genommen hatte. Sein geradlinig erzählter Western bediente mit seinen psychedelischen Bildern nicht nur ebenso wohltuend nostalgische Wünsche, sondern erschien auch fast wie eine Wiedergutmachung für das, was der Eröffnungsfilm dem Genre angetan hatte. 1970-01-01 01:00
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