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Kurzfilmfestival Tampere, Finnland, 2001

Tampere, 7. - 11. März 2001
 

Hang loose

Von Nikolaj Nikitin Das Tampere Kurzfilmfestival in Finnland (7.-11. März) ist weltweit eines der bedeutendsten – bekannt nicht nur für das umfangreiche Rahmenprogramm, sondern auch für die angenehm lockere Atmosphäre zwischen Kinosaal, Sauna und Sprüngen in den Eisteich.

Wasser schien schon immer ein äußerst dankbares Motiv für die Kamera zu sein. Soll eine Szene im Freien eine gewisse dramaturgische Aufpäppelung bekommen, soll die Verzweiflung der Protagonisten über all das Böse in der Welt deutlich werden, läßt man es regnen. Nichts treibt die Katharsis so schnell voran wie ein heftiger Schauer. Schwimmende Menschen geben optisch stets ein dankbares Szenario ab. Und welche Bilder, wenn nicht die der Turmspringer, sind die meistzitierten aus »Olympia«. Tampere zollte neben Len Lye, Cronenberg, Paul Verhoeven und Robert Frank vor allem Leni Riefenstahl Tribut und zeigte beide »Olympia«-Teile und »Triumph des Willens«. Die Festivalleitung besaß den Mut, die Filme endlich einfach nur so zu zeigen, nicht von irgendeinem Geschichtsprofessor oder Filmhistoriker ausufernd einführen zu lassen und mit erhobenem Zeigefinger den historischen Zusammenhang, der allseits bekannt ist, zu erläutern. Die Filme standen für sich.

Wieviel Einfluß die Ästhetik Riefenstahls noch besitzt, demonstrierte der Gewinnerfilm nicht nur des internationalen und nationalen, sondern auch des Publikumspreises »Hyppääja – The Diver«. Ein alter Kunstspringer und Olympiateilnehmer erzählt von seiner Vergangenheit, die untrennbar mit einem mondänen Schwimmbad in Helsinki verbunden ist. In stimmigen s/w-Bildern gelingt es dem jungen Regisseur PV Lehtinen, mit poetischen Bildern, die niemals kitschig wirken, eine erstaunliche suggestive Kraft aufzubauen und eine eindringliche Schönheit der einzelnen Bilder zu kreieren. Gekonnt ist nicht nur die Kadrierung und Inszenierung der Interviewpassagen, sondern vor allem der Angleich des neu Gedrehten ans vorhandene Archivmaterial. Tempo und Rhythmus gehen perfekt ineinander über.

Neben dem Grand Prix und Preisen in den Kategorien Fiction, Animation und Dokumentarfilm wurde ein Preis von der European Film Academy vergeben. Dieser beinhaltet nicht nur eine Geldsumme, sondern, zusammen mit den Preisträgern neun anderer Festivals, eine Nominierung zum Europäischen Filmpreis. Dank dieser Maßnahme rückt der Kurzfilm erfreulicherweise mehr in den Vordergrund der im Dezember in Berlin stattfindenden Verleihung. Ausgezeichnet wurde der herrlich schräge und äußerst humorvolle schwedische »Svitjod 2000+« der beiden Filmemacher Mårten Nilsson und David Flamholc. Mit den Eigenschaften und Stärken des digitalen Bildes spielend – der Freiheit und Spontaneität der Inszenierung – verfolgen wir eine Umfrage durch ganz Schweden, ob es nicht sinnvoller sei, das spärlich bevölkerte Land mit ein paar mehr Menschen zu besiedeln. Ein Film wie gemacht für das vereinte Europa unter schwedischer Führung.

Im Fictionbereich dominierte das belgische Mutter-Tochter-Drama »Chambre Froide«; eine eindringliche Inszenierung und das minutiöse Spiel lassen mehr von Regisseur Masset-Depasse erwarten. Bei der Auswahl der deutschen Beiträge griff die Kommission leider arg daneben: So beim miserablen »Hood«, einer wahren Verschwendung von Förder- und Fernsehgeldern für eine stupide, pseudohippe Umsetzung des Rotkäppchen-Motivs. Außerdem lief der uninspirierte »Sportfrei« und der einfach langweilige »Post mortem«. Neben den gut konzipierten Rahmenprogrammen machten vor allem die engagierten Mitarbeiter, die umwerfende Landschaft und die finnische Herzlichkeit Tampere zu einem unvergeßlichen und unvergleichlichen Kurzfilmmarathon. 1970-01-01 01:00
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