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Festival Sochi 2002

Sochi, Rußland
5. bis 13. Juni 2002

Midnight Sun Film Festival Sodankylä 2002

Sodankylä, Finnland
12. bis 16. Juni 2002

Stummfilmklassiker im Zirkuszelt

Von Nikolaj Nikitin Wenn im heimischen Lichtspielhaus Perlen der (Stumm-) Filmgeschichte präsentiert werden, bleibt das Kino oft leer. Heutzutage scheint die Bereitschaft, sich vergangene Filmklassiker anzuschauen, nicht allzu groß. In diesem Bereich obliegt es vor allem den Festivals, zum Erhalt der Filmkunst beizutragen. Im Juni fanden zwei Filmfestivals statt, die ihre ganz eigene Art haben, Filmgeschichte in einem spannenden Kontext zu präsentieren.

Das 9. Internationale Filmfestival Sochi zeigte in seiner Retrospektive »Sie glauben es zu kennen, aber…« internationale Filmklassiker, die denselben Titel wie aktuelle Produktionen tragen. Gerade die jüngeren Festivalbesucher waren von dieser Art der Programmierung sehr angetan, die sie überraschenderweise mit vergessen geglaubten Filmperlen und Absonderlichkeiten konfrontierte.

Im Wettbewerb lief Henner Wincklers äußerst atmosphärisches Debüt Klassenfahrt, das auch prompt eine Auszeichnung erhielt, sowie Ulrich Köhlers Bungalow, desweiteren eine Regina Ziegler-Retrospektive, in der sieben Werke wiederzuentdecken waren u.a. »Solo für Klarinette« und »Kamikaze 1989«. Weitere Highlights des Programms waren der norwegische Oscarkandidat Elling und der tschechische »Wild Bees«, der auch als Preisträger des Programms hervorging. Parallel dazu fand zum 13. Mal das Festival des russischen Films statt, in dem in drei Wettbewerben aktuelle Produktionen liefen.

Bei dem entlegenen, aber legendären Midnight Sun Film Festival in Sodankylä wurde einem in Schlangen anstehenden Publikum Stummfilmkunst mit musikalischer Begleitung in einem Zirkuszelt dargeboten, zudem ein absolutes Glanzstück der sowjetischen Filmgeschichte: »Neues Babylon« von Kozintsev/Trauberg, begleitet von finnischen Jazzmusikern.

Das besondere an diesem Festival, das weltweites Renommée besitzt, ist die Tatsache, daß es eigentlich im Nirgendwo stattfindet: in dem 9000-Seelen-Dorf Sodankylä, das ungefähr 900 Kilometer von der Hauptstadt Helsinki entfernt ist. Die weitere Besonderheit sind die Gründer des Festivals, die abwechselnd vor Ort sind: die Brüder Aki und Mika Kaurismäki, der erste vor kurzem noch in Cannes mit zwei Preisen für sein Meisterwerk »The Man Without a Past« bedacht. Es ist zu spüren, daß das Filmprogramm von Cinephilen für ebensolche gemacht ist – und die Regisseure sich Kollegen einladen, deren Arbeit sie stets bewundert haben. Seit Jahren kommen Heroen der amerikanischen Filmgeschichte, etwa Samuel Fuller oder Jim Jarmusch, aber auch weltweit aktive Autorenfilmer. In diesem Jahr reiste die Regieikone Francis Ford Coppola an, um die berühmt-berüchtigten Weißen Nächte zu erleben, an denen die Sonne nicht untergeht.

Drei weitere Ehrengäste waren der ungarische Regieveteran Miklos Jansco, der argentinische Regisseur Fernando E. Solanas und der Kanadier Denys Arcand. Coppola beeindruckte mit spannenden Erzählungen über die Entstehungsgeschichte der Klassiker »Der Pate« und »Apocalypse Now!« und erklärte auch, wieso er so manch mißlungene Auftragsproduktion annehmen mußte, um überhaupt überleben zu können. Zudem liefen neue finnische Produktionen, u.a. »The River« von Jarmo Lampela, eine Art »Short Cuts« in einer finnischen Kleinstadt. Der Film war der finnische Vorschlag für den Oscar, der es leider nicht zur Nominierung schaffte. Und da die Sonne nicht unterging, fanden die Screenings entsprechend bis zum frühen Morgen statt. 1970-01-01 01:00
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