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Festival Sochi 2001

Sochi, 3. - 14. Juni 2001
 

Innere Unsicherheit

Von Nikolaj Nikitin Der Verwendung von Video wird ein größeres Maß an Authentizität zugesprochen. Oft wird diese Freiheit nicht genutzt, stattdessen herrscht Schlampigkeit im Bildaufbau und Vernachlässigung der Dramaturgie vor. Nicht so beim gerechtfertigten Gewinner des Festivals in Sochi, My Brother Tom von Dom Rotheroe.

Durch das handliche, da viel kompaktere Kameraauge, das wesentlich kleinere Team, keinen großen Verlust für den Aufbau und die Einleuchtung der Szenen wollen Filmemacher Möglichkeiten gewonnen wissen, die sie zur besseren Umsetzung der Stoffe verwenden. Oft geht der Schuß jedoch nach hinten los, durch das schnelle Filmen wird kein Wert mehr auf die Bildgestaltung gelegt, eine sinnvolle Entwicklung der Charaktere wird Effekten geopfert. Was im Dokumentarfilm in dieser Form schon öfters erfolgreich praktiziert wurde, um eine intime Nähe zu den Protagonisten aufzubauen, blieb im Spielfilmdrama eher eine Ausnahme.

Dank Robby Müllers außergewöhnlichen Fähigkeiten und weitreichenden Erfahrungen gelang es Regisseur Rotheroe bereits mit seinem Debüt My Brother Tom, die dramatische Geschichte und die fatale Liebe zwischen dem labilen Tom und der unsicheren Jessica überaus ergreifend und packend zu inszenieren. Beide Teenager sind Außenseiter mit familiären Problemen, Tom wird zu Hause mißbraucht, Jessica von ihrem Lehrer vergewaltigt. Bereits bei der ersten Begegnung merken die beiden, daß sie etwas Starkes verbindet, das über eine normale Liebesbeziehung hinausgeht. Unter »Bruder« ist sowohl eine Liebesbeziehung als auch eine Seelenverwandtschaft zu verstehen. Gemeinsam frönen die beiden im Dunkel der Nacht körperlichen Ritualen, die ich selten so unverblümt auf der Leinwand gesehen habe. Die starke Wirkung ist vor allem den exzellent ausgesuchten und virtuos geführten Darstellern zu verdanken, die der Regisseur niemals der Lächerlichkeit preisgibt. Die Momente der kollektiven Selbstverstümmelung drehen einem aber auch den Magen um. Ein äußerst mutiger Film, der sich sehr viel traut und zweifelsohne zu den Highlights des laufenden Kinojahres gehört, so daß ich ihm eine Auswertung in Deutschland nur wünschen kann.

Am Schwarzen Meer gelegen, beherbergt das beliebte Sommerressort bereits im achten Jahr ein internationales Filmfestival (3.-14.6.). Neben der fast parallel stattfindenden Leistungsschau des aktuellen russischen Films, will man durch dieses Festival den Einheimischen das europäische Kino näherbringen. In diesem Jahr entwickelte sich durch die Teilnahme von fünf deutschen Filmen (u.a. der bravouröse Die innere Sicherheit, s. Schnitt Nr. 21 und Zoom mit Florian Lukas, s.S. 54) ein deutlicher Schwerpunkt. Ob sich dieser Trend hält, bei dem sich das deutsche Kino nach Meinung des Festivaldirektors Sergei Lavrentiev als das dynamischste in Europa beweist, darf mit Spannung bis zum nächsten Jahr erwartet werden. 1970-01-01 01:00
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