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Sehsüchte 2006

Potsdam Babelsberg, 25. - 30. April 2006

Babelsberg gerettet

Von Tina Hedwig Kaiser Manche Studentenfilme sehen wie Studentenfilme aus, andere nicht. Und das muß wohl so sein. Bei den Sehsüchte-Sichtungen könnte man sich zumindest einen Sport daraus machen, hiernach einzuteilen. Die Ausstattung kann mal so voll, das Drehbuch so überbordend sein, daß jeder Spruch und jede Einstellung, die noch so sehr vereinnahmen wollen, schlichtweg abprallen und ins Leere laufen. Dabei sind es keine schlechten Filme, die oftmals auf dem Gebiet des »Alles-Können, Alles-Wollen und ‚Technik hab ich auch'« ausrutschen. Nein, man sieht es, sie können es ja eigentlich. Doch der Wille um das Viele wird leicht ein Zuviel bzw. ein »weit drüber hinaus«. Leider. Ansonsten sind es ja wirklich oft spannende Experimente, die mit kürzester Zeit auskommen müssen. Und es gibt Stellen, die, wenn nicht im einen Bereich, dann im anderen Bereich, beeindruckend gebaut sind. Wenn nicht die Kamera, dann eben das Setdesign oder das Drehbuch.

So z.B. »Dig the Dog« von Jan Daniel Fritz und Alexander Klein. Fette Settings, angenehme Schauspieler, die ihr Typenklischee mit Gelassenheit einzusetzen wissen, und dennoch. Immer wieder klopft das Zuviel und »knapp daneben« an die Tür. Aber das kann vielleicht so gewollt sein, zumindest manchmal, und letztlich – manches muß einfach ausprobiert werden. Die Schlüsselszene des Films macht dann auch Vieles wieder gut – ist punktgenau: Hundehasser hüpft Hund kaputt, macht sich selbst im Anschluß dann k.o., natürlich beim Ausgleiten auf dem unvermeidlichen Hundehaufen. Und ja, es ist lustig. Manchmal funktioniert eben das Klischee. Detail: Die anschließende Bild-Meldung dazu hat noch einen spannenderen Ticker darunter: »Wowereit schwanger (Zwillinge)!« Man merkt, die Studenten hatten einfach Spaß. Was wollen wir denn in Babelsberg auch mehr – auf diesem rundweg entspannten internationalen Studentenfilmfestival inmitten altehrwürdiger Studio- und Starsystemlandschaften?

Einen guten polnischen Film allemal. »x2« von Bartosz Padusch füllt die andere Seite aus. Das atheatrale Setting einer tristen polnischen Stadt, irgendein anonymer Außenbezirk, wo die Tramhaltestelle den letzten Nabelstrang zur anderen Welt markiert. Zwei junge Männer stehen hier noch zum Zigarettenrauchen zusammen, nachdem sie ein gemeinsames Polizeiverhör durchstanden haben. Der eine ist offensichtlich Punk, mit Iro und Parka, der andere irgendetwas anderes: ein Trainingsanzug, bißchen anders eben – doch nicht auf den allerersten Blick rechts. Die Chemie zwischen den beiden scheint zu stimmen. Und viel zu reden gibt es einfach nicht. Irgendetwas Verwandtes, Brüderliches schwingt mit. Dann kommen andere Jungs aus dieser Gegend ums Eck und steuern auf die Haltestelle zu. Nur der mit dem Trainingsanzug sieht sie – und scheint sie zu kennen. Und er hat nur wenige Sekunden für seine Reaktion. Eigentlich raucht er ja gerade noch gemütlich mit diesem relativ fremden Punk eine Zigarette.

Die Tram kommt herangefahren, die Gang rückt immer näher, er packt sich seinen vermeintlichen neuen Bruder, zerrt ihn herum, kurzer Kopfkick und Schläge, ein Stoß, und der Angegriffene fällt völlig perplex auf den Boden der Tram. Ist noch verwirrt vom Angriff, sieht hoch, die Türen schließen sich schon – und jetzt ist die restliche Gang auch da, klopft an die Scheiben, wütend, ihn nicht mehr gekriegt zu haben. Hatten offensichtlich noch einiges mit ihm vor. Und jetzt weiß er es: Der andere, der tatsächliche Bruder, zieht mit seiner Gang ab. Kriegt kurze Schulterklopfer hier und da – irgendwelche Schläge hatten sie ja noch gesehen. Das Alter ego, ein gegensätzliches und hier eher rechtes, hat sie also beide rausgerissen.

Ein Blick zurück über die Schulter in die Tram trifft den geretteten Blick aus der wegfahrenden Tram – irgendwie verwandt und auch nicht. Verdammt, ein großer Liebesfilm gleichzeitig. Und das alles in einem völlig unaufgeregten, kleinen Film – der plötzlich nach der Sichtung im Bauch größer wird als alle anderen noch so aufwendigen Produktionen. Manchmal gibt es einfach nicht mehr zu sagen. Und die geringsten oder rüdesten Mittel können die unerwartete Rettung sein. Aufwand mal anders definiert. Oder, im Schlagzeilenmodus gedacht: Babelsberg gerettet. 1970-01-01 01:00
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