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23. Le Giornate del Cinema Muto 2004

Sacile (Italien), 9. - 16.10.04
Rüpelhafte Zeichentrick-Töle Jerry the Tyke

Welcome to Brigadoon

Von Andrea Haller, Stephan Schwingeler Wie das Dörfchen Brigadoon in Vincente Minellis gleichnamigem Filmmusical von 1954, so scheint auch die kleine Stadt Sacile, rund siebzig Kilometer nordöstlich von Venedig, einmal im Jahr aus der Versenkung aufzutauchen, um das Stummfilmfestival »Le Giornate del Cinema Muto« zu beherbergen. Dort treffen sich jährlich im Oktober Wissenschaftler, Archivare und Enthusiasten aus aller Welt, die in dieser einen Woche, in der das Städtchen zum Leben erwacht, ihrer Lust und ihrem Interesse am Stummfilm frönen. Denn nirgendwo sonst bietet sich die einmalige Gelegenheit, eine solche Bandbreite an stummen Filmen der Frühzeit bis zum Ende der 20er Jahre von Europa über Amerika bis Asien zu sehen und solch eine Vielzahl an Experten an einem Ort zu treffen.Eröffnet wurde das Festival mit dem wohlbekannten Klassiker »The General« von Buster Keaton, der als spezielles musikalisches Event mit einer neuen Musikbegleitung des Alloy Orchesters, das die Dynamik des Films wunderbar umsetzte, aufgeführt wurde.

Einige der rund 700 Besucher des Festivals waren sicherlich eigens für die Retrospektive des russischen Filmemachers und Montagepioniers Dziga Vertov nach Italien gekommen, dessen stummes Filmœuvre auf der Giornate komplett gezeigt wurde. Dies bot den Festivalbesuchern, wenn mit genügend Geduld ausgestattet, die einmalige Gelegenheit, Vertovs Arbeiten über sein Meisterwerk »Chelovek S Kinoapparato« ("Chelovek s kinoapparatom », 1929) hinaus auf der Leinwand zu sehen. So konnte der Zuschauer, wenn er Vertovs frühe wochenschauähnliche Arbeiten wie »Kino-Nedelia« ("Kino-Woche«, 1918-1919) und »Goskinokalender« ("Staatskinokalender«, 1923-1925) oder die bekanntere, aber selten gezeigte »Kino-Pravda« (1922-1925), und einige seiner früheren Dokumentationen, gesehen hatte, die Entwicklung Vertovs zum unbestreitbaren Vorreiter des Montagefilms nachvollziehen. Daneben wurden auch Filme seiner Mitstreiter und Kritiker gezeigt, wie »Moskva« ("Moskau«, 1926) und »Vesnoi« ("In Spring«, 1929), zwei Dokumentationen von Vertovs Bruder und Kameramann Mikhail Kaufmanns, und »K Schastlivoi Gavani« ("Zum glücklichen Hafen«, 1930) von Vladimir Erofeev. Dieser Film wirft einen satirischen Blick aus sowjetischer Sicht auf das eher kleinbürgerliche Deutschland, als ein westliches kapitalistisches Ausland, in dem das eigene Vergnügen über dem Gemeinwohl steht. Daneben bietet er historisch interessante Aufnahmen von Berlin, Wuppertal und dem Ruhrgebiet.

Im Rahmen dieser Retrospektive waren für das an deutscher Filmgeschichte interessierte Publikum besonders die Filme des deutschen Regisseurs Albrecht Blum »Im Schatten der Maschine« (1928) und »Hände – Ein Studie« (1928-1929) sehenswert. Diese Filme zeigen, wie die Montagetechniken Vertovs auch außerhalb des ideologischen Kontextes eingesetzt wurden.

Eine weitere Sektion war dem britischen Regisseur Anthony Asquith und dem britischen Kino der 20er Jahre gewidmet, einer vonseiten der Filmgeschichtsschreibung weitgehend vernachlässigten Periode des britischen Kinos, die weit mehr als nur den jungen Hitchcock zu bieten hat. Die Filme von Asquith und seinen Kollegen erzählen sorgfältig inszeniert, glänzend fotographiert und mit natürlichen und glaubwürdigen Schauspielern besetzt, einfache, aber berührende Geschichten aus dem Leben: So z.B. Arthur Robisons »The Informer« (1929), eine frühere Version des John Ford Klassikers von 1935. Der mitreißende und atmosphärisch dichte Film zieht seine visuelle Intensität aus Beleuchtungseffekten und -kontrasten und taucht dabei ab in die Abgründe der zwischenmenschlichen Beziehungen im Irland der 10er Jahre. »The Ghost Train« (1927) von Regisseur Geza von Bolvary, eine Horrorparodie, zeigte die komische Facette des britischen Filmschaffens.

Fort Lee, das erste Filmzentrum und »Hollywood der Ostküste« war das Thema einer weiteren Sektion. In diesem Programm erhielt der Zuschauer Einblick in die gesamte Bandbreite der dortigen Filmproduktion der Jahre 1907 bis 1920 vom moraltriefenden Erbauungsfilm ("The Vampire«, 1913) bis zur modernen, die Geschlechterbeziehungen und -zuschreibungen debattierenden frühen Screwball-Komödie ("Phil-for-Short«, 1919) und den Abenteuerserien der wahrscheinlich ersten weiblichen Actionheroine Pearl White.

Nicht fehlen durfte natürlich die alljährliche Griffith-Sektion, die sich dieses Mal den Jahren 1914/1915 widmete. Die Filme dieser Jahre markieren Griffiths Übergang zum abendfüllenden Spielfilm, den er mit dem Dreistunden-Epos »Birth of a Nation« (1915), der auch zu sehen war, mehr als erreicht hatte. Mit dabei auch wieder die Sektion Saving the Silent, die restaurierte Schätze aus den amerikanischen Filmarchiven zeigte und ihre neue DVD-Sammlung »More Treasures from American Film Archives, 50 Films, 1894-1930« präsentierte.

Daß nicht nur der heutige Fernsehzuschauer dem Serienwahn verfallen ist, zeigte die Filmserie »Wolves of Kultur« (1919). Wurden die einzelnen Teile in Sacile im Tages-Rhythmus aufgeführt, so sah der zeitgenössische Zuschauer die Serie wöchentlich in seinem Stammkino. Doch sowohl für jene als auch für die heutigen Festivalbesucher war es nicht immer leicht, der Handlung dieser Action- und Detektivgeschichte um eine gestohlene Superwaffe und einen verbrecherischen Geheimbund zu folgen, doch boten Verfolgungsjagden zu Wasser, auf dem Land und über den Dächern genügend visuelle Anreize, um den Plot in den Hintergrund treten zu lassen.

Unangefochtener Liebling dieses Festivals war wiederum die rüpelhafte Zeichentrick-Töle Jerry the Tyke, die neben »Fatty« Arbuckels »He did and he didn't« (1916) und Mark Sennets »Tillies Punctured Romance« (1914) mit einem noch jungen Charlie Chaplin und der urkomischen Marie Dressler für den nötigen Spaßfaktor sorgte.
Auch wurde eine neu restaurierte Fassung eines Films von Hans Steinhoff gezeigt, der später bekannt und berüchtigt wurde durch »Hitlerjunge Quex« (1933). In Zusammenarbeit mit der University of the West of England hat sich das Bundesarchiv zur Aufgabe gemacht, die Stummfilme Hans Steinhoffs zu restaurieren, zu kontextualisieren und zur Diskussion zu stellen. Zu sehen waren ein Fragment von »Kleider machen Leute« (1921) und das Historiendrama »Der falsche Dimitri« (1922).

Allerdings sahen die Besucher der diesjährigen Giornate nicht nur den Glanz längst vergangener Kinotage: Zum ersten Mal in der 23jährigen Geschichte des Festivals wurde dem zeitgenössischen Stummfilm eine eigene Sektion – die 21st Century Silents – zugesprochen. Die Bandbreite der Filme, die zum größten Teil mittels Mini-Budget realisiert wurden, reichte von studentischen drei- und vierminütigen Übungen wie dem charmanten Slapstick »Cadtastrophe« (2003) und dem mystisch-philosophischen »The Magic Tree« (2003) der University of Wisconsin bis hin zum künstlerisch ausgereiften Experimental-Film des Kanadiers Guy Maddin. Sein Film »The Heart of the World« (2000) schafft es, in nur knapp sechs Minuten, aber 850 rasantest montierten Einstellungen die stumme Ära, die Frequenz und den Herzschlag des Kinos einzufangen und abzubilden. Herzlich ist auch die Einstellung des Lehrers einer Taubstummen-Schule in Freiburg-Stegen: Stefan Pößinger inszenierte mit seinen Schülern und einer Super-8 Kamera »Eine Hommage an Charlie Chaplin« (2002).

Nach Paul Lenis amerikanischem Horrothriller »The Cat and the Canary« von 1927, der zum Abschluß der Giornate als europäische Uraufführung mit einer neuen Filmmusik gezeigt wurde, versank Brigadoon, alias Sacile, wieder in seinen wohlverdienten einjährigen Schlaf, nur um nächstes Jahr im Oktober wiederum für eine Woche als Mekka der Stummfilm-Enthusiasten aufzuerstehen. 1970-01-01 01:00
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