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Max Ophüls Preis 2001

Saarbrücken, Januar 2001

Einsamkeit kennt viele Gesichter

Von Nikolaj Nikitin Das Repertoire menschlicher Gefühle ist begrenzt und wiederholt sich stets. Ein funktionierender Kulturbetrieb kann sich dadurch auszeichnen, daß gleich mehrere Künstler zur gleichen Zeit diese aufgreifen. In Deutschland existiert kaum eine bessere Gelegenheit, eine Übersicht und den daraus resultierenden Vergleich des deutschsprachigen Nachwuchskinos zu erhaschen als in Saarbücken.

2001 – das wissen wir schon seit langem – ist das Jahr der Einsamkeit. Diese war auch das dominante Topos einiger gelungener, nicht immer bis zum Schluß konsequenter Debüts beim diesjährigen Max-Ophüls-Preis. Ein Beitrag trug sie bereits im Titel: Die Einsamkeit der Krokodile von Jobst Oetzmann glänzt durch einen überzeugenden Hauptdarsteller, eine einfallsreiche und lebendige Kameraführung, gepaart mit einem dynamischen Schnitt. Das Abgeschottetsein von der Außenwelt wird hier in einer Parallelhandlung erzählt.

Inszenatorisch, optisch und schauspielerisch am beeindruckendsten stellte sich Tomasz Thomsons Stiller Sturm dar. Die Protagonistin Anne – ein hübscher Twen – vergeht innerlich an der ihr durch ihre eigene Coolness auferlegten Abnabelung von der Welt. Als Thekenkraft in einer überfüllten Kneipe spüren wir ihre Angst und Unsicherheit – genauso könnte sie Tom Hanks' Platz auf der einsamen Insel einnehmen. Vieles zu der passenden depressiven, melancholischen Atmosphäre tragen das gut durchdachte und ausgeführte Lichtkonzept und ein exzellenter Sound bei. Doch leider gelingt es dem Regisseur nicht, die anfangs aufgebaute Spannung über die gesamte Dauer des Films zu halten. Als sich Anne kurz vor Schluß bei einem Freund ausheult, verliert der Film vieles von seiner Stringenz, durch ihre banalen Worte erstickt sie die bis dato durch eine gekonnte Inszenierung der Blicke aufgebaute Intimität. Für ihre intensive Leistung wurde Jana Thies zu recht mit dem Nachwuchsdarstellerpreis ausgezeichnet.

Daniel Brühl agiert als männlicher Counterpart ebenso überzeugend im Weißen Rauschen. Bei so vielen Stimmen, die auf den jungen Mann einreden, könnte man ihn wohl kaum als sozial abseits stehend bezeichnen. Aber die Stimmen kommen alle aus seinem Kopf. Angeregt durch übermäßigen Drogenkonsum entwickelt sich die tief sitzende schizophrene Familienkrankheit. Was an Dichte in der ersten halben Stunde von Brühl kommt, ist erstaunlich. Ein plötzlicher Wutausbruch vor einem Kino läßt dem Zuschauer wahrlich einen Schauer über den Rücken laufen (verständlich, man bereitet sich mit seiner Verabredung auf Taxi Driver vor und wird plötzlich mit Rebecca konfrontiert – dabei passen beide Filme so gut zu Brühls Figur). Leider verliert auch hier der Filmemacher die Dramaturgie aus den Augen, die letzte halbe Stunde ist eher fad und birgt keine weitere Entwicklung der Charaktere.

England, mit Sicherheit einer der intensivsten deutschen Abschlußfilme, führte das Fehlen von menschlichen Beziehungspunkten zusätzlich geographisch auf das Ost-West-Gefälle zurück. Eine Leere, die sich zwischen den besten Freunden einstellen kann, wenn der eine Bulle und der andere Verbrecher ist, behandelt der gelungene Genrefilm Freunde.

Den Höhepunkt des Festivals bildete, wie schon so oft, ein österreichischer Beitrag: Komm, süßer Tod von Wolfgang Murnberger. Nach dem Kriminalroman von Wolf Haas erzäht Murnberger die aberwitzigen Abenteuer des Rettungsfahrers Brenner – grandios verkörpert von Josef Hader (Hader ließ nichts anbrennen und vertrat gleich drei Werke, er spielte zudem in Florian Flickers psychologischem Kammerspiel Der Überfall und in Gelbe Kirschen). Komm, süßer Tod ist ein Meisterwerk in Sachen schwarzer Humor und Respektlosigkeit – vor allem aber totlustig. Hader wirkt in seinem Spiel oft autistisch, aber dabei so cool und überlegen, daß es eher an die Verschlossenheit eines John Wayne erinnert, den man darin auch besser in Ruhe läßt. Mit einem bravourösen Timing und einem begnadeten Cast (allen voran Barbara Rudnik, die seit langem in keinem deutschen Film so glänzte).

In Saarbrücken selber fühlt man sich nie einsam, angesicht der vielen Gäste. Das könnte sich jedoch nächstes Jahr ändern. Dem Festival wurde seitens der Stadt ein erheblicher Betrag gekürzt – die Einsamkeit kommt halt nicht immer von innen. 1970-01-01 01:00
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