— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Max Ophüls Preis in Saarbrücken 2000

Saarbrücken, 25. - 30. Januar 2000

Hat es vielleicht doch den Richtigen erwischt?

Von Nikolaj Nikitin Wie in den vergangenen Jahren bot auch in diesem das Filmfestival Max Ophüls Preis in Saarbrücken die Gelegenheit, sich davon zu überzeugen, daß in Deutschland bei weitem inspirierendere Fernseh- als Kinofilme produziert werden. Von Huettner und Graf waren wir es schon gewohnt, Qualitätsfernsehen serviert zu bekommen, nun rückt endlich eine neue Generation an, der es gelingt, spannendes Fernsehen abseits des Mainstreams und des »Movie der Woche« zu realisieren…

Eine Galionsfigur der Filmkultur kommt – kaum überraschend – aus den Reihen der X-Filmer. Nachdem sie letztes Jahr mit Sebastian Schippers Absolute Giganten das gefühlvollste, kameratechnisch konsequenteste und schauspielerisch überzeugendste Debüt produziert hatten, überraschten sie in Saarbrücken mit dem Festivalliebling (dem ausnahmsweise auch die Jury Tribut zollte) Paul is dead. Die Coming of Age-Geschichte ist die Abschlußarbeit des einstigen Kinobetreibers Hendrik Handloegten von der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin. Die Liebe zum und das Wissen um das Kino ist dem Werk, wie bei den übrigen X-Filmern, in jeder Einstellung anzumerken.

Der begabte Filmemacher erhielt zudem erstklassige Unterstützung: Als künstlerischer Berater stand ihm Wolfgang Becker zur Seite, und in einigen Momenten erinnert Paul is dead auch an dessen Wunderwerk Kinderspiele. Einfühlsam werden die Erlebnisse des jungen Beatles-Fan Tobias in the summer of 1980 erzählt. Nach einer abenteuerlichen Recherche kommt er einem Komplott auf die Schliche: Anscheinend wurde mit Paul McCartney – nach dem Wunsch vieler Fans – doch der richtige Beatle bereits 1966 ermordet. Durchweg starke Jungdarsteller, eine ausbalancierte Kameraarbeit und ein ausgefeiltes Drehbuch zeichnen diesen überdurchschnittlichen Fernsehfilm mit hohem Kinopotential aus.

Eine zweite Stütze war der Partner Kleines Fernsehspiel, der neben Paul is dead mit Barbara Alberts Nordrand (s. Schnitt 17) starke junge Talente fördert. Neben dieser Entdeckung liefen einige Highlights der letzten Festivalmonate, allen voran Veit Helmers Tuvalu, Volker Einrauchs mit Laura Tonke und Frank Giering begnadet besetzte Romantic Comedy im Kiez-Milieu mit dem wunderbar lakonisch ironisienden Titel Gangster, gefolgt vom einfallsreichen Kismet und Grüne Wüste, in dem Martina Gedeck und Tatjana Trieb (die Kleine aus Jenseits der Stille) als problembeladenes Mutter-Tochter-Gespann überzeugen.

Aus dem deutschsprachigen Ausland kam sowohl Angenehmes, ID Swiss und Vaglietti zum dritten (beide – unschwer zu erraten – aus der Schweiz) als auch Enttäuschendes, Models (Österreich, s. Schnitt 14), und Deprimierendes, Exklusiv (Schweiz). Wobei Exklusiv mit seiner Art des Drehbuchschreibens durchaus auffällt: Erst wurden Sponsoren und Productplacement-Partner gesucht, dann das Skript verfaßt.

Mein absolutes Sehvergnügen des Festivals – wie konnte es auch anders sein – war ein Sonderprogramm mit Buñuels Las hurdes und L'age d'or. Bis zu solch einer Qualität ist es auf jeden Fall auch für die jungen, ambitionierten, talentierten Filmemacher noch ein langer Weg. Wir können uns glücklich schätzen, wenn in den nächsten 100 Jahren auch nur einer solch eine Leistung vollbringen wird.

Paul is dead
D 1999. R,B: Hendrik Handloegten. K: Florian Hoffmeister. S: Monica Smith. M: Bertram Denzel. P: X-Filme/ZDF/dffb. D: Sebastian Schmidtke, Vasko Scholz, Martin Reinhold u.a. 75 Min. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

Sitemap