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Sehsüchte 2004

Potsdam, 27. April bis 2. Mai 2004
Sehsüchte 2004: Tom Lemkes Film »Lebenswert«

Strange Places

Von Tina Hedwig Kaiser Dieser Frühlingstage konnte man dem Sehsüchte-Filmfestival in Babelsberg nicht nur überraschende Vorführungen abgewinnen – bei dem schönen Wetter war es sogar möglich, auf dem Weg zum Festival in den Thalia-Kinos und zu den allabendlich überfüllten Parties in solch idyllischen Babelsberger Villen wie dem Waldschlößchen etwas von der Wasserlandschaft drumherum mitzubekommen. Vom Wannsee über Brücken und Griebnitzsee, vorbei an Dietrich-Villa hier und Albers-Villa da, Strange Places also im weitesten Sinne auch für den heutigen Berliner, war es ein leichtes, Wasser im Überfluß zu genießen. So konnte man sich anschließend frühlingshaft erschöpft in die Kinosessel fallen lassen. Doch da wurde dann alles plötzlich ganz anders. Und daß sogar das Wasser eine Rolle spielen würde, das hatte man nun wirklich zuletzt erwartet.

»Strange Places« – so auch der Name einer Filmreihe auf dem diesjährigen Festival: Wie der Titel vermuten läßt, ging es hier um merkwürdige Orte. Aber vor allem ging es um feine Beobachtungen in jenen Zwischenräumen, an denen gelebt wird, gelebt wurde oder von denen man einfach nicht weiß, was dort so passiert oder passieren könnte. Räume, die ein unglaubliches Spekulations- aber auch Möglichkeitsbecken im Nachdenken über sie bergen. Insbesondere zwei Filme dieser Reihe fungierten als regelrechte Augenöffner.

Zum einen »Visit Iraq« von Kamal Aljafari: der erste und auch einer der besten Filme der Reihe. Ein Film, der sich über das düstere, unbelebte Gebäude der »Iraqian Airlines« inmitten von Genf wundert. Und sich deshalb auf die Suche macht nach Zeugen. Menschen, die hier wohnen, hier tagtäglich vorbeikommen oder arbeiten. Passanten und Nachbarn eines düsteren, verlassenen Hauses. Was haben sie davon zu erzählen? Was war hier all die Jahre? Wann hat hier jemand das letzte Mal Flugtickets geholt? Mancher, aber nicht jeder, wundert sich über dieses seit Jahren leerstehende Gebäude, viele haben Geschichten und Gerüchte zu erzählen, und doch gehört es für viele einfach dazu – zu diesem eigentlich bunten städtischen Platz mit seinen Cafés, Restaurants und Läden. Man weiß, daß Miete gezahlt wird, man weiß, daß es verfällt, und man weiß, daß hier mal ein wenig gearbeitet wurde, aber auch nicht zuviel: die Strecke Genf – Bagdad erscheint zu »schräg« dazu, ja, man wundert sich fast: Hat es jemals so eine Verbindung geben können?

Das Haus ähnelt einem verwunschenen Märchenschloß unserer Zeit, jedoch einem mit großen Glasfenstern, schicken Werbeaufklebern und funktionaler Inneneinrichtung – versierte coole Moderne, für die es keinen Nutzen mehr zu geben scheint. Eine Passantin erzählt, daß hier niemand mehr arbeitet, aber dennoch immer Licht im Inneren brennt. Es ist ihr gespenstisch zumute. Ein Rentner steht an der abgeriegelten Außenfassade und bläst auf seiner imaginären Trompete ein Ständchen. Alle Nachrichten haben einem ein Land namens Irak noch nie so nahe gebracht wie diese Aufzeichnungen mitten aus der Genfer Altstadt.

Und dann der andere Film: »Lebenswert« von Tom Lemke. Die nächste Irritation folgt. Man ist mit ein paar letzten Dorfbewohnern im tiefen Osten Deutschlands. Versunken in ländlicher Langeweile. Ein Dorf mit einer verlassenen LPG-Niederlassung, in der sich ein paar Männer um ihr täglich Brot abmühen. Arbeitslose, aber nicht nur: einfach Arbeiter, Waldkäutze vielleicht noch dazu. Aber ungemein sympathisch und liebenswert, und vor allem auch urkomisch, lassen sie den Zuschauer an ihrem Leben teilnehmen. Daß die Wasserleitung des Dorfes schon seit längerer Zeit gekappt ist, scheint normal. Wenn es nur das sei, sagt einer. »Hier ist alles so schön ruhig, na ach, und das mit dem Wasser, ja, das kriegt man schon geregelt.« Mit unglaublicher Unbeugsamkeit wohnen sie hier, haben noch dazu einen wahrhaft trockenen Humor, und lassen sich nicht unterkriegen. Da wird Feuer geschürt, das Schwein, das zuerst rausläuft, wird heute dann wohl mal geschlachtet, ach ja, und Mist, da ist schon wieder eine Leitung eingefroren: alles in herzerweichendem Sächsisch für die verdutzt-zurückhaltende Kamera erklärt. Sie freuen sich, daß mal einer vorbeikommt. Und im Kinosaal, so scheint es, freut man sich noch mehr. Die Leute lachen Tränen, und als die Vorführung des Films einmal unterbrochen wird, wird gleich auf Sächsisch in den Saal geschnauzt. Und dann, als der Film weiterrollt, sieht man sie wieder in diesem Dorf, das so vollkommen unerreicht irgendwo im tiefsten Osten zu liegen scheint, aber doch eigentlich ziemlich nah ist. Ja, und man kann es nun schon wieder nicht glauben: so, aha, das ist also Deutschland… 1970-01-01 01:00
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