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Pop Up 2007

Messe Forum Musik, Leipzig
10.-13.6.2007

Hier spielt die Musik

Von Dietrich Brüggemann Geht man als Filmfreund auf ein Festival, dann erwarten einen da Premieren und Schauspieler, Fragen und Antworten, Rummel und roter Teppich. In der Musikwelt hat das Wort Festival eine etwas andere Bedeutung – da springt man drei Tage im Schlamm herum, wohnt im Zelt und ernährt sich von Bier. So gehobene Veranstaltungen, wie Filmfestivals es sind, gibt es da nicht so viele. Eigentlich nur die Popkomm, bei der die »Branche« sich lautstark selber feiert – und die etwas sympathischere Alternative, die Pop Up in Leipzig.

Die ist immer im Mai und dauert drei Tage, eigentlich eher zwei, denn so richtig los geht es erst am Freitag, aber da richtig. Im Leipziger Stadtteil Connewitz, südlich der Innenstadt, wo sich alles austobt, was irgendwie Szene ist, findet man ein sehr altes Kino, das nach der Wende jahrelang leerstand und durch eine Bürgerinitiative wieder zum Leben erweckt wurde. Das »UT Connewitz« ist ein Ort, wie man wahrscheinlich noch keinen gesehen hat. Ein hoher, fast quadratischer Saal, ein majestätischer Balkon, eine geräumige Bühne, eine für heutige Maßstäbe irritierend winzige Leinwand, eingerahmt von griechischem Säulenprospekt, das alles wunderschön und sehr verfallen. Hier spielt eine Band nach der anderen, wer will, kann auf die Kinosessel sinken, die netterweise zur Hälfte stehengelassen wurden, während die andere Hälfte im Eingang steht und dort gern angenommen wird.

Von einem solchen Ort profitiert auch noch die langweiligste Band, aber die meisten waren sowieso interessant, und einige liefen hier zu großer Form auf, zum Beispiel die Berliner Ragazzi, die am Freitag vor langsam eintrudelndem Publikum unanfechtbar gute Laune verbreiteten, oder die schwedische Überwiegend-Instrumentalband Ef, die das brechend volle Kino einen Abend später in Verzückung versetzten. Wenn man woanders hin will, dann kann man zum Beispiel die paar hundert Meter weitergehen ins »Ilses Erika«, eigentlich nur eine langgestreckte Flucht von niedrigen Kellerräumen, aber als Club eine Legende. Hier drängen sich die Menschenmassen in einem winzigen Raum vor der winzigen Bühne, auf der sich die Bands auch ziemlich drängen müssen, zum Beispiel am Samstag Abend The Say Highs, die schöne, akustische Lieder spielen, oder danach nachts um zwei The Jai-Alai Savant, die brutalst lauten Rock-Reggae-Sonstwas-Crossover mit großer Hingabe zur Explosion bringen.

Die Pop Up bezeichnet sich aber als Messe, und genau das ist sie auch. Am Samstag wird eine große alte Halle mit Bauzäunen und Biertischen in vier lange Gassen unterteilt, 150 Labels, Festivals, Zeitschriften und dergleichen dekorieren ihre jeweiligen vier Meter Bauzaun auf höchst individuelle Weise, und dann kann man einen langen Tag darin verloren gehen, sich mit Thomas Morr über Downloads unterhalten oder mit Robert Stadlober Rotwein trinken – ja, genau der, denn Stadlober gehört zu den wenigen Schauspielern, die es tatsächlich hinkriegen, mit der freien Zeit zwischen den Engagements was Sinnvolles anzufangen, er betreibt nämlich nebenher eine kleine Plattenfirma, mit der er durchaus schöne Musik irgendwo zwischen Shoegazer, Postrock und Singer-Songwriter veröffentlicht.

Eine Etage höher gibt es Podiumsdiskussionen, auf denen man den Fragen nachgeht, die die Musikszene im Moment so bewegen – Urheberrecht oder Creative Commons, Plattenkäufe oder Downloads, man redet über Inhalt, ob es den im Pop eigentlich noch gibt, und wirft einen Blick in den traditionell toten Winkel der Popkultur, nämlich in den Osten, nach Polen.

Das alles ist natürlich eine bestimmte Szene, Indie im weitesten Sinne, doch es ist nicht nur eine weitere Subkultur wie Gothic, Punk oder Metal, sondern ein Sammelbecken für all diejenigen, die sich für Musik interessieren, die sich eben selbst neu erfindet und nicht nur Szene-Codes bedienen will. Damit ist diese Szene auch so eine Art Keimzelle, in der Trends entstehen, die dann ein paar Jahre später im Mainstream landen und das Bewußtsein der Öffentlichkeit beeinflussen.

Diese Szene hat zwar dieselben Probleme wie die »große« Musikbranche, aber was sie auch hat, ist eine unendliche Liebe und Hingabe zu dem, was man da aus eigener Kraft und mit meist sehr geringen Finanzmitteln auf die Beine stellt. Es ist ein Independent Spirit, mit dem man dann am Sonntag ausgesprochen inspiriert zurückfährt, und von dem man sich im Film auch etwas mehr wünschen würde.

Was man sich im deutschen Film außerdem wünschen würde, wäre mehr Musikalität – die meisten Filmemacher der jungen Generation, die ich so kenne, haben einen musikalischen Horizont, der im besten Fall von Johnny Cash bis Tom Waits reicht. Dementsprechend ist die Musik meist beliebig bis störend, wird von irgendwelchen Musik-Supervisern ausgesucht und irgendwie im Schneideraum angeklebt, wie es gerade paßt, ist dann oft zu viel, manchmal zu wenig und meistens zu doof. Dabei ist der Film ein eminent musikalisches Medium, in dem man mit Musik regelrecht zaubern könnte, wenn es einen denn interessieren würde. Interessante Musik wäre genügend da. 1970-01-01 01:00
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