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European Media Art Festival 2004

Osnabrück, 21. bis 25. April 2004

Mut zur Qualität

Von Carsten Happe Wenn sich die Jury eines Festivals über die Nominierungsvorschläge hinwegsetzt und einen völlig anderen Beitrag prämiert, zeugt das nicht nur vom Mut und der Konsequenz der Jury, sondern vor allem auch von der besonderen Qualität des ausgezeichneten Werkes. So geschehen beim 17. European Media Art Festival, das vom 21. bis 25. April in Osnabrück stattfand.

Der einstige Experimentalfilm-Workshop hat sich im Laufe der Zeit als eines der bedeutendsten Medienkunstfestivals in Europa etabliert und zeigt seit einigen Jahren eine sehr breit gefächerte Palette von Installationen, Videos und Filmen abseits des Mainstream, aber auch nicht mehr in einem eng gefaßten Begriff der Avantgarde. In den Filmsektionen treffen sich Christoph Schlingensief und Peter Sempel, aber auch Mangas und Martial Arts.

Der eingangs erwähnte EMAF Award 2004 ging völlig verdient an den Dokumentarfilm Das Netz von Lutz Dammbeck, der in 120 faszinierenden Minuten ein beziehungsreiches Geflecht um die Vorläufer des Internet, den berüchtigten Unabomber und Begriffe wie Kybernetik spinnt. Akribisch und beharrlich kommt Dammbeck weitreichenden Verschlingungen zwischen Elite-Universitäten, dem Pentagon und einflußreichen Wissenschaftlern auf die Spur, ohne seine Ansätze von Verschwörungstheorien an die platte Demagogie eines Oliver Stone zu verschenken. Wenn auch manche philosophischen Betrachtungen und Verknüpfungen nicht unmittelbar zu erschließen sind, gewährt die Dokumentation im geringsten Fall zwei an- und aufregende Kinostunden.

Was von den fiktionalen Stoffen kaum zu behaupten war. Die Filme der japanischen Sektion zeichneten sich überwiegend durch unterentwickelte Stoffe und überkandidelte Inszenierungen aus, so zum Beispiel der enervierende Zweikampf-Doppelpack Aragami und 2LDK oder auch die neonröhren-nervige Pornophantasie »I.K.U. – This Is Not Love – This Is Sex«. Selbst der Gewinner des Preises der deutschen Filmkritik, der Kurzfilm »Zygose« des Designstudenten Gonzalo Arrila, konnte weder formal noch – aufgrund seines lieblosen Plots – inhaltlich überzeugen.

Überzeugender dagegen die Dokumentarfilme; neben Das Netz gehörten »Jonas at the Ocean«, Peter Sempels zweites Porträt über den umtriebigen Jonas Mekas, und Marcel Schwierins fundierte Analyse des nationalsozialistischen Kultur- und Propagandafilms mit dem Titel »Ewige Schönheit« zu den Highlights des Festivals. Letzterer sorgte insbesondere durch einen klugen, differenzierten und ironisch distanzierten Kommentar für eine mitunter gar souveräne Einordnung des thematisch montierten Archivmaterials.

Am diametral entgegengesetzten Ende des filmischen Spektrums sorgten die sogenannten Brickfilms, akribische und mit Herzblut hergestellte Animationsfilme mit Legosteinen, für die größten Lacher des Festivals. Dreiste Fanfilme wie das »Lego Chainsaw Massacre« zeigen, daß die Zukunft des Experimentalfilms mittlerweile in den Vororten liegt: bei jedem 12jährigen mit Papas DV-Kamera und der Lust Filme zu drehen. 1970-01-01 01:00
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