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Oldenburg Filmfestival 2004

Oldenburg, 8. – 12.9.04

Kontinuierlich neu

Von Oliver Baumgarten Ein gutes Festival lebt von einer ausgewogenen Mischung aus Kontinuitäten und Novitäten, aus Gewohntem und Überraschendem. Das Internationale Filmfestival Oldenburg bietet Jahr für Jahr von beidem etwas, regelmäßig und verläßlich seit nunmehr elf Jahren.

Eine perfekte Verbindung aus Kontinuität und Innovation stellt etwa die Einführung des mit 5.000 Euro dotierten German Independence Award dar. Hat sich Oldenburg von Beginn an auf den Independentfilm konzentriert – und hier vor allem auf Vertreter aus den USA – und sich auf der anderen Seite immer auch dem engagierten Kino aus Deutschland geöffnet, so präsentierte sich der neue Wettbewerb als sinnvolle und vor allem auch der Sache dienliche Neuerung. Denn der deutsche Independentfilm krankt seit Jahren am größtanzunehmenden Problem: Es gibt ihn kaum noch. Legt man jedenfalls inhaltliche und stilistische Maßstäbe zugrunde und nicht allein finanzielle, denn Low Budget bedeutet bekanntlich noch lange nicht independent. Die international besetzte Jury um Indie-Ikone Seymour Cassel, Schauspieler und Regisseur Tim Blake Nelson und Heike Melba-Fendel entschied sich letztlich für Andreas Strucks Sugar Orange, der auch tatsächlich oben beschriebener inhaltlicher Definition dank konzentrierter Bildsprache, einer eigenwilligen Erzählstruktur und der sehr persönlichen Geschichte zu entsprechen versteht. Außer Konkurrenz lief mit Wenzel Storchs Die Reise ins Glück ein weiterer Vertreter des ganz besonderen unabhängigen Films.

Ein Beispiel der vielen dankbar goutierten Kontinuitäten des Festivals, die sein so lieb gewonnenes Gesicht seit Jahren mitprägen, war etwa der neue Film von Matthew Bright. Die Filme des US-Independentregisseurs, der seine Vorliebe für schräge Sujets und exploitative Darstellungen gerne hinter zunächst gefällig erscheinende Bilder und prominente Darsteller versteckt, sind regelmäßig Gast in Oldenburg, wie etwa »Freeway« oder »Ted Bundy«. In seinem neuen Werk »Tiptoes« mit Gary Oldman, Matthew McConaughey, Kate Beckinsale und Patricia Arquette, der als Deutschlandpremiere zu sehen war, thematisiert Bright die Kleinwüchsigkeit, umrahmt von dramaturgischen Eckpfeilern klassischer Liebesdramen. Brights scheinbar unbändige Lust am Schaffen optischer Reize findet sich in »Tiptoes« vor allem darin, daß er Gary Oldman – bezüglich Verkleidungslust noch vor Billy Bob Thornton einzureihen – als Kleinwüchsigen besetzte. Ein Risiko natürlich, denn dadurch zwingt sich Bright selbst zu zahlreichen in bezug auf die Glaubwürdigkeit waghalsigen inszenatorischen Tricks. Daß dies letztlich ganz rührend gelingt, ist neben Oldman auch Brights erfrischender Arglosigkeit geschuldet – und nicht zu vergessen der zwar schicken, aber unaufdringlichen Kamera. Und die hat zur Überraschung Sonja Rom verantwortet, die zuvor Matthias Glasners beste Filme und auch Hans-Christian Schmids »Crazy« so aufregend illustrierte.

Neben dem reichhaltigen Angebot an unabhängigen Filmen aus aller Welt (darunter mit dem provokativen und expliziten Girlie-Thriller Hardcore auch ein griechischer) bilden Vorpremieren in deutschen Kinos startender Filme eine weitere Säule des beim Oldenburger Publikum äußerst beliebten Festivals. Neben Starts wie Die Zwillinge feierte etwa auch Tim Blake Nelsons The Grey Zone mit Harvey Keitel und Steve Buscemi seine Deutschlandpremiere. Das Porträt der jüdischen Sonderkommandos in Auschwitz, die zur Organisation der Menschenvernichtung eingesetzt wurden, bewegt gerade durch seine Reduktion der filmischen Mittel. Der Film unterstrich damit nachdrücklich das nicht genug hervorzuhebende Bestreben des von Torsten Neumann geleiteten Festivals nach der Förderung eigener und damit letztlich unabhängiger Filmsprachen. 1970-01-01 01:00
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