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Oldenburg Filmfestival 2002

Oldenburg, 4. – 8.9.02

Fluppenschnippsen

Von Oliver Baumgarten Mit einer Retrospektive des Regisseurs Bernard Rose, Uraufführungen aus der ganzen Welt und der sprichwörtlichen Independentfilm-Reihe bot das Filmfest Oldenburg erneut ein reiches und kontroverses Programm. Einer der Höhepunkte: die Premiere der europäischen Variante der 99-Euro Films, deren Regisseure fast vollständig in der Kulturetage erschienen.

Den Unterarm als Katapult einsetzend schleudert sich Steve Buscemi eine Fluppe zwischen die Kauleiste und bleibt dabei so ungerührt, wie es nur einer kann, der nichts mehr zu beweisen hat und dessen Resignation nur dürftig durch die Clownschminke überdeckt wird. Er ist ein Gaukler, ein Fluppenschnippser, ein Profi. Privat allerdings ist er eine Niete und bekommt, wie auch alle anderen Figuren in Alexandre Rockwells Ensemblefilm 13 Moons, eine letzte Chance in einer schwülen, schicksalhaften Nacht. Hier endlich darf Steve Buscemi in aller Direktheit spielen, was ihm in nahezu allen seinen vorherigen Figuren nur anzudeuten erlaubt war: ein von der Routine gelangweilter Clown, ein Gestriger, von seinem Publikum beschimpft und von Frau und Kind verlassen. Und auch der prägnante Schwede Peter Stormare beendet hier, was mit Fargo einst begann: der Figurenwandel zum endgültigen und totalen Wahnsinn, den er mit seiner ganzen Hünenhaftigkeit ausspielt. Vor Klischees scheut Rockwell in seinem neuesten Film nicht zurück, woraus ihm allerdings weniger ein Vorwurf als vielmehr ein Kompliment zu machen ist. Er steht zum Klischee und bedient sich bei jedem nur vom Besten.

13 Moons lief in der traditionell stark besetzten Independentfilm-Reihe auf dem Oldenburger Filmfest, eine Reihe, die sich auf den US-Indie konzentriert. Einst die Krone US-amerikanischer Filminnovation, scheint der Independentfilm zur Zeit in einer tiefen Krise zu stecken. Nach einigen großen Erfolgen haben ihn Studios und Stars für sich entdeckt und den Gedanken der Unabhängigkeit mit dem Verfahren des Billigproduzierens verwechselt. Der US-Indie ist verwässert, oft zu dick etikettiertem Vakuum mit Erstsemesterfilmlook verkommen. Seine wahren, hartnäckigen Vertreter von Tom DiCillo über Buddy Giovinazzo bis hin zu Allison Anders suchen nach einer neuen Identität und die Festivals mit Indie-Schwerpunkt nach den wenigen noch verbliebenen Trüffeln auf dem trockenen Boden der Tatsachen. Irgendwie ist der US-Indie ein wenig wie Steve Buscemi in 13 Moons: ein Fluppenschnippser, ein Gestriger, der sein Zielpublikum verloren hat. War der echte »Independent Spirit« schon immer schwer zu definieren, so wird die Entscheidung zur Zeit zu purer Geschmacksache.

Zeichnete den US-Independent von jeher zumindest der ungewöhnliche Blick, die persönliche Perspektive aus, so ist Festivalleiter Torsten Neumann aber doch wie immer auf äußerst erfreuliche Weise fündig geworden. The Mallory Effect von Dustin Guy erzählt die Geschichte eines uneinsichtigen Verlassenen, der an seiner Ex hängt und nicht verkraften kann, daß sie einen Neuen hat. Also schmeißt er sich an diesen heran und versucht, einen Keil zwischen ihn und Mallory zu treiben. So unschuldig wie das stete Grinsen seines Hauptdarstellers Steven Roy inszeniert Dustin Guy die egomanischen Schweinereien seiner Hauptfigur mit trockenem Verve und gutem Gespür für Pointen: ein hübsch formuliertes persönliches Racheverlangen.

Einen vermutlich noch nie gezeigten Blick auf Israel präsentierte Eitan Gorlin in der Independentreihe mit The Holy Land. Daß das Heilige Land um Jerusalem herum außer Reliquien und Traditionalität auch Amüsierbetriebe und die dort lebenden Menschen außer an ora et labora auch an Sex, Drugs und Alkohol denken, habe ich so drastisch noch nicht lernen dürfen. Und Mendy auch nicht, ein junger Rabbischüler, den der hormonelle Druck aus dem Haus treibt nach Tel Aviv, wo er neben den Eigenheiten eines Puffs auch lernt, daß man in der Stadt unter keinen Umständen einfach seinen Rucksack allein auf der Straße stehenlassen darf. Eitan Gorlin repräsentiert hier einen kritischen, doch liebevollen Blick der jungen Generation auf die Heimat.

Das Filmfest Oldenburg hat seinen Hang zum unabhängigen Film immer schon unzweifelhaft deutlich formuliert, zuletzt durch die Produktion der 99-Euro Films, ein künstlerischer Back-to-Basic-Appell, der nicht nur zur Berlinale eingeladen wurde, sondern auch seit Wochen durch deutsche Kinos tourt. In diesem Jahr nun präsentierte das Filmfest einen zweiten Teil des Kurzfilmprojekts: 99 Euro Films – The European Project, womit Torsten Neumann und künstlerischer Leiter RP Kahl ihr Konzept auf europäische Ebene erweitern. Acht Regisseure aus sieben Ländern lieferten ihre Beiträge ab, die RP Kahl in seiner Episode locker miteinander verwob. Das Ergebnis ist mit dem Vorläufer kaum vergleichbar, der Eindruck der Spontaneität der ersten 12 Episoden weicht hier zuweilen dem sorgfältigster Vorbereitung. So in King of the Dwarfs des Polen Xavery Zulawski, dem Sohn von Andrzej: Als komplex gestalteter Plot mit recht aufwendiger Ausleuchtung ist sein 8-Minüter inspiriert von einem Roman von Philip K. Dick. Das Regiedebüt von Ellen ten Damme, Alleen, überzeugt durch eine rührende Grundidee und ihre liebevolle Umsetzung, während der Belgier Harry Kümel den wohl experimentellsten, vielleicht auch originellsten Beitrag lieferte: Andy Horror zeigt in einer Einstellung – unterlegt mit fettem Sounddesign – die labiale Vorbereitung für einen abendlichen Horrortrip. Benjamin Quabecks Ich hab Musik dabei mit Heike Makatsch wiederum spielt ausschließlich in einem Auto und wartet mit einer herrlichen Pointe auf. Weitere Episoden lieferten Nacho Cerda, Stephan Wagner, Richard Stanley und Tony Baillargeat. Die Idee der 99-Euro Films, die Regisseure zurück zu den Wurzeln ihres filmischen Tuns zu führen, erweist sich auch in seiner europäischen Ausgabe als quicklebendiger Blick ins Innere der Filmemacherpersönlichkeiten.

Oldenburgs große Stärke lag einmal mehr darin, den anwesenden Gästen aus dem Bereich des unabhängigen Films in der so angenehmen Atmosphäre des Festivals grenzenlose Austauschmöglichkeiten zu bieten und dergestalt mitzuhelfen, den Independent-Gedanken hinüberzuretten in eine Zeit, in der er wieder etwas wert sein könnte. Vielleicht irgendwann nach Ende der Ära von der »uneingeschränkten Solidarität«. 1970-01-01 01:00
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