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Oldenburg Filmfestival 2001

Oldenburg, 5. – 9.9.01

Be independent

Von Thomas Waitz Mittlerweile im achten Jahr, steht das Filmfest Oldenburg wie kein zweites in Deutschland für aufregende Entdeckungen aus dem amerikanischen Independentkino, aktuelle, deutsche Produktionen und eine einzigartige, intime und freundliche Atmosphäre.

Immer wieder hat Oldenburg für Filme von Regisseuren, die zwischen Underground und Mainstream wandern, die eine eigene, persönliche Handschrift aufweisen, Interesse bewiesen. So auch für Jim McBride. Die diesjährige Retrospektive war dem vitalen Grenzgänger gewidmet und ermöglichte ein Wiedersehen mit früheren experimentellen Arbeiten, wie auch seinen Hollywoodproduktionen, etwa »Breathless« (1983) oder »The Big Easy« (1987). Hierzulande war ja zuletzt sehr wenig von ihm zu besichtigen: »Uncovered«, eine kriminalistische Studie mit Kate Beckinsale, kam 1994 in die Kinos und wirkte – im Gegensatz zu seinen übrigen Werken – aus der Zeit geraten und auch ein wenig uninspiriert – eine Einschätzung, die McBride im Publikumsgespräch zu seinem Bedauern schließlich teilte.

Gast des Festivals war auch der New Yorker Schauspieler Ben Gazzara. In einem »Tribute« und mit einer kleinen Auswahl seiner großartigen filmischen Auftritte, etwa in Vincent Gallos bizarrem »Buffalo 66« (1998), wurde das umfangreiche Schaffen des Ausnahmedarstellers gewürdigt. Gazzara nahm es erfreut und mit der gelassenen Bescheidenheit eines Profis hin.

Zu den zahlreichen Entdeckungen in der Reihe der Independents gehörte zweifelsohne »Jackpot« von Michael Polish. Der Film schildert die kaum »Tournee« zu nennende Reise eines Karaokesängers durch den mittleren Westen der USA. Mit seinem Manager hangelt er sich von einem Auftritt zum nächsten – doch der Erfolg bleibt aus. Gleichzeitig komisch und mit großer Melancholie erzählt Polishs wunderbarer Film von der gleichförmigen Tristesse der amerikanischen Provinz und der Suche nach Stolz und Würde von Menschen, denen der soziale Aufstieg verwehrt geblieben ist.

Die lang erwartete Hegedus/Pennebaker-Produktion »startup.com« hingegen enttäuschte. Den beiden Direct Cinema-Veteranen gelingt es kaum, an der Oberfläche der mittlerweile alt aussehenden New Economy zu kratzen. Endlose Marketingmeetings und Strategiedebatten zeigen vor allem eins: Sie sind genau so langweilig, wie man bisher vermutete.

Anders »Center of the World«, der neue Film von Wayne Wang. Er erzählt vor dem Hintergrund einer Generation schnell reich gewordener Jungunternehmer eine Mann/Frau-Geschichte voll unerfüllter Wünsche und unheilbaren Begehrens. Peter Sarsgaard und Molly Parker spielen die beiden einzigen Rollen in einem niederschmetternd traurigen und ganz und gar ernsthaften Film, der, in jeder Hinsicht schonungslos, in nur 86 Minuten und mittels äußerst souverän eingesetzter Videotechnik nachhaltig zu verstören weiß. Wang beweist damit endgültig eine filmische Meisterschaft, die ihm so schnell keiner wird streitig machen können.

In der Reihe mit deutschen Filmen ragten vor allem zwei Arbeiten hervor: Das im filmischen Ausdruck mit großer Sicherheit überzeugende Debüt von Benjamin Quabeck, Nichts bereuen, sowie Buket Alakus' Anam, eine Produktion des Kleinen Fernsehspiels. Ebenfalls ein Langfilmdebüt, erzählt der Film von einer türkischen Putzfrau (brillant: Nursel Köse), die versucht, ihren Sohn aus der Drogenszene zu befreien. Zu Recht mit dem Publikumspreis des Festivals ausgezeichnet, bleibt zu hoffen, daß der Film auch sein Publikum in den Kinos findet.

Der Oldenburg-Dauergast und großer Freund des Festivals Peter Lohmeyer überraschte schließlich ebenfalls mit einem »Erstlingswerk«, und zwar als Regisseur – wenn auch nur für fünf Minuten. Für das Projekt 99-Euro Films drehten zwölf deutsche Filmemacher (und solche, die es erstmals wurden) einen kurzen Film für ein Budget von 99 Euro. Mit dabei waren unter anderem Matthias Glasner, Frieder Schlaich, Mark Schlichter, Martin Walz, Nicolette Krebitz und RP Kahl, der die künstlerische Gesamtleitung übernahm. Das Ergebnis fiel zwar äußerst heterogen aus, aber es machte Lust auf unabhängige, »direkte« Filme – und drückte dadurch so etwas wie das Motto des gesamten Festivals aus: be independent. 1970-01-01 01:00
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