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Oldenburg Filmfestival 2000

Oldenburg, 6. – 10.9.00

Weird Stories

Von Oliver Baumgarten Freunde des amerikanischen Independentfilms wissen, wo sie in Deutschland einen gelungenen Querschnitt der vergangenen Jahresproduktion geboten bekommen: Oldenburg bestätigte einmal mehr seinen blendenden Indie-Ruf.

Filmemacher leben davon – von der Macht einer gut erzählten Geschichte. Wenn sie in ihren Bann zu ziehen versteht, wenn sie am Ende ein Behagen oder Unbehagen hervorruft, wenn das Publikum einen Moment lang verwirrt ist und wenn die Geschichte etwas auslöst in der eigenen Realität: Das ist das Trinkgeld des Geschichtenerzählers. Dieses Täglichbrot eines jeden klassischen Unterhalters setzt Regisseur Tony Vitale in seinem Indie-Schmuckstück »Very Mean Men« herrlich abstrus um. In begnadeter Besetzung tauscht der Filmemacher darin seinen Berufsstand gegen den eines Barkeepers aus, der in der Rahmenhandlung den einsamen und arg knauserigen Gast mit einer unglaublichen Story zum erstaunten Bleiben und Weitertrinken animiert. Die Story, die der gewitzte Barkeeper (listig: Matthew Modine – siehe Interview) dem anfangs noch vorlauten Gast (fassungslos: Martin Landau) auftischt, beginnt mit einem erheblich zu niedrigen Trinkgeld, das in aberwitziger Steigerung einen tödlichen Bandenkrieg zwischen italienischen Mafiosi (fies: Ben Gazzara, Burt Young) und einem irischen Clan (aufbrausend: Charles Durning, Louise Fletcher) auslöst. Das Trinkgeld für den Barkeeper stimmt am Ende – aber die Geschichte?

»Very Mean Men« steht beispielhaft an der Spitze eines regelmäßig erlesenen US-Independent-Programms auf dem Oldenburger Filmfest, das Jahr für Jahr eine Crème-Auswahl des gefügigen unabhängigen amerikanischen Films den deutschen Zuschauern präsentiert. Kompromißlos in der künstlerischen Zielsetzung und ohne ein mögliches Publikum auszuschließen, schuf Tony Vitale vielleicht keinen großen Film, dafür einen um so größeren Spaß, den sein Traumcast mit sichtlicher Begeisterung umsetzt. Mit Ben Gazzara gab es in Oldenburg gar ein Wiedersehen. In John Gallaghers Blue Moon zieht sich ein gealtertes Ehepaar (bestechend präzise und gemeinsam brillant: Gazzara und Rita Moreno) für einige Tage in ihr Ferienhaus zurück. Der emotionale Zenit ihrer Ehe ist längst überschritten, die letzten Fasern ihrer Bande zum Zerreißen gespannt. Sein Gefühlsphlegma bringt sie in Wallungen, ein Ende scheint nah. Während der blaue Mond über der ersten Nacht hängt, schreckt ihn ein Geräusch auf. Er schleicht in die Diele und steht sich selbst mit seiner Frau von vor dreißig Jahren gegenüber. Mit Blue Moon gelingt John Gallagher eine einfühlsame und vor allem sehr beherrscht und konzentriert erzählte Liebesgeschichte. Nicht das Mirakel rückt in den Mittelpunkt, sondern die aus ihm erwachsene Chance.

Ein solcher Mut zum Emotionalen, wie ihn Gallagher hier offenbart, gehört eher zu den seltenen Momenten der US-Independents, bereicherte aber die dankbar abwechslungsreiche Oldenburger Reihe genauso wie Paul Rachmans trickreiches Filmlabyrinth »Four Dogs Playing Poker«, mit Balthazar Getty, Tim Curry, Forest Whitaker und George Lazenby äußerst exotisch besetzt.
Gehört Rachmans Film aufgrund seines durchkonstruierten Plots um eine Gruppe scheiternder Gangsteranfänger eher zur Kategorie blutiger Fallensteller, präsentierte Oldenburg mit der deutschen Premiere von »Rated X« einen Überflieger des beseelten Biopics. Emilio Estevez inszeniert darin das Leben der Mitchell Bros., Pioniere des amerikanischen Pornos und Schöpfer des legendären »Behind the Green Door«. Darstellerisch unterstützt von seinem Bruder Charlie Sheen und einem Cameo Peter Bogdanovichs, setzt Emilio Estevez ein Kaleidoskop berufenen Wahnsinns in Szene, wie es selten so schlüssig auf der Leinwand zu sehen war. Für den blitzartigen Aufstieg und drogenbedingten Fall der beiden Visionäre findet Estevez durchgehend die kinematographische Entsprechung und offenbart ein erstaunliches empathisches Talent. 1970-01-01 01:00
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