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Oldenburg Filmfestival 1999

Oldenburg, 8. – 12.9.99

From the Heart

Von Oliver Baumgarten, Nikolaj Nikitin Kein deutsches Festival scheint so prädestiniert zu sein, wahren Filmzauberern der Indie-Szene ein Forum zu bieten, wie die Mannschaft des Oldenburger Filmfests rund um dessen Leiter Torsten Neumann. Seit Anbeginn des Festivals schrieben sich die Veranstalter eine Präsentation der zu wenig wahrgenommenen US-Indies auf die Fahnen. Seit sechs Jahren liefern sie nur das Beste, was die Grenzgänger des US-Kinos zu bieten haben.

Es arbeiten kaum Regisseure in der US-Filmbranche, die, einmal den Sprung an die kommerzielle Spitze geschafft, sich wieder ihren Wurzeln, oft Independent-Produktionen »from the Heart« widmen. Wer einst die Büchse der Pandora öffnete und den Erfolg schnupperte, scheint für immer dem schnöden Mammon und seelenlosen Einheitsbrei verfallen zu sein. Wie bekannt bestätigen jedoch Ausnahmen die Regel, und einer der brillantesten Autoren unserer Zeit schafft immer wieder diese Gratwanderung. Sein Name ist Steven Soderbergh, und sein neuer Geniestreich The Limey lief auf dem 6. Oldenburger Filmfest. In diesem Jahr begeisterten allerdings nicht nur Juwelen der US-Indiekunst, sondern auch eine osteuropäische Low-Budget-Produktion. »Two Julias« der Ukrainerin Aliona Demianenko erzählt, von Mallarmé inspiriert, die visuell brillant aufgelöste Geschichte eines Liebesdreiecks, deren sich nicht von allen Seiten berührende Winkel eine Frau (die bezaubernde Schönheit Viktoria Malektrovich), ein Mann und eine Blume darstellen.

Die sogenannte »Film im Film«-Thematik streiften zwei Werke des Festivals auf ganz unterschiedliche Art und Weise. Matthew Leutwyler erzählt mit »Roadkill« die Geschichte eines ambitionierten Jungfilmers, der wegen seiner Liebe zu Jackie Chan Probleme mit seiner Diplomarbeit bekommt, einen »ernsthaften« Dokumentarfilm fertigzustellen. Das Objekt der Begierde, sprich ein passendes Subjekt für die Doku, taucht plötzlich in der Figur seiner Nachbarin auf (sexy wie noch nie: Jennifer Rubin). Daß sie Profikillerin ist, und das junge Regietalent sie nun auf dem Weg zu einem Auftrag begleitet, birgt nicht nur einige Komik, sondern auch einen intelligenten Beitrag zu einem Thema, das durch Filme wie »C'est arrivé près de chez vous« viele Nachahmer mit sich zog. Eher zufällig wird der Beruf des Soundman in Steven Widi Hos Film zur Abrechnung mit den Mächtigen des Studiosystems. Wayne Pére mimt einen labilen Tontechniker, der seiner liebreizend musizierenden Nachbarin den Weg zum Star ebnen will. In einer Nebenrolle brilliert Indie-Ikone William Forsythe als megacooler Boß.

Weniger dem Indiespirit als dem Geiste des B-Actionmovies verhaftet, inszenierte Louis Morneau einen der visuell reizvollsten Filme des Festivals. Nach »Retroactive« kollaboriert der Regisseur erneut mit unser aller Idol James Belushi. Belushi mimt in »Made Man« einen Kleinkriminellen, der in jeder Lage nur eins im Kopf hat: zu lügen. In einer rasanten Verfolgungsjagd, die Dreiviertel des Film dauert, wird er nicht nur von allerlei Gangstern und Rednecks, sondern auch von einem hormongesteuerten Kleinstadtcop gejagt (grandios verkörpert von Timothy Dalton, der endlich eine Rolle gefunden hat, die seinen Fähigkeiten entspricht). Morneaus Bilder strotzen auf ihrem glasklaren Filmmaterial vor verspielten Ideen und gipfeln in einer tricktechnisch grandiosen Miniatur, die so nebenbei geschieht, daß schon der suchende Blick zum Getränk reichen könnte, diesen Augenblick zu verpassen: Ein Auto holt eine Kamera hinterrücks (also aus der Zuschauerperspektive) ein, so daß die Kamera von der Front- bis zur Heckscheibe innen »durchgereicht« wird – unbeschreiblich.

Auch aus deutscher Sicht bot Oldenburg durchaus Interessantes, angefangen natürlich mit Roland Suso Richters Eröffnungsfilm Nichts als die Wahrheit, dem wir die Kontroverse wünschen, die ihm gebührt. Die Diskussion um Aimée und Jaguar und »Comedian Harmonists« noch im Ohr, denen mancherorts eine krampflösende Opulenz bescheinigt werden wollte, beweist Richters Film, daß Unterhaltung alleine uns auch nicht weiterbringt. Durch seinen spekulativen Plot erschafft der Film ein gewagtes Planspiel, das den Zuschauern eine unbequeme Perspektive aufzwingt. Mit der so erwirkten Überprüfung eigener Standpunkte ist er sozialpolitisch unweit konstruktiver, als es das x-te Kaleidoskop spätdeutschen Bedauerns je zu sein vermag. Nicht, daß das Vilsmaiersche Kino nicht seine Berechtigung hätte, doch ein sowohl inhaltlicher als auch formaler Einbezug von Gegenwartskomponenten in der Verarbeitung der stets aktuellen Vergangenheit, wie es auch Dani Levy mit seinem verkannten Meschugge gelang, ein solcher Fortschritt sollte selbst einem Deutschland der »Neuen Mitte« zumutbar sein. So genußvoll es allerdings ist, Richters dankbar unbescheidener Filmsprache zu folgen, so bedauerlich erscheint Götz Georges Maske. Von der Menge an Plaste ein wenig an Robert de Niro als Frankensteins Monster erinnernd, läuft das Makeup Georges Spiel entgegen, das sich doch überzeugend darauf konzentriert, alles Monströse der Figur zu verleugnen.

Von immenser Cleverness und einer vorzüglichen Besetzung getrieben, erzählt Thomas Stillers TV-Psychodrama »Stille Nacht, heilige Nacht« von drei Raubmördern, die fünf Urlauber auf einer einsamen Hütte als Geiseln nehmen. Die Ermittlungsarbeiten der Polizei außer acht lassend, konzentriert sich Stiller auf die pikante psychologische Entblätterung seiner Geiselfiguren. Der sadistische Gangsterboß durchschaut schnell die kleinen und großen Lügen innerhalb der Gruppe, und die Figuren sehen sich plötzlich gezwungen, diese in schmerzlicher Direktheit offenzulegen. Erst unter Androhung des Erschießens also scheint unter den »Freunden« noch Kommunikation möglich zu sein – eine Millennium-Utopie der etwas anderen Art. In Stillers hochkonzentriertem Kammerspiel agiert neben Barbara Auer und Dominique Horwitz mit Marek Harloff auch der in seiner Altersklasse zur Zeit zweifellos talentierteste Mime, dem weiterhin eine solch sorgsame Buchauswahl zu wünschen bleibt.

Der diesjährige Schöpfer des legendären Oldenburger Filmfesttrailers und Regisseur des derb-genialen 96er Highlights »Kondom des Grauens« Martin Walz war ebenfalls mit einer Fernseharbeit zum Festival geladen. »Apokalypso« transportiert die beliebte Bombenlegerthematik auf die Silvesternacht 1999 und bietet vom Plot her exakt das, was von einem Bombenlegerfilm eben zu erwarten ist, inklusive »last-second-rescue«. Aber! Was diesen Film bemerkenswert macht, sind einzelne Momente, die nun wirklich als TV-unkonventionell zu bezeichnen sind. Da steigt z.B. Martin Walz plötzlich mitten in der Krimihandlung für 2-3 Minuten aus und inszeniert ein Telefonat des frischverliebten Bombenentschärfers, als wolle er diese Sequenz als separaten Kurzfilm in Oberhausen einreichen. Er schafft um die beiden Kilometer von einander entfernten Verliebten einen imaginären Raum, in welchem er dann in einer Einstellung die Kamera um die Telefonierenden kreisen läßt. Ist das Telefonat beendet, geht der Krimi weiter. Der unvergleichliche Armin Rohde übrigens spielt mit der intensiv agierenden Andrea Sawatzki das Pärchen, das am Ende natürlich die Welt rettet. Wie jedoch Martin Walz seinen Zeitlupen-Showdown inszeniert, das ist schon sagenhaft. Dank seiner Vorliebe für filmische Spielereien, setzt er den Pro Sieben-Zuschauern mit diesem Schluß die größten Hörner aller Zeiten auf.

Was das Filmfest in Oldenburg seit jeher auszeichnet,
sind seine offenen Strukturen, die es jedermann bequem ermöglichen, Kontakt zu den Schauspielern und Regisseuren aufzunehmen, die sich erneut zahlreich in der Kulturetage aufhielten. Als bekanntester unter ihnen war einer der profiliertesten Darsteller der amerikanischen Filmgeschichte, der u.a. mit Kubrick, Parker und Altman drehte, die gesamte Zeit über anwesend: Matthew Modine. Er stellte sein Langfilmdebüt »If…Dog…Rabbit« (siehe auch das Interview) vor, ein Film, der den Independent-Gedanken so konsequent transportiert, wie das Festival selbst. Während das Wutzstockfestival bloß in seinen Anzeigen behaupten kann, Indiespirit zu besitzen, ist Oldenburg eindeutig die Number One. 1970-01-01 01:00
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