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Kurzfilmtage Oberhausen 2003

Oberhausen, 1. - 6. Mai 2003

Es leuchten die Sterne

Von Carsten Tritt Oberhausen ist politisch. Das ist Tradition, und deswegen darf jedes Jahr bei der Eröffnung auch irgendeine Bürgerinitiative die Bühne der Lichtburg stürmen, um entweder für den Weltfrieden oder den Erhalt einer Zechensiedlung zu demonstrieren. Dieses Jahr war wieder Weltfrieden dran.

Weil sich diesmal das politische Statement, nicht zuletzt dank der Stadtrats-Opposition, zu einer Lokalposse entwickelte, die sich ihren Weg bis ins 3sat-Kulturprogramm bahnte, protestierte nicht nur eine Schüler-gegen-den-Krieg-Gruppe, sondern mußte das Filmprogramm des Eröffnungsabends einer Podiumsdiskussion zum Krieg weichen, der allerdings zum Zeitpunkt der Diskussion schon zu Ende war. Nach Oberhausen geht man eben nicht unbedingt der Eröffnungsveranstaltungen halber. Danach ging es aber deutlich aufwärts, vor allem, weil in den darauffolgenden Tagen die Lokalpolitiker nicht mehr gesehen waren und so das Feld räumten für ein Filmprogramm, welches dann in einer anderen Liga spielte.

Wieder einmal wies Festivalleiter Lars Henrik Gass darauf hin, daß in Oberhausen die Filme nicht nach den Kategorien »gut« und »schlecht« ausgewählt würden, sondern danach, ob ein Film der Auswahlkommission »wichtig« erscheine. Dieses Prinzip hat zur Folge, daß manche der verweichlichteren Besucher sich mal wieder in den Kinderfilmwettbewerb flüchteten und dabei gerade in diesem Jahr das Beste verpaßt haben. In dem für das Festival typischen Sammelsurium, in welchem von 35mm bis Beta und Super8 alle Formate vertreten waren (nur der sonst obligatorische VHS-Film fehlte diesmal), bewies besonders der Internationale Wettbewerb, daß Film eigentlich viel zu schade ist, um ihn nur zum Geschichtenerzählen zu nutzen. So besaßen gerade die experimentelleren Werke auch überraschende Unterhaltungsqualitäten: z.B. »Kis apokrif"f von Kornél Mundruczó aus Budapest, in dem ein kleiner dicker Junge vervielfacht und durch diverse Schwarzweiß-Szenarien auf die Suche nach der Individualität geschickt wird. Ein herrliches Bild, wenn am Ende lauter kleine dicke Jungen um einen einsamen Baum herumstehen.

Zwei für Oberhausener Verhältnisse schon recht konservative Produktionen boten weitere Höhepunkte: »Lift« von Marc Isaacs, der auch von einigen der zahlreichen Oberhausener Jurys bedacht wurde, und der deutsche Beitrag »Paralleluniversen« von Carolin Schmitz und Heike Mutter. In »Lift« besetzt der Londoner Isaacs mit der Kamera den Fahrstuhl eines Wohnhochhauses und entreißt so die Bewohner zumindest auf der kurzen Fahrt zwischen Haus- und Wohnungstür der Anonymität. Es entwickeln sich Gespräche und Vertrautheiten, und zwischendurch langweilt sich der Regisseur dann allein im Lift und filmt eine Stubenfliege oder seine Turnschuhe.

Auch »Paralleluniversen« spielt an einem Ort der Tristesse – einer chilenischen Wüste. Dort steht eine Sternwarte, und das Personal vom Koch bis zum Astronom erzählt vom Gucken in die Wüste und in die Sterne. Angestiftet durch kurze Sinnlosinformationen (das Alter des Universums als Zahl mit vielen Nullen) begleitet der Zuschauer die Protagonisten auf der Suche nach neuen Bildern und der Erklärung der Welt im Sternenhimmel.

Freilich wäre Oberhausen nicht Oberhausen, wenn das Programm neben solch wunderbaren Werken nicht auch einige unzureichendere Schöpfungen aufwiese – wie gesagt, will man dort ja nicht nur nach Qualität aussuchen – und so enttäuschten vor allem einige der politisch gemeinten Filme. »Integration« oder »Borscht Folge 25« aus dem Deutschen Wettbewerb bleiben auf Lokalpolitikniveau, obwohl beide Filme zum Glück nach spätestens drei Minuten vorbei sind.

In dem eh etwas schwächeren Deutschen Wettbewerb überzeugten vor allem die Routiniers – Matthias Müller und Christoph Girardet mit einem neuen Found Footage-Film (in »Manual« werden Knöpfe gedrückt und Maschinen aus US-Fernsehserien der 60er bedient), und Jochen Kuhn seziert in »Neulich 3« wie zuvor schon in Teil 1 und 2 in seinem bekannten Zeichenstil obskures Alltagsgeschehen, diesmal die große Liebe an der Bushaltestelle. Trotz des vermeintlich den allgemeinen Publikumsgeschmack ignorierenden Programms gab es erneut wieder überfüllte Säle – gefüllt nicht nur mit Fachpublikum, sondern auch mit Oberhausener Zuschauern, so daß das experimentierfreudige Festival eben kein abgeschlossener Raum für Filmwissenschaftler bleibt, wie noch vor gut fünf Jahren.

Zugleich findet das Festival für sich stets neue interessante Felder: Vor einigen Jahren wurde schon der Musikvideo-Preis eingeführt, dieses Jahr wurde ein Nebenkino erstmals für Videoinstallationen genutzt. Obwohl diese nicht immer überzeugen konnten, bieten die Kurzfilmtage sicher eine hervorragende Bühne, um dieses Projekt auch beim Jubiläum im nächsten Jahr fortzusetzen; und dies hoffentlich in derselben wunderbaren Atmosphäre, in der sich auch der Rezensent wie zu Hause fühlte. Somit ist das Festival als Forum mindestens ebenso »wichtig« wie seine besten Filme, und bleibt eine Alternative zu Aufzügen oder chilenischen Wüsten, um wunderbare Entdeckungen zu machen. 1970-01-01 01:00
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