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Marburger Kamerapreis 2006

Marburg, 17. - 18. März 2006

»Nah dran« – Judith Kaufmann erhält Marburger Kamerapreis 2006

Von Alfred Kolberg Filme gelingen, wenn der fremde Blick wie der eigene erscheint und zugleich Einblicke in Fremdes gewährt. Das Kameraauge beobachtet stellvertretend für den Zuschauer die fiktiv reale Wirklichkeit, führt und verführt. Die Kameraleute bleiben – anders als Schauspielerinnen, Schauspieler und Regie – oft im Dunklen, zu sehr, denn ihre Bilder von der Welt prägen unsere Weltbilder nicht unwesentlich mit. Eine von ihnen, Judith Kaufmann, stand jetzt für zwei Tage im Rampenlicht. Nach Raoul Coutard, Frank Griebe, Robby Müller, Slawomir Idziak und Walter Lassally erhielt sie als sechste Preisträgerin den »Marburger Kamerapreis«. Die Preisverleihung ist Teil der »Marburger Kameragespräche«, die das Werk der Ausgezeichneten näher in Augenschein nehmen und diskutieren.

Judith Kaufmann stellte sich den Fragen und Anmerkungen ihrer Kollegen vom Bundesverband Ka-mera (bvk), Filmkritikern, Vertretern der Medienwissenschaft und des interessierten Publikums. Arbeiten Sie nach Konzept oder frei und situativ? Eher frei. Wie regeln Sie das Verhältnis von künstlerischem Eigensinn und vorgegebenen Wünschen der Regie? Mal so, mal so. Könnte Sie ein Film reizen, der, ganz ohne Ton, allein auf die Kraft der Bilder setzt? Nein. Das ernst Ehrliche der Antworten Judith Kauf-manns machte, diffenzierter als im Plakativen deutlich wird, den Reiz der Gespräche aus. Kaufmann treibt es um: »Ich hasse nichts mehr als Routine und die vermeintliche Gewißheit, was richtig ist.« Sie macht es sich nicht leicht. Immer wieder wagt sie sich – neben TV-Produktionen, zuletzt in der »Bella Block«-Folge »Die Frau des Teppichlegers« – auch an »schwere« Themen heran. Besonders Menschen am Rande werden von ihr für mehr als eine Filmlänge ins Zentrum gerückt.

Sensibel verfolgt Judith Kaufmanns Kamera die Nöte einer dramatisch zugespitzten Familiensituation in Scherbentanz (Regie: Chris Kraus), die Liebesgeschichte zweier Blinder in Erbsen auf halb 6 (Lars Büchel), die Konfrontationen eines jungen Punker-Pärchens mit der Realität in Engel und Joe (Vanessa Jopp), die existenziellen Nöte und Nötigungen des Identitätsdramas Fremde Haut (Angelina Maccarone) oder einen sich nach oben boxen wollenden sensiblen jungen Mann in Elefantenherz (Daniel Brühl). Die Arbeit mit jungen Regisseurinnen und Regisseuren reizt Kaufmann gerade wegen der noch nicht festgefügten Arbeitsweise. Hier ist noch Entwicklung möglich, Experiment.

Gelernt hat Judith Kaufmann in Zusammenarbeit mit Meister-Kameraleuten wie Raoul Coutard oder Gernot Roll – »starke Vorbilder« wie sie sagt. Sie habe, auch deshalb, lange gebraucht, um Zutrauen zu sich und ihrem Können zu finden. Das ist besonders in Zeiten kritikloser Selbstreferenz ein Vorteil, vor allem wenn es, wie im Film, immer wieder um äußere Bilder innerer Befindlichkeiten geht. Judith Kaufmann fühlt sich so schwer wie leicht in Situationen ein und sucht nach Bildern für das Bildlose, das Gefühl. Vor ihrem Kameraauge fühlen sich die Schauspielerinnen und Schauspieler, wie Monica Bleibtreu in ihrer Preis-Laudatio aus eigener Erfahrung zu berichten wußte, frei. Kaufmann vermenschliche die Technik und mache es leicht, ohne Maske zu sein. »Sich auf Menschen einzulassen«, sah auch Kamera-Kollege Martin Langer als Kaufmanns große Gabe. Und Karl Prümm, Marburger Medienwissenschaftler, Initiator und unermüdlicher Promotor der Kameragespräche und des Kamerapreises, verwies auf ihre Fähigkeit zum »inneren Sehen«, zur »freien Beweglichkeit der Bilder, die sich von der reinen Narration lösen«. Kaufmann schaffe, so die Filmkritikerin Marli Feldvoß, »Räume wie Seelenlandschaften«.

Judith Kaufmann arbeitet mit Unschärfen, verdeckt nicht selten bis zu einem Drittel des Bildvordergrunds mit einem Menschenrücken oder einem Gegenstand, filmt gern im Regen, durch Spiegel, Scheiben, im Gegenlicht, hält Farben eher zurück, blendet über Schwarz. Hier ist ein starker Sinn für das Ungefähre erkennbar, für die Tücken der Klarheitsillusion. Filme mit »kleinem« Budget, weniger als einer Million Euro, schrecken die Kamerafrau nicht. Man muß besser sein, wenn nicht alles möglich ist. Judith Kaufmann ist eigenwillig und kooperativ zugleich. Zur Preisverleihung kam sie mit ihrem Team. Ihre Kamera ist, vom Zeitgeist angestoßen, oft bewegt und bleibt nahe dran. Dann sind Sicht und Einsicht dicht beieinander. Manchmal aber, und auch das kommt vor, ist die Kamera zu nahe dran und zu präsent. Dann beugt man sich unwillkürlich im Kinosessel zurück und sucht die Distanz. Judith Kaufmann gesteht Schwächen offen ein. Sie ist keine Anfängerin und erst recht ist sie noch nicht am Ende. Von ihr ist, jenseits einer fest fixierten Formensprache, noch einiges zu erwarten. Ihrem Auge vertraut und mißtraut man gern. 1970-01-01 01:00
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