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Marburger Kamerapreis 2005

Marburg, 11. - 12. April 2005.
 

»Sogar die Fehler sind wunderbar« –

Von Alfred Kolberg Er ist ein junggebliebener Altmeister des Films. Seine bewegten Bilder bewegen. Walter Lassally, der Kameramann, weiß um die Geheimnisse der Musik, seine Bilder folgen den Regeln der Komposition, Polarität ist wichtig, Intensität der Intention. Lassally, 1926 in Berlin geboren, kam über den Dokumentarfilm zum Film (sein Vater betrieb eine kleine Firma zur Herstellung von Industriefilmen) und hat deshalb nicht erst mühsam lernen müssen, daß auch die Fiktion immer die Fiktion von etwas ist. Das Auge hinter der Kamera nimmt nicht bloß auf, es gibt der Wirklichkeit auch etwas zurück. Durch seine Kameraarbeit möchte der jetzt in Marburg Geehrte »Atmosphäre schaffen«. Lassallys Selbstbewußtsein zeigt sich als Bescheidenheit. Der Marburger Kamerapreis bedeute ihm mehr als der Oscar, den er 1965 für den inzwischen zum Klassiker gewordenen Film »Zorba the Greek« des Regisseurs Michael Cacoyannis erhielt. Den Oscar holte er nicht persönlich ab. Erst Jahre später erreichte ihn die Trophäe per Post. Die kleine und mittlere Form zieht Lassally der großen vor. Er weiß, daß Filme immer eine Gemeinschaftsproduktion sind. Die Kamera hat einen – oft unterschätzten – Anteil daran. Und diesen Anteil beherrscht er souverän.

Nach Raoul Coutard, Frank Griebe, Robby Müller und Slawomir Idziak ist Walter Lassally der fünfte Preisträger des von Stadt und Universität gemeinsam ausgelobten, mit 5.000 Euro dotierten Kamerapreises. Treibende Kraft der Preisvergabe und der die Verleihung begleitenden zweitägigen Kameragespräche, die das Werk des Preisträgers und die Hintergründe der Kameraarbeit beleuchten sollen, ist der Marburger Medienwissenschaftler Prof. Karl Prümm. Die Veranstaltung ist auch für das interessierte Publikum geöffnet. Da in der »Kinostadt Marburg« ein Cineast Kinobesitzer ist, was immer seltener wird, werden Preisvergabe und Gespräche von einem zusätzlichen Filmprogramm begleitet.

Walter Lassally hat in den 50er und 60er Jahren zahlreiche Schwarz-Weiß-Filme gedreht, deren Nuancen und Differenzierungskraft die einebnende Farbigkeit vieler Gegenwartsfilme weit übersteigt. Durch seine Zusammenarbeit mit Lindsay Anderson und Tony Richardson wirkte Lassally an wichtigen Filmen der kurzen, aber bis heute nachwirkenden britischen »Free Cinema«-Bewegung mit, die dem Illusionsmainstream dichte, realistische Filme entgegensetzte: »A Taste of Honey« 1961 und »The Loneliness of the Long Distance Runner« 1962. Schonungslos, aber nie diffamierend wird hier das hoffende, harte Leben von unten gezeigt. Ohne paternalistische Ideologie und mit Gespür dafür, daß auch die »einfachen« Menschen Kompliziertes zu sagen haben: »Laß das doch! Warum? Weil ich es gern mag!«, sagt Josephine, den bitteren Honig ahnend, zu ihrem Freund. Kurz vor dem Ziel bricht der Langstreckenläufer den eigentlich schon gewonnenen Lauf ab. Das ist Farbe im Schwarz-Weiß, ein buntes Grau.

Technisch experimentierte Lassally, als erster, mit bis zu drei unterschiedlichen Filmmaterialien in einem Film, um die Körnigkeit dem Inhalt anzupassen. Ilford brach das Kodak-Monopol. Der Meister ist kein Dogmatiker. Er dreht gern draußen, im originalen Licht. Aber das Studio ist kein Tabu. Für die Innenaufnahmen von »Zorba the Greek« wurde das Studio, da nicht vorhanden, provisorisch nachgebaut. Ganz in seinem Element ist Lassally, wenn es um Bewegung geht. Denkmäler rotieren scheinbar um ihren Platz, Baumkronen sind nicht mehr wie angewurzelt, die Füße eines Orgelspielers wirken so behände wie die Hände, ein gejagter Ziegenbock macht die Zuschauer zu Gejagten, die herabjagenden Baumstämme der mißlungenen Zorba-Konstruktion drohen im Kino zu landen, und die Füße, immer wieder die Füße, des Zorba Anthony Quinn verschmelzen im Tanz mit der Theodorakis-Musik. Das ist nicht Action, das ist Dynamik.

1975 drehte Walter Lassally mit Voytech Jasny in der Regie die Böllschen »Ansichten eines Clowns«, 1977 und 1979 mit Hans Noever, der jetzt in Marburg sein Laudator war, »Die Frau gegenüber« und »Der Preis fürs Überleben«. 1980 folgte, immer unter anderem, »Engel aus Eisen«, Regie Thomas Brasch. Mit dem amerikanischen Regisseur James Ivory tauchte Walter Lassally, der sich trotz Oscar von Hollywood fernzuhalten wußte, schließlich in die großformatigen Produktionen gigantischer Ausstattungsfilme ein, »ohne dabei seine künstlerischen Ambitionen aufzugeben«, wie es im Begleittext zu den Kameragesprächen heißt. Mag sein. Aber in dem 1982 gedrehten »Heat and Dust«, der zur Zeit der britischen Kolonialherrschaft in Indien spielt, kommt auch er gegen den Vermarktungsdruck des schönen Scheins nicht an. Er reduziert die Farbigkeit, filmt einige Szenen durch weißen Stoff … vergebens, der Film bleibt so flach wie sein Inhalt, klischeebesetzt und dürftig. Free Cinema ist weit.

Die Marburger Kameragespräche, als Ort engagierter Auseinandersetzungen gedacht, wären ein guter Rahmen auch für Kritik gewesen. Aber er wurde, selbst von Fachkritikern, nicht genutzt. Leider, denn die Möglichkeiten zum offenen Austausch über Macht und Ohnmacht ihres Genres, zur Fachsimpelei über die wenig simplen Komplizierungen ihrer Kunst, sind für Kameraleute, die gewöhnlich sehr individuell und isoliert arbeiten, rar. Anregende Kritik, so Michael Neubauer, Geschäftsführer des Bundesverbandes Kamera (BVK), sei daher sogar wichtiger als der ehrende Preis. An Walter Lassally kann die Zurückhaltung nicht gelegen haben. Der Diskussionsfreudige – er pausierte nur, wenn seine Filme liefen – kann auch Irrtümern und Fehlern etwas abgewinnen. Sie gehören, wie er bekannte, zum Film. Über Griechenland – Lassally lebt heute nahe des Zorba-Drehorts auf Kreta – sagte er: »Ein schönes Land, nicht ohne Fehler, aber wunderbar.« Und – setzt er nach: »Sogar die Fehler sind wunderbar.« 1970-01-01 01:00
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