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Marburger Kamerapreis 2004

Marburg
5. bis 6. März 2004
Slawomir Idziak

Fenster in die dritte Dimension

Von Alfred Kolberg Der Marburger Kamerapreis ging in diesem Jahr an Slawomir Idziak. Nach Raoul Coutard, Frank Griebe und Robby Müller ist Idziak der vierte Preisträger, der von der Stadt Marburg und dem Fachbereich Medienwissenschaften der Universität für herausragende Kameraarbeiten ausgezeichnet wurde. In der Begründung der Jury wird insbesondere Idziaks »ebenso elegante wie eindringliche Bildpoesie« hervorgehoben.

Ausgerechnet eine leere Cola-Flasche diente dem kleinen Slawomir als erstes Okular. Im Tausch gegen chinesisches Porzellan aus dem Wohnzimmerschrank der Eltern hatte er die Flasche erworben und durch ihre Brechungen und Verzerrungen die polnische Heimat betrachtet. Heute, knapp fünfzig Jahre später, gehört Slawomir Idziak zu den Star-Kameraleuten der Illusionsmetropole Hollywood. Er könnte zufrieden sein, aber Slawomir Idziak ist ein Suchender, der von der äußerlichen Höhe in die inhaltliche Tiefe will.

Nach seiner Ausbildung an der Staatlichen Filmhochschule in Lodz entwickelte er sein Talent vor allem in Zusammenarbeit mit den Regisseuren Krzysztof Zanussi ("Ein Jahr der ruhenden Sonne"), Krzysztof Kieslowski ("Die zwei Leben der Veronika«, »Ein kurzer Film über das Töten«, »Drei Farben: Blau") und Andrzej Wajda ("Der Dirigent"). Gerade die kleinen, nur scheinbar beiläufigen Szenen sind es, die durch Idziaks Filmkunst Bedeutung erlangen. Wenn in »Ein Jahr der ruhenden Sonne« der Priester die Eisschicht der zugefrorenen Weihwasserschale zerschlägt, um die Totensegnung vornehmen zu können, wirkt die kurze Makroaufnahme noch lange nach.

Idziak ist ein Spezialist der Farben. Sie sind bei ihm nicht einfach, was sie sind. Er modelliert und verdichtet sie, ohne kalkulierte Farbbedeutungslehre, rein intuitiv. Das lichte Sonnengelb in dem mysteriösen Ahnungsfilm »Die zwei Leben der Veronika«, das ängstigende Grün in »Ein kurzer Film über das Töten« und natürlich das gewiß-ungewisse Blau in »Drei Farben: Blau«. Hier versteht einer, durch Hinzugabe die visuellen Eindrücke zu reduzieren und für Assoziationen freizumachen. Da regiert kein Schema, keine fixe Technik, da ist Bewegung drin, eine Logik der Pulsation. Räume öffnen sich nicht so sehr für das Gewußte, sondern für das Gefühlte, zu Erfühlende.

In Deutschland arbeitete Idziak mit Hark Bohm ("Der Fall Bachmeier«, »Wie ein freier Vogel«, »Yasemin") und, auch in aufgeregt seichteren Wassern, mit Detlev Buck ("Männerpension«, »LiebesLuder"). Daß er auch Action-Filme realisieren kann, im Hollywood-Format mit fünfzehn Kameraleuten und einem halben hundert Helfern, hat Slawomir Idziak 2001 in Ridley Scotts Kriegsfilm Black Hawk Down, in dem es um einen Kampfeinsatz in Somalia geht, gezeigt. Er kann also auch vordergründige Bilder drehen, so gut, daß er dafür eine Oscar-Nominierung erhielt. Daß der dadurch erworbene Ruhm mit plakativen, kugelschwirrenden Aufnahmen erkauft ist, machen auch die ruhigen Eingangsszenen nicht wett. Idziak steht loyal zu diesem Film und weiß gleichzeitig, daß er Propaganda ist. Klar und einseitig wie ehedem die Sowjetpropaganda wird hier die Mainstreamsicht der USA bedient. Als erfordere der 11. September, der in die Endphase der Filmproduktion fiel, einen cinematographischen Gegenschlag. Passend zum Schnitt-Schnitt-Schnitt der Bilder fallen Sätze wie »Wird gemacht, geht klar, Boß!«, »Sind die Eier noch dran? Ja, die sind noch dran.« Auch dort, wo Tiefe hergestellt oder simuliert werden soll, wirkt sie wie oberflächlich aufgemalt: »Niemand will ein Held sein, aber manchmal passiert es eben.«

Slawomir Idziak übt den Spagat. Mit dem Schwergewicht auf dem europäischen Bein. Wir leben alle, sagt er, nicht nur filmisch gesehen in zwei Ländern, in unserem Geburtsland und in den USA. Die weltweite Dominanz filmischer US-Produktionen, die ungeheuren Summen, die in sie investiert und an ihnen verdient werden, prägen eine wachsende Monokultur, die nur empfinden kann, wer andere Filme kennt. Und dieses Kennen schwindet. Idziak streitet deshalb für eine Stärkung des europäischen Films. Er möchte ihn aus seinem Nischendasein holen und zu einem gewichtigeren Faktor der Weltfilmkunst verhelfen.

Ein wesentlicheres Kriterium zur Beurteilung von Filmproduktionen als der Kontinent ihrer Entstehung aber ist ein der Filmkunst inhärentes: die Zwei- und die Mehrdimensionalität des Films. In Hollywood ist ein Spezifikum zur Vollendung gelangt, das dem Medium Film eigen ist: die Verflachung des dreidimensionalen wirklichen Lebens auf die Zweidimensionalität der Leinwandbilder. Da ist, kaum daß man begonnen hat, die Bilder wahrzunehmen, das Ende schnell in Sicht. Hintergrund und Oberfläche sind eins. Die fehlende Dimension wird durch nichts ersetzt. Solche flachen Filme sind inzwischen weltweit anzusehen. Erst wenn die Filmschaffenden (wieder) auf die bereits entwickelten und zu entwickelnden Mittel sinnen, Fenster für die dritte, vierte, fünfte Dimension zu öffnen, Löcher in die Leinwand zu bohren und Hügel in die Kinoräume zu setzen, berühren die imaginären Bilder wieder die auratische Dimension des Publikums. Nur gegen das eigene Medium kann die Einebnung der Welt durch den Film filmisch wieder aufgehoben werden. Das kann in Europa geschehen, aber auch anderswo.

Bei den Marburger Kameragesprächen, die die Preisverleihung an Slawomir Idziak begleiteten, klang der Gegensatz von zwei- und mehrdimensionalen Filmen zwar mehrfach an, wurde aber inhaltlich wenig vertieft. Die vom Programm vorgegebene Monologstruktur überlagerte mögliche offene Auseinander- und Zusammensetzungen im Dialog. Offenbar mangelt es nicht nur dem Film, sondern auch der Reflexion an multidimensionalem Eigensinn. Slawomir Idziak selbst war es, der in den Lobesfluten auch von Kritik und Fehlern zu sprechen begann.

Wie Detlev Buck als Laudator bei der Preisverleihung fahrig, aber treffend bemerkte, liebt Idziak das Geheimnis. Hoffentlich kann er es noch lange vor der Aufklärung bewahren. Nur so können die »Leerstellen für die Imagination des Zuschauers« (Margarete Wach) erhalten bleiben. In seinem sensiblen, immer nahe an den Emotionen bleibenden Umgang mit dem Medium Film ist Slawomir Idziaks Können gerade in der Spanne und Spannung von zwei- und mehrdimensionalen Filmen auf der Höhe seiner Kunst. Idziaks Metier ist die Tiefe, die Sensibilität für das Unzeigbare, der Aufschein innerer Bewegung, die oft nur angedeutete Differenz von Sein und Schein. Und dies trotz oder gerade wegen der Brechungen durch die Colaflaschen-Perspektive. 1970-01-01 01:00
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