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Lussas 2005: États généraux du film documentaire

Lussas, Frankreich, 14. - 20. August 2005
Das Programmheft

Die wiedergefundene Zeit – Das 17. Festival »Les Etats généraux du film doc

Von Magali Joly Wann hat man schon einmal die Zeit, sich in das Leben eines anderen Menschen hineinzuversetzen? Sich den Gefühlen und Gedanken des anderen voll und ganz zu widmen, mit ihm gemeinsam zu leben, zu sehen, was er sieht? Wann, wenn nicht auf den Generalständen des Dokumentarfilms in Lussas? In diesem kleinen Dörfchen in Südfrankreich nimmt man sich einmal im Jahr die Zeit, über das Leben des anderen nachzudenken. Hier wird das Kino zu einem Ort der Ruhe und Reflexion, zu einem »Dispositiv geistigen Austausches« wie der Filmwissenschaftler sagen würde.

In diesem 17. Jahr der Generalstände machte bereits der Auftaktfilm »Odessa… Odessa!« (2005) von Michale Boganim jenes Bestreben deutlich: In langen Plansequenzen mit kaum merklichen Kamerabewegungen werden wir hier so nah an die jüdischen Exilanten aus Odessa herangeführt, daß wir beginnen, ihre Liebe zur Heimatstadt zu teilen. Das »Es war einmal vor langer Zeit…« wird zur Gegenwart, wir werden mitgerissen in dem Sog voller Freude und Tristesse, der von diesem Ort am schwarzen Meer ausgeht.

»Les Enracinés« (2005) von Damien Fritsch, aus der Reihe aktueller frankophoner Film, führt uns dagegen in einer episodenhaften Erzählweise vor Augen, was es bedeutet, ein Leben lang an ein und demselben Ort zu verweilen, eben mit ihm verwurzelt zu sein. So gehört die alte Yvette zu ihrem Haus an den Bahnschienen wie Arlette, Catherine und Jean zu ihren Höfen und Léon zu seinen Tieren aufs Land. Keiner von ihnen könnte sich ein anderes Leben vorstellen, keiner würde woanders sterben wollen als dort, wo er schon immer gelebt hat.

Das Leben des anderen lernt man während der Generalstände aber nicht nur auf der Leinwand kennen. Auf den zwei Hauptstraßen von Lussas wimmelt es in dieser einen Woche im August von Leben wie sonst wohl zu keinem anderen Zeitpunkt. Die knapp 700 Dorfbewohner, die den Rest des Jahres über von der Landwirtschaft leben, bemühen sich redlich, den Tausenden von Gästen die seit 1989 alljährlich ihr Dorf überfluten, das gemütliche Landleben so nahe wie möglich zu bringen. Dazu werden in der eigens eingerichteten Kantine selbst angebautes Obst und Gemüse sowie Wein und Säfte aus der Region angeboten und das ein oder andere Vieh zum Verzehr geschlachtet. Der Vielfalt und dem kulturellen Austausch sind auf diese Weise auch in den Zeiten zwischen den Filmen keine Grenzen gesetzt.

Zu den kulturellen Grenzen sei angemerkt, daß Filme aus deutschsprachigen Ländern generell recht spärlich in Lussas vertreten sind. Einzig »Der schwarze Kasten« (1992) von Johann Feindt und Tamara Trampe sowie »Der irrationale Rest« (2004) von Thorsten Trimpop bildeten in diesem Jahr die Ausnahmen. Trimpops Film, der den gescheiterten Fluchtversuch dreier Freunde über die Mauer thematisiert, wurde allerdings mit englischen Untertiteln und einer französischen Simultanübersetzung im kleinsten der fünf Kinosäle, dem Cinemobil, gezeigt, was den Filmgenuß erheblich minderte. Angenehmer anzusehen und auch reichlicher vertreten waren indes Filme aus afrikanischen Gefilden und dem Iran. Insbesondere dem anwesenden Filmemacher Ebrahim Mokhtari, der wie kein anderer die Genres und Epochen des iranischen Kinos durchstreift hat, wurde viel Aufmerksamkeit geschenkt.

In den Retrospektiven lag der Schwerpunkt schließlich auf italienischem und französischem Kino. Neben Filmen von Philippe Grandrieux, Vittorio de Seta und Gian Vittorio Baldi gab es wie schon im Vorjahr einige ausgewählte Werke von Guy Gilles, dem »Proust der Nouvelle Vague«. In »Proust, l'art et la douleur« (1971), widmet sich Gilles denn auch dem Leben und vor allem Nachleben eben jenes Schriftstellers, der ihm zu seinem Spitznamen verholfen hat und der so schön verkündete: die Größe der wahren Kunst läge darin, »jene Wirklichkeit, von der wir so weit entfernt leben, wiederzufinden, wieder zu erfassen und uns bekanntzugeben, […] jene Wirklichkeit, ohne deren wahre Kenntnis wir am Ende noch sterben und die doch ganz einfach das Leben ist«. Jene Wirklichkeit, welche die Generalstände des Dokumentarfilms in Lussas jedes Jahr aufs Neue zu vermitteln schaffen – auf wie vor der Leinwand. 1970-01-01 01:00
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