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Kurzfilmfestival Landshut 2002

Landshut, 14. - 17. März 2002
 

Weißwurscht und wahre Liebe

Von Manuela Brunner »Ich hab, äh … mein längster, der war vielleicht … mir kam's wie eine Ewigkeit vor … aber ich glaube, es war bloß, zwei Minuten ungefähr … ich wollt ja gar nicht mehr aufhören, aber … man muß ja nach Luft schnappen…« Der junge Mann namens Martin, von dem diese bewegenden Worte stammen, träumt heimlich davon, die »Wurschtverkäuferin« Sylvia zu küssen. Doch Sylvia ist gebunden, an den Metzgermeister Werner.

Das denkwürdige Dreiecksgespann Martin-Sylvia-Werner entstammt dem schrägen Kurzfilm Die Wurstverkäuferin von Stefan Hillebrand und Oliver Paulus. Seltsam, wie das, was als Doku-Soap beginnt, plötzlich im letzten Drittel der elf Minuten in die totale Skurrilität abhebt. Für Vegetarier und Tierfreunde ist Die Wurstverkäuferin harter Tobak – zuletzt gab es derart bluttriefende Tierschlachtereien im deutschen Film bei Die Einsamkeit der Krokodile zu sehen. Die Tatsache, daß Die Wurstverkäuferin beim Kurzfilmfestival Landshut den dritten Jurypreis abräumen konnte, beweist die Begeisterungsfähigkeit der Jury auch für solche Beiträge, bei denen eine durchgeknallte Phantasie anstelle kinematographischer Finesse zum Zuge kommt. Denn die Wurstverkäuferin ist eine auf Homevideo-Ästhetik getrimmte und dabei freudestrahlende Hommage an den Amateurfilm.

Optisch ansprechender, in schickem Schwarzweiß kommt dagegen Quak daher, eine witzige Variation des Märchens vom Froschkönig. Die sexuell frustrierten Amphibienforscher führen im Selbstversuch das alte »Küß-den-Frosch«-Experiment durch, und – heureka! – es funktioniert. Völlig überzeichnete Figuren und eine sehr saubere Inszenierung, kombiniert mit einer gekonnten Musikgestaltung überzeugten die Jury zum zweiten Preis.

Der erste Preisträgerfilm, der Schneckentraum des Münchener HFF-Studenten Iván Sáiz-Pardo, hat zwar nicht ganz die handwerkliche Bruchlosigkeit wie Quak, besticht dafür aber in seiner schlichten Art auf vielerlei Weise. Allein die erste Einstellung enthält das volle Maß an Abstraktion und Konkretion, das sich in kunstvoll verwobenen Linien durch den gesamten Film zieht. Die erste Einstellung zeigt eine Kaffeetasse. Langsam, träumerisch, rührt Julia Brendler mit ihrem Löffel darin herum, während sie in den Anblick des klassischsten Objekts aller Aufmerksamkeit versunken ist.

Schneckentraum erzählt die tragische Geschichte zweier Liebender, die einander im Schneckentempo umkreisen, ohne jemals die unsichtbare Wand ihrer Schüchternheit zu durchbrechen. Als sie dann schließlich all ihren Mut zusammennehmen will zum entscheidenden »Gehen wir Kaffee trinken?«, macht ihr das Schicksal einen Strich durch die Rechnung. Sáiz-Pardo hat seinen Film bewußt für Mehrfachseher konzipiert, und wer tatsächlich Gelegenheit hat, das Filmerlebnis zu wiederholen, der wird mit kleinen dramaturgischen Geschenken, wie etwa einem klassischen Foreshadowing, belohnt.

Beim Landshuter Publikumspreis schlug dann der bayerische Lokalpatriotismus voll zu. Sommergeschäft (vormals »Auf der Jagd«) ist im tiefsten Weißwurschtland angesiedelt und grast mit einem breiten Grinsen auf den Weiden des Heimatfilms. Hauptdarsteller Michael Billich darf sich hemmungslos im breitesten Bayerisch ergehen, während er einen einträglichen Handel mit getragenen Frauenslips betreibt – wer an den Mythos der japanischen Schulmädchenslips aus dem Automaten denkt, ist schiefgewickelt, die Dessous dienen wesentlich abartigeren Zwecken.

Ganz nebenbei und im »nur ned huadla«-Rhythmus erzählt Stefan Betz eine Teenager-Geschichte, von ersten Küssen und Kaffee-Erfahrungen, die – im Gegensatz zu vielen anderen Teenager-Geschichten – nach wirklicher Erinnerung schmeckt, nicht nach verklärender Hollywood-Teenie-Zuckerwatte oder bitterer Galle der Enttäuschung über den fehlenden Glamour dieser Zeit (wie etwa die düster-traurige Klassenfahrt von Henner Winckler). Ein verschämtes Lächeln blitzt hier und da am Rande auf über so manche Peinlichkeit, die man sich als Teenager leistet, aber im Grunde, so bestätigt die letzte Einstellung, ist es eine Zeit, in der man glaubt, man könne fliegen, wenn man nur kräftig genug in die Pedale tritt. 1970-01-01 01:00
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