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KunstFilmBiennale 2005

Köln, 19. - 24. Oktober 2005
 

Zwischen allen Extremen

Von Ekaterina Vassilieva-Ostrovskaja Die Kölner KunstFilmBiennale hat sich Filmen verschrieben, die eine Affinität zur bildenden Kunst aufweisen. In den meisten Fällen ging es im Wettbewerb um experimentelle Produktionen, die sich selbst als der Kunstszene zugehörig verstehen und teilweise sogar für Museumsinstallationen konzipiert worden sind. Auf der anderen Seite wurden aber auch Arbeiten gezeigt, die sich mit vergleichsweise konventionellen Mitteln des Dokumentar- oder Unterhaltungskinos einer Künstlergestalt anzunähern versuchen. Diese breite Palette an Genres und Themen sorgte einerseits während des Festivals für spannende Abwechslung, bewirkte aber andererseits, daß einige Filme (und damit sind vor allem kürzere und weniger eingängige Beiträge gemeint) neben den technisch aufwendigeren Produktionen untergingen und keine angemessene Beachtung fanden.

Doch wer sich hier im Kampf um die Gunst des Zuschauers trotz allem durchsetzten konnte, ohne dabei das Experimentierfeld zu verlassen, hatte wirklich etwas Besonderes zu bieten. So beeindruckte die amerikanische Künstlerin Laurel Nakadate mit ihrem aus kurzen Episoden zusammengestellten Beitrag »Love Hotel And Others«, in dem sie Rituale der Geschlechterbeziehungen bar jeder Emotionalität nachspielt und somit einen ungeschönten Blick auf die gängigen sexuellen Rollenklischees erlaubt. Einen authentischen Bezug bekommt der Film dadurch, daß die männlichen Darsteller, die zusammen mit Nakadate vor der Kamera agieren, aus Männern »rekrutiert« wurden, die tatsächlich auf der Straße einen Annäherungsversuch an die junge Künstlerin unternommen haben.

Dieses Spiel mit der außerfilmischen Realität ist auch in »What I'm Looking For« von Shelly Silver anzutreffen, die ihre zukünftigen Protagonisten ganz bewußt an öffentlichen Plätzen aufspürt, um dann mit Hilfe von Gesprächen und Nahaufnahmen ihre Innenwelt zu erschließen. Die Einblicke, die sie dabei gewinnt, bleiben jedoch stets flüchtig und oberflächlich, was eine grundsätzliche Skepsis gegenüber den zwischenmenschlichen Beziehungen in einer Großstadt verrät, in der die Entfremdung auch durch nah einzoomende Kameras oder Internetverbindungen unüberwindbar zu sein scheint.

Das Thema der Begegnung mit dem Fremden war auch in anderen Festivalbeiträgen präsent, besonders nachdrücklich vielleicht in »Asylum« von Julian Rosefeldt. In diesem Film, der aus einem größeren künstlerischen Projekt hervorgegangen ist, wird der Zuschauer in ästhetisch sehr ansprechend aufgebauten Bildern mit allen gängigen Klischees konfrontiert, die mit in Deutschland lebenden Ausländern oft assoziiert werden. Die hermetische Art der Inszenierung macht die Künstlichkeit der stereotypen Vorstellungen deutlich, die sich abseits der gelebten Erfahrung im alltäglichen Bewußtsein verankert haben.

Während Rosefeldt die Andersartigkeit alles Fremden und Exotischen überbetont, um sie schließlich als ein Phantom zu entlarven, benutzt der Cremaster-Schöpfer Matthew Barney in seiner gewohnten Manier die Exotik der Bilder dazu, neue Welten entstehen zu lassen, die in das Transzendente verweisen. In »De Lama Lamina« vermischt sich seine künstlerische Inszenierung mit dokumentarischen Aufnahmen eines Karnevalsumzugs in Salvador de Bahia, bis eine komplett neue Realität zum Vorschein tritt.

Ein anderes großes Thema, das sich durch mehrere Beiträge zog, war die Auseinandersetzung mit der Religion. Im Film »Dieu« erzählen mehrere junge Israelis über ihre Erfahrungen mit dem religiösen Brauchtum, wobei die von ihren Familien gelebte Religion in ihren Augen fast komplett auf das äußere Ritual reduziert zu sein scheint. Die metaphysische Tiefe fehlt und wird anscheinend auch gar nicht vermißt. Dem gegenüber steht der sehr kurze Film »Act of Contrition« von Anthony Goicolea, in dem ein katholisches Gebet mit einer solchen Hingabe und Beständigkeit zelebriert wird, das sich dahinter eine irrationale Religiosität eröffnet, die fast schon erotisch gefärbt ist.

Neben dem internationalen Wettbewerb wurde auf der Biennale auch der Förderpreis der VG Bild-Kunst vergeben, der jungen Experimentalfilmern eine Plattform für ihre ambitionierten Arbeiten bot. Eigene Specials außerhalb des Wettbewerbsprogramms wurden den neuen Entwicklungen aus Südamerika und den arabischen Ländern gewidmet. Aber auch die ältere Generation von Filmkünstlern hat man mit entsprechenden Retrospektiven gewürdigt. Eine davon gab einen guten Überblick über das Werk des Animationskünstlers Jochen Kuhn, während eine andere der Geschichte der Fluxusbewegung im Rheinland nachging. So könnte das Publikum während des Festivals Vergleiche zwischen dem Kunstfilm von Gestern und von Heute ziehen, und dazu vielleicht auch noch einige zukünftige Trends in ihrem Entstehen beobachten. 1970-01-01 01:00
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