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Camcorder Revolution 2005

Köln, 3. - 5. März 2005

Bilder zeugen

Von Oliver Baumgarten Die vielbeschworene Demokratisierung der Bilder vermag in Einzelfällen eine Machtverschiebung zugunsten Benachteiligter zu bewirken. Bilder können Macht bedeuten, womit die Erfindung der Konsumenten-Kamera geradewegs einer Revolution gleichkommt. »Camcorder Revolution« nannte sich denn auch ein dreitägiges Kölner Symposium, das Anfang März dem politischen Dokumentarfilm und dessen Wechselspiel mit internationaler Öffentlichkeit auf den Grund ging.

Seit der Industriellen Revolution sei die Camcorder Revolution die wohl einschneidendste soziopolitische Veränderung mit Folgen für die gesamte Welt, proklamierte die kanadische Regisseurin Katerina Cizek gleich im ersten Vortrag der Tagung. Zuvor wurde ihre Dokumentation »Seeing is Believing. Handicams, Human Rights and the News« gezeigt, der vermutlich am besten geeignete aktuellere Film, um in das Thema einzuführen.

Erstmals für alle Welt sichtbar wurde das politische Potenzial des Camcorders 1991, als ein Amateur filmte, wie Rodney King bei seiner Festnahme von Polizisten verprügelt wurde. Diese Aufnahmen lösten bekanntlich schwere Unruhen in Los Angeles aus und sensibilisierten die Menschen weltweit für den Rassismus in den USA. Als Erkenntnis aus der Verbreitung dieses folgenreichen Amateurfilms gründeten sich unterschiedliche Gruppierungen von Videoaktivisten, um Konzepte zu entwickeln, die das Bild zum Zwecke der Menschenrechtsbewegung nutzbar machen sollten.

Unter anderem gründete Peter Gabriel die Organisation »Witness«, die Technologie und Know how in Krisengebiete verbreitete, um Menschen dort das Dokumentieren und Publizieren von Unrecht zu ermöglichen. Katerina Cizeks Film porträtiert Projekte des »Witness«-Programms, das heute eher einer Filmproduktionsfirma ähnelt als einer Menschenrechtsorganisation. »Witness« produziert zu einem Thema heute verschiedene dokumentarische Features für unterschiedliche Zielgruppen und kümmert sich um die Verbreitung, wobei hier natürlich auch das Internet eine bedeutende Rolle spielt.

Überhaupt steht das Internet der Kamera ("the pen of our times«, wie Cizek sagte) als demokratisches Massen-Instrument Neuer Medien in nichts nach. Allein, es ist so konsequent demokratisch, daß die politische Linke einen Alleinanspruch natürlich nicht geltend machen kann. Gerade rechte Ideologien florieren im Internet, und auch der Terrorismus nutzt seit einigen Jahren die für eine Verbreitung so praktische Kombination aus Camcorder und Internet, um die Welt mit Entführungs- und Enthauptungsvideos zu schocken. Auch die zahllosen Amateuraufnahmen des Anschlags auf das World Trade Center haben der Handicam eine neue Dimension erteilt: Sie war das Medium der Terroristen, durch das deren Botschaft über den Globus wanderte.

In den Diskussionen des Symposiums wurde überdeutlich, daß das Selbstverständnis der Videoaktivisten mit der allgemeinen Identitätskrise der Linken und der zunehmenden Unüberschaubarkeit der Massenmedien heute mehr denn je ins Schwanken geraten ist. Die Differenzen etwa der Videoaktivisten mit den Sendern scheinen unüberbrückbar schon aufgrund der so unterschiedlichen inhaltlichen Ansprüche und Erwartungen. Regisseur Murray Martin brachte seinen subjektiven Eindruck auf den Punkt, als er schlicht feststellte, daß Sender und auch große Verlage kontinuierlich nach rechts tendierten. Welche neuen Wege sich dem politischen Dokumentarfilm außerhalb von Fernsehausstrahlungen bieten, gehörte zu den dringlichsten Fragen des Symposiums, an dessen Abschluß konsequenterweise ein Videoaktivisten-Netzwerk gegründet wurde.

Die von der SK Stiftung Kultur, der Dokumentarfilminitiative und dem Haus des Dokumentarfilms veranstaltete Tagung lieferte somit eine äußerst spannende und anregende Bestandsaufnahme des politisierenden Films und seiner Macher, die sich tagtäglich mit der entscheidenden Frage einer von Bildern beherrschten Welt auseinandersetzen müssen: Glauben wir nur, was wir sehen, oder sehen wir nur, was wir glauben? 1970-01-01 01:00
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