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Short Cuts Cologne #5 (2002)

Köln, 10. - 15. September 2002
 

Unglücks- und andere Raben

Von Manuela Brunner »Den venstre Telefon«, das linke Telefon, ist das Unglückstelefon. Tilmann ist Polizist, und Tilmann ist auch der Unglücksrabe, der die undankbare Aufgabe hat, das linke Telefon abzunehmen, wenn es klingelt. Wenn ein Kind seinem Ball auf die Straße hinterherläuft und wenn das Auto nicht mehr bremsen kann, dann haben wir einen Fall für Tilmann. Er ist ein guter Polizist, denn er hat immer Taschentücher dabei – die weichen mit Jojobaöl – wenn er die Angehörigen aufsucht. Tilmann ist zweidimensional, aber das stört überhaupt nicht, denn viele der Helden auf dem diesjährigen Short Cuts Cologne-Festival waren zweidimensional, so auch die Hauptfigur aus »Living with Happiness«. Technisch gesehen wirkt sie ein wenig aufwendiger gestaltet als der dänische Polizist, wie in Wasserfarben gemalt fährt sie ihrem Beinahe-Tod am Meer entgegen und dem einfachen wie bewährten Slogan »Keine Panik«, der in seiner herausgehobenen Position am Ende wirklich wie in großen, freundlichen, wenn auch akustischen Buchstaben gemalt erscheint.

Weniger Glück haben die Protagonisten in »Wals voor the storm«. Der digitale Effektfilter, dem sie ihr holzstichartiges Aussehen verdanken, bewahrt sie nicht vor dem vorherbestimmten Ende: Man wird lebendig begraben auf dieser Nordsee-Insel, versichert die alte Volksweise, auf deren Wellen der Film langsam dahinschaukelt, bis zum letzten Spatenstich. Dreidimensional, aber eher nach Art von John Lasseter, versuchen ein paar wollige Schäfchen ihrem Schicksal zu entgehen, doch ebenso erfolglos: »L'hyiène du robot« ist ein kurzer, aber pointierter Film, der auf vielen Ebenen als Metapher des menschlichen Daseins funktioniert: die Wegwerf-Mentalität der modernen Gesellschaft, unsere Hilflosigkeit gegenüber den Monstern, die wir selbst erschaffen haben, und die Unfähigkeit, selbst mit den saubersten Ohren unser Gegenüber zu verstehen.

Doch es gibt auch noch Filmemacher, die tatsächlich dreidimensionale Objekte vor ihrer Kamera aufbauen, und gemeint sind damit nicht kleine Knetfiguren, wie die von Daniel Nock, dessen »Moderner Zyklop« auch in Köln wieder vertreten war, im Preisträgerprogramm, doch ohne Preis. Erfolgreicher war Sabrina Doyle mit ihrer Geschichte aus dem Nirgend-Ort »Polanów«, wo ein Mann seine frisch Angetraute erst in deren Kindheitserinnerungen und dann im weißen Nichts verliert. »Wir sehen uns auf der anderen Seite«, steht in den Schnee geschrieben, doch der Wind und der Wolf heulen »Nimmermehr, nimmermehr…«.

Die Faustregel, daß der Publikumspreis eines Festivals an eine Komödie geht, bestätigte sich bei den Short Cuts durch die Ausnahme: »10 Minuta« erzählt bitter und ernst von einem japanischen Touristen in Rom und einem kleinen Jungen in Sarajewo – einer wartet auf seine Fotos, der andere rennt um sein Leben. Nur der klassische Unglücksbote in »Le Corbeau« erweist sich als Spaßmacher: Obwohl sie sich zanken und nerven, sind Frédéric Pelles Eheleute noch nicht bereit, sich durch den Tod scheiden zu lassen. Zweck erfüllt, so kann der Rabe auch, nach neuneinhalb Minuten, wieder auferstehen, und hüpft davon. 1970-01-01 01:00
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