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Die zehnte Feminale (2000)

Köln, 12. - 18. Oktober 2000
 

Chicken run with guns

Von Natalie Lettenewitsch »Chix go next Millennium«, hatten die Veranstalterinnen im Vorfeld der seit 1984 zum zehnten Mal (im jährlichen Wechsel mit der Dortmunder »femme totale") stattfindenden Feminale propagiert – und sie entsprechend mit einem Trailer ausgestattet, der die Rennstrecke eines hysterisch aufgescheuchten Huhns verfolgt: Amüsanter Versuch, ein negatives Weiblichkeitsstereotyp selbstironisch bzw. umdeutend zu vereinnahmen (gelegentlich gar origineller als die ihm folgenden, die »eigentlichen« Filme).

Ein klares Lieblingsmotiv waren die »Chicks with guns«: Polizistinnen, riot girls und dergleichen bewaffnetes Weibsvolk, das sich vor allem in einem gleichnamigen Kurzfilmprogramm ballernd austoben dürfte. Amanda Rain z.B. läßt in »Women in Black« lästige männliche Schmeißfliegen durch schwarzbeanzugte Damen exekutieren und letztere anschließend in »Reservoir Dogs«-Coolheits-Zeitlupe davonmarschieren. Dem Phänomen »girlsgangsguns« im Exploitation-Kino widmet sich übrigens auch ein so betitelter, im Rahmen der Feminale präsentierter neuer Schüren-Band.

Die Präferenzen des zu mutmaßlichen 80 Prozent lesbischen Feminale-Publikums, das nach Einschätzung der Veranstalterinnen vor lauter Ausgehungertsein nach Identifikationsangeboten dem experimentelleren Kino meist eher abgeneigt ist, waren am Eröffnungsabend sofort klar: Im Tausch gegen das starbesetzte und herzrührige amerikanische TV-Movie »Women love Women« mußte der eigentliche Eröffnungsfilm »Scarlet Diva«, visuell opulentes Debüt der aus diesem Anlaß auch selbst anwesenden Schauspielerin Asia Argento, vom großen ins kleine Kino ausweichen. Nicht nur als Regisseurin, sondern auch auf der üblicherweise weiblichen Seite der Kamera war Asia Argento dort präsent, nämlich davor: als Hauptdarstellerin ihres eigenen Films. Was sie spielt? Eine Schauspielerin, die eigentlich Regie führen, ein eigenes Drehbuch verfilmen will, während sie Produzenten und Publikum doch immer nur als Lustobjekt dient. Und wovon handelt deren Drehbuch? Von einer Schauspielerin, die eigentlich Regie… Undsoweiter. »Nicht autobiographisch«, beteuert Asia – nein, das wäre ja auch zu simpel…

»Women love Women« einstweilen, ein Gemeinschaftsprodukt von Jane Anderson, Martha Coolidge und Anne Heche, bot immerhin solide TV-Qualität und Humoreinsatz unter Umschiffung größerer Kitsch- und Peinlichkeitsklippen – und in allen drei Episoden einen kleinen Casting-Gag: 1961 Vanessa Redgrave als gealterte Lesbe, die sich mit ihrer Freundin William Wylers »The Childrens hour« im Kino ansieht; 1970 Chloe Sevigny, zuletzt Liebesobjekt von Hilary Swank in »Boys don't cry«, hier selbst in Männerkleidung; 1990 schließlich Ellen Degeneres und Sharon Stone (sic!) als kinderwunschgeplagtes, ansonsten komplett repressionsfreies Lesbenpaar der 90er. Sie alle bewohnen nacheinander das selbe Haus (Originaltitel »If these walls could talk 2"), und erzählen so optimistisch eine Geschichte der Befreiung von Generation zu Generation. Auch das Samstagabend-Hauptprogramm kam dem Bedürfnis nach lesbischem Feelgood-Kino entgegen: »But I'm a Cheerleader«, ein quietschbunter Popcornfilm, das Debut von Jamie Babbit, die ihrem Production Designer den Spaß gönnte, mit konsequent (meist rosa oder hellblau) eingefärbtem Dekor zu arbeiten, und nochmal alle Klischees der gaylesbian comedy ironisch auf die Spitze treibt.

Das derzeit schwer angesagte Thema Pornographie schien neben offiziellen Schwerpunkten wie »Migration« unabsichtlich einen weiteren zu bilden. Vom Hardcore-Cyber-Porno »I.K.U.« (Shu Lea Cheang) über ein Vorab-Screening von Virginie Despentes heißerwartetem »Baise moi« bis hin zu dezenter, fernsehkompatibler Erotik im neuen (Kurz-)film von Susan Streitfeld ("Female Perversions"), »The Summer of my deflowering«, einem Beitrag der vom WDR mitinitiierten Reihe »Erotic Tales«, zu der zahlreiche andere Regisseure wie Susan Seidelmann oder Rosa von Praunheim beitragen werden. In einem Vortrag über Frauenpornographie wurde das akademisch interessierte Publikum durch Corinna Rückert irritiert, die nach einer Dissertation über selbiges Thema mit fliegenden Fahnen zum Gegner überlief, indem sie durch einen selbstgedrehten (und aus diesem Anlaß auschnittweise vorgeführten) Porno »ihre Forschungsergebnisse umsetzte« und inzwischen bei Beate Uhse als Productioner arbeitet…

Die Retrospektive war der Multimedia-Künstlerin Lynn Hershman Leeson gewidmet, der das ZKM einmal neben Baudrillard und Greenaway den Titel »most influential woman in new media« verlieh. Neben ihrem bisher einzigen Kinofilm »Conceiving Ada« arbeitet sie vor allem mit Video und digitalen Medien, wie teilweise im Rahmen einer begleitenden Ausstellung zu besichtigen war, und bot einer zugehörigen Podiumsdiskussion »Media, Art, Feminism and Identities« unter Leitung von Marie-Luise Angerer den Anlaß, sich mit der möglichen »Weiblichkeit des Web« zu befassen.

Noch jemand feierte mit und auf der Feminale Jubiläum: »Frauen und Film«, Deutschlands einzige Filmzeitschrift feministischer Schule, wird 25 und beging dies mit einem Screening des vielbeschworenenen, selten gezeigten »Mädchen in Uniform« (1931) – formal wie inhaltlich noch immer sensationell, zumal gegenüber dem süßlichen, weit bekannteren Romy-Schneider-Remake. Ein Symbolfilm für die feministische Filmgeschichtsschreibung, weil mit größtenteils weiblichem Stab – wenn auch »Frauen und Film« selbst dazu beigetragen hat, diesen Mythos zu entkräften: Der Regisseurin Leontine Sagan wird von Hertha Thiele in einem Interview wenig Geltung gegenüber der »künstlerischen Oberleitung« Carl Froelichs eingeräumt.

Frauenfilmfestivals haben für böse Zungen immer auch den Beigeschmack von Paralympics: Ein Schutzbiotop für Filme aus Frauenhand, die auf den »normalen« (also männerdominierten?) Festivals (noch?) kein rechtes Forum finden. Entsprechend fiel in einer der Eröffnungsreden der Wunsch für die Zukunft aus: Langfristiges Ziel der Feminale müsse sein, sich selbst überflüßig zu machen – eine Hoffnung, die die Veranstalterinnen sicherlich nicht teilen. Nicht nur ihres Amtes wegen, sondern auch da sie für die Feminale wohl etwas reklamieren würden, das über die bloße biologische Geschlechtszugehörigkeit der Filmemacherinnen hinausgeht; doch genau mit den diffusen Vorstellungen dieses »etwas«, eines spezifisch »weiblich« geprägten Themenspektrums beginnen die Probleme – die seit langem schon Stoff liefern, sich jedes Mal aufs neue in Podiumsdiskussionen herumzuplagen.

Als anläßlich des Jubiläums die drei Filmwissenschaftlerinnen Lynn Turner, Alice A. Kuzniar und Pam Cook in Vorträgen noch einmal Fragestellungen der feministischen Filmtheorie Revue passieren ließen, endeten sie bezeichnenderweise mit dieser: »What can queer theory do for feminist filmtheory?« Das spezifisch weibliche, d.h. jegliche Bedienung des Zweischubladensystems männlich-weiblich ist mittlerweile obsolet geworden – so rücken neben den traditionell stark vertretenen Lesbenfilmen immer mehr auch Transgender-Themen in den Focus. Die Feminale wird sich vorsehen müssen, hinter ihren eigenen Diskursen nicht zu verschwinden… 1970-01-01 01:00
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