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Sami and Nordic Filmfestival in Gouvdageaidnu (Kautokeino) 2002

Gouvdageaidnu (Kautokeino), 22. März - 1. April 2002

Vom hohen Norden

Von Nikolaj Nikitin Kurz vor dem traditionellen Osterfest, das immer einen kulturellen Höhepunkt darstellt, fand im tiefsten Norden Norwegens ein recht ausgefallenes Filmfestival statt: das Sami und Nordic Filmfestival in Gouvdageaidnu (Kautokeino). Das Programm, das aus aktuellen Produktionen der nordischen Länder zusammengestellt war, bot einige Highlights, die allerdings stets von der umwerfenden Schönheit der Natur, der Sami Kultur und dem Charme der angereisten Maria Bonnevie ("I am Dina") übertroffen wurden.

Denken wir an (inter)nationale Filmfestivals, so denken wir entweder an Großstädte, die diese beherbergen oder an mittelkleine Städtchen. Doch kaum ein Festivalort dürfte so weit außerhalb liegen und über eine Einwohnerzahl verfügen, die mit knapp über 3000 Besuchern nicht mal die Anzahl der akkreditierten Journalisten bei der Berlinale erreicht.

Entsprechend herrschte eine ganz besondere Stimmung. Für das gute Dutzend ausländischer Gäste wurden zwischen den Filmen Scooterfahrten, Besichtigung von Rentieren und traditionsgemäße Verpflegung mit eben jenen organisiert. Neben all dem Lokalkolorit wurde aber auch ein reichhaltiges Filmprogramm serviert.

Aus dem Gastgeberland Norwegen war die bis dato teuerste skandinavische Produktion, »I am Dina«, zu sehen. Der neue Film von Ole Bornedal ist eine dänisch-französisch-schwedisch-deutsche Koproduktion, die Anfang März die Kinocharts stürmte. Auf einen Preis bei der Berlinale konnte hingegen die norwegische Dokumentation »Alt om min far« zurückblicken. Norwegens Oscar-Anwärter Elling bekam diesen leider nicht, aber die finnische Einreichung »Elba« schaffte nicht einmal die Nominierung. Dabei beeindruckt der im »Short Cuts«-Stil erzählte Episodenfilm nicht nur durch eine sehr solide filmtechnische Leistung, sondern auch durch schauspielerische Präsenz und ein ausgereiftes Buch. Innerhalb einer Stunde werden in einer Kleinstadt mehr Schicksale kunstvoll aneinander gereiht, die jeweils Höhen und Tiefen der menschlichen Seele zeigen.

Aus Finnland kam zudem der liebevoll ausgestattete Kinderfantasyfilm »Rolli« des talentierten Olli Saarela und die eindrucksvolle Dokumentation »Mothers of Life«. Aus Schweden war Bille Augusts »En sang for Martin« und Lukas Moodyssons wunderbares Zeitporträt »Tilsammans!« vertreten, während aus Dänemark Italiensk for begyndere nicht fehlen durfte, ebenso wie der neue Dogma-Beitrag »The King is Alive«. Zudem liefen drei Filme aus Island, einige nordische Kurzfilme und aktuelle Sami-Dokumentarvideoproduktionen.

Als herausragende schauspielerische Leistung muß die der norwegischen Schönheit und talentierten Darstellerin Maria Bonnevie erwähnt werden, die schnell zum Star des Festivals wurde, denn als bekannteste und populärste Schauspielerin Norwegens (sie repräsentierte das Land auch als Shooting Star bei der diesjährigen Berlinale) kannte man sie selbst in diesem abgelegenen Örtchen. Auch wenn der Film »Øyenstikker« dramaturgisch gerade zum Schluß hin die Spannung in einer Dreierkonstellation nicht ganz halten kann, ist ihre Leistung und die des ebenfalls angereisten Mikael Persbrandt bemerkenswert. Ein Pärchen, von dem nicht ganz klar ist, wieso es überhaupt liiert ist, bekommt Besuch aus der Vergangenheit des Mannes, der sich immer mehr zwischen die beiden drängt. Ein minimalistisches Spiel, das sich weniger auf die erotischen Reize der Schauspielerin, denn auf ihre Ausstrahlung und Mimik verläßt, ist leider rar und selten geworden. Der Beweis aber, daß eine schöne Frau nicht per se eine schlechte Schauspielerin sein muß, erfreut immer wieder aufs Neue.

Die Festivalleiterin Anne Lajla Utsi war entsprechend stolz auf Bonnevies Erscheinen, freute sich aber auch allgemein sehr über den Verlauf des gesamten Festivals und besonders über die positive Resonanz auf die Sami-Filme. Zwar liefen einige der Filme (bis auf die Sami-Produktionen) bei dem einen oder anderen größeren Festival, aber die bezaubernde Landschaft und die Verbundenheit zu eigener Tradition und kulturellen Bräuchen hat keine Großstadt zu bieten. Einen guten Überblick über das nordische Filmschaffen in solch einer traumhaften Umgebung – Herz, was willst du mehr? Jedenfalls nicht die hohen norwegischen Bierpreise. 1970-01-01 01:00
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