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Cellu l'art 2003

Jena, 24. - 25. Mai 2003
 

Essays und Erzählfilme

Von Oliver Baumgarten Das Jenaer Kurzfilmfest nennt sich, leicht kalauernd, aber absolut einprägend, »Cellu l'art« und trägt damit seine Programmatik vorneweg. Und nicht nur das, sondern gleich auch das Versprechen auf die immer wieder gerne geführte nächtelange Diskussion darüber, was denn nun ein Kunstfilm oder Filmkunst oder Kunst im Film oder filmische Kunst sein mag.

Das Ergebnis dieser Diskussion muß natürlich lauten: Film ist per se eine Kunstform, ergo kann es das Genre »Kunstfilm« gar nicht geben. Es gilt allein, Produkte des Kunstgewerbes von artifiziell hochwertigen Werken zu unterscheiden, wobei es freilich nicht darauf ankommt, dies allein anhand von Gattungszuordnungen zu versuchen. Wer glaubt, ein gelungenes Experiment sei künstlerisch wertvoller als gelungene Fiktion – oder umgekehrt – der irrt gewaltig.

Das Programm des 4. Jenaer Kurzfilmfestes spiegelte gewissermaßen diese Überlegungen, indem es eine bunte Abfolge unterschiedlicher Gattungen präsentierte, Experimentalfilm an Erzählung koppelte, Video an 35mm, Animation an Realfilm, Debütfilm an Werke Etablierter, Deutsches an Internationales. Dieses scheinbar bunte Kaleidoskop aus allen denkbaren Formen und Stilistiken darf konzeptlos nennen, wer Kategorisierungen braucht, wem die Einteilung von »Film« in unvereinbare Gattungen als notwendig erscheint, um nicht den Überblick zu verlieren. Ein solches Kaleidoskop auf einem Festival zu vereinigen kann aber ebensogut gelesen werden als eine Präsentation der Möglichkeiten, als eine Darstellung des »Films« als artenreiche Kunstform.

Und so stellte sich die gleichwertige Programmierung von Filmen wie »Omnis«, »S«, »Neulich 3« oder »Der Plan des Herrn Thomaschek« für nicht wenige der Festivalbesucher als gewisses Problem dar. »Der Plan des Herrn Thomaschek« etwa: ein rundum sauber produzierter Erzählfilm in hübschen Bildern, gespielt von überzeugenden Darstellern, unterlegt mit orchestralem Score und einem rührenden Plot. Ein perfektes Stück Fiction, das Regisseur und Produzent Ralf Westhoff da kreiert hat. Es genügt allen Anforderungen seines Genres, und schon deshalb muß er zum Besten des Festivals gehören. Ebenso wie »Neulich 3« von Jochen Kuhn, eine wunderschön animierte Alltagsszene voller Witz und Intelligenz – wieder perfekt in allen Anforderungen seines Genres. Und schließlich »S« von Athanasios Karanikolas, ein 12minütiger Essay über Super-Marky: ein bis ins Kleinste verdichtetes Porträt der drei Lebensbereiche, über die sich der Szenen-Schwule Super-Marky definieren läßt. Ohne Off-Text und ausschließlich über weitgehend kommentarlose Bilder nähert sich Karanikolas ausschnitthaft seiner Figur. Damit offenbart »S« einen sehr eigenen, persönlichen kinematographischen Blick auf die Welt und lädt den Zuschauer ein, sich auf diesen Blick einzustellen. Auch das: perfekt in allen Anforderungen seines Genres, womit er verdient in einer Reihe mit den anderen Filmen stehen muß.

Und dann gibt es – dem gegenübergestellt – Filme, die an klar auszumachenden Stellen plötzlich schlicht versagen. So präsentiert sich »Omnis« als eindrucksvoller Versuch, das Grauen einer Gänsefleischerei zu ästhetisieren. In wundervollen Aufnahmen schaffen die Bilder des Kameramannes Andy Bergmann (jüngst mit einem Förderpreis beim Deutschen Kamerapreis Köln ausgezeichnet) eine Poesie aus Federn und Formen und kreieren ein fast schmerzliches Nebeneinander von Sanftheit und Gewalt. Und dann die letzte Einstellung: Regisseurin Gülseli-Bille Baur muß wohl darauf bestanden haben, mit einem Bild einer im Satinnachthemd bekleideten Frau zu schließen, die selig auf einem Daunenkissen schläft. Das ist am Ende dann der Verrat am eigenen Film und der moralische Knock-out für jegliche Poesie. Ähnlich schlecht beraten zeigt sich Regisseurin Pia Strietmann, wenn sie in ihrem Fiction-Kurzfilm »Fernweh« eine grandiose Pointe offeriert, aber nicht zu erzählen aufhört. Gnadenlos bringt sie die Geschichte zuende und rammt sie damit buchstäblich platt.

Das von Studenten organisierte »Cellu l'art« hatte eine Menge zu bieten, und die zahlreichen Zuschauer nahmen dies gerne an – vielleicht als Anstoß für nächtelange Diskussionen, vielleicht dankbar als Kaleidoskop der filmischen Möglichkeiten. Die Offenheit des Festival-Konzeptes »Alles ist erlaubt« verlangt aber auch eine extreme Offenheit seines Publikums. Zu nah rückt der Eindruck von Profillosigkeit, und nicht umsonst spezialisieren sich Kurzfilmfestivals mit zunehmender Etablierung (von Oberhausen und Hamburg bis Dresden) auf gewisse Schwerpunkte. Bleibt zu hoffen, daß das sympathische Event, wenn es eine bestimmte Linie anstreben sollte, nicht den hehren und so wichtigen Ansatz aus den Augen verliert, den Begriff der Filmkunst so weit wie möglich zu fassen. Denn das zu sehen, hat wirklich Spaß gemacht. 1970-01-01 01:00
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