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Internationales Kurzfilmfestival Hamburg 2006

Hamburg, 31. Mai - 5. Juni 2006
»Knospen wollen explodieren« von Petra Schröder

Preisflut an der Elbe

Von Daniel Albers Wenn das Internationale Kurzfilmfestival Hamburg sich durch eines auszeichnet, dann ist es seine Vielfalt. Das spiegelt sich schon in der Quantität der Kategorien und Preise wider, mit der man in Hamburg aufwartet.

Dabei hat man mit dem ZDFdokukanal und seinem neuen Award einen weiteren hervorragenden Medienpartner neben arte gewonnen. Die Vielfalt fand sich auch unter den Festivalbesuchern wieder, zu denen auch die vielen anwesenden Filmemacher aus aller Welt gehörten, die internationalen Flair nach Altona brachten. Doch war gleichzeitig auch der Charme des mittelgroßen Altonaer Stadtteilfestes zu spüren, vor allem bei der arg improvisiert wirkenden Preisverleihung, bei der aber auch nicht ein einziger Satz wie vorbereitet wirkte. So hatte die ganze Veranstaltung vor allem auch eine sehr persönliche Anmutung – man war »unter sich« in den Zeise Kinos.

Von den prämierten Filmen machte den persönlichsten Eindruck »O.T.« ("Ohne Titel") von Anna Berger, der Gewinner des Hamburger Kurzfilmpreises. Die Erzählerin gibt hier auf ungeheuer unbefangene Weise ihre Erfahrungen mit den unterschiedlichsten Psychotherapieformen wieder, während mit einer Reihe sehr origineller audiovisueller Verknüpfungen die letztlich positive Lebenseinstellung des Films unterstützend zum Ausdruck gebracht wird. Diesem essayistischen Low-Budget-Stil steht die Überdrehtheit des Gewinners des »Hanse Short«-Jury-preises »Knospen wollen explodieren« von Petra Schröder gegenüber, der als eine exaltierte und überschwenglich ausgestattete Mischung aus Märchenfilm, Musical, -Coming-of-Age-Drama und Theaterdarbietung daherkommt.

Ähnlich professionell produzierte, aber ungleich konventionellere Beiträge waren unter anderem »Berlin Budapest« von Rita Lengyel, Christian Mertens’ »Die andere Seite« mit einer interessanten Struktur der gegenseitigen Durchdringung von Erzählsituation und Erzähltem – oder auch der überaus witzige »Wigald« von Timon Modersohn mit Tom Schilling und Manfred Zapatka als suizidgewilltem Sohn nebst abgehalftertem Vaterversager.

Weitere gute und lohnenswerte Beispiele dafür, daß auch mit wenig finanziellem Aufwand Sehenswürdiges entstehen kann, sind »Fish Soup« von Alexej Tchernyi und Ulu Braun sowie der »No Budget«-Publikumspreis-Gewinner »Man OS 1« von Roland Seidel und Achim Stiermann. Ersterer bebildert mit gilliamesker Animationstechnik und Mut zum Trash das italienische Märchen um den Versuch, das Mittelmeer in eine einzige große Fischsuppe zu verwandeln. Der zweite zeigt einen in Zeiten einer computergeprägten Gesellschaft trotzigen Weg zurück zu eigenhändiger Arbeit auf.
Wortlos dokumentarisch und nah dran am Geschehen zeigt sich der François-Ode-Preis-Gewinner »Du soleil en hiver« von Samuel Gollardey. Er erzählt von einer Freundschaft zwischen einem Lehrling und seinem Meister auf einem abgelegenen französischen Bauernhof, wo man im harten Winteralltag nicht viel mehr hat als sich selbst, seine Arbeit und die paar Menschen um sich herum. Nichts lenkt ab, man muß miteinander auskommen. Es ist weniger eine Männer- als vielmehr eine Jugendfreundschaft – der Ältere läßt sich nur zu gerne von der Lebensfreude seines Lehrlings mitreißen – die hier sehr authentisch dokumentiert wird.

Auf einer wieder anderen Seite des Formenspektrums hätte auch »Kristall« von Matthias Müller und Christoph Girardet eine lobende Erwähnung, wenn nicht gar einen der 14 Preise verdient gehabt. Hier werden äußerst kunstvoll und sinnfällig die unterschiedlichsten im Film genutzten Wirkungen und Funktionen von Spiegeln in einer Collage aus alten Szenen miteinander verwoben. Die Figuren erleben vermittelt durch ihr Spiegelbild Wut, Selbsthaß, leben Narzißmus und Exhibitionismus aus. Spiegel dienen als Überbringer von Unheilsbotschaften, scheinen die Figuren zu beobachten und in den Wahnsinn zu treiben. Musikalisch effektvoll intensiviert und mit einer ganz eigenen Dramaturgie entwickelt sich aus Filmzitaten ein Kunstwerk, das gleichzeitig wie eine filmhistorische Reflexion wirkt.

Schließlich kam auch das Genre der Computeranimationen nicht zu kurz und hatte mit dem Gewinner des Greenpeace-Energy-Publikumspreises »Delivery« von Till Nowak (s. Schnitt Nr. 40) einen herausragenden Vertreter mit der originellen und äußerst professionell umgesetzten Idee einer Inversion von Innen und Außen, die es dem Protagonisten ermöglicht, den Traum eines jeden Umweltschützers in die Tat umzusetzen: die Rückeroberung einer industrialisierten und verdreckten Welt durch die Natur. 1970-01-01 01:00
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