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Internationales Kurzfilmfestival Hamburg 2004

Hamburg, 9. - 14. Juni 2004
»Two Cars, One Night« von Taika Waititi

Happy Birthday, Hamburger!

Von Achim Wetter Zwanzigsten Geburtstag feierte das Hamburger Kurzfilmfestival, und obgleich damit dem Teeniealter entwachsen, von einem arrivierten oder gar verknöcherten Festivalbetrieb konnte auch in diesem Jahr gar keine Rede sein. Voller jugendlicher Energie steckte diese Veranstaltung, strotzte vor Übermut und infizierte mit seiner quirligen Atmosphäre zweifellos auch sämtliche Besucher.

Was Kurzfilm im besten Fall zu leisten vermag, das spiegelte sich in allem wider, was rund um das Zeise-Kino, das Metropolis, das Lichtmeß und das B-Movie vom 9. bis 14. Juni zu sehen war: anarchisches Potential, das sich nur mit Mühe kontrollieren ließ, und Zügellosigkeit innerhalb eines klar vordefinierten Rahmens. Schnell wich da anfängliche Verwirrung angesichts eines aus allen Nähten zu platzen scheinenden Jubiläumsprogramms und machte einem Gefühl der Sicherheit Platz. Denn unabhängig davon, welchen der in handliche Happen gegossenen Screenings man auch den Vorzug gab, man fand sich stets in den besten Händen. Bei der stolzen Anzahl von 36 Programmblöcken mit je zweistündiger Länge eine nicht zu unterschätzende Leistung der Veranstalter. In den Kategorien »Internationaler Wettbewerb«, »Made in Germany«, »Made in Hamburg«, »No Budget« und dem »Flotten 3er« tummelten sich so rund 400 Kurzfilme von fiktional bis dokumentarisch, von animiert bis experimentell – inklusive eines speziellen Jubiläumsprogramms, das von solider Filmkunst aus 20 Jahren Kurzfilmgeschichte bis hin zu nie zuvor gezeigten »kotverkrusteten Videojuwelen, die bewußt die Grenzen des guten Geschmacks überschreiten«, reichte.

Gerade die lockere Kombination der Wettbewerbe mit diesem Rahmenprogramm eröffnete ungeahnte Horizonte. Denn durch das Dispositiv dieser subjektiven Auswahl aus zwei Jahrzehnten traten die aktuellen Trends im Kurzfilmbereich umso deutlicher hervor. Die Zeit der mit tendenziell aggressiver Musik unterlegten Spektakel bunt flimmernder Bilderuniversen zum Beispiel, die sich im Stakkato in die Gehirne des Publikums hämmern und lange Zeit das Image des experimentellen Kurzfilms prägten, ist heute denkbar passé. Und vorüber scheint auch die Phase, in der die Kurzfilmszene vornehmlich als Spielplatz für angehende Musikvideoproduzenten verstanden wurde. Stattdessen drückte vor allem im internationalen und deutschen Wettbewerb jede Menge auf höchstem ästhetischen Niveau inszeniertes Erzählkino dem Festival einen unverkennbaren Stempel auf.

Aus dem Osten schwappte vor allem Sozialkritisches in die Hansestadt, wie etwa der Kurzspielfilm »Easily and Sweetly« von Ignas Mishkinis, der mit wunderbar zurückhaltenden Kompositionen und mit fast dokumentarischer Leichtigkeit ein rührendes Stimmungsbild vermittelt. Anhand einer universellen Geschichte über zwei Jugendliche, über ihre Gier nach Liebe und Anerkennung und über die Chancenlosigkeit in der trostlosen und feindlichen Umgebung einer litauischen Großstadt. Mit »The Pact« präsentierte die Dänin Heidi Maria Faisst ein mit starken Emotionen angereichertes und mit typisch tiefgründigem, skurrilem Humor erzähltes Kinostück aus dem Norden, in dem sie eine ungewöhnliche Beziehung zweier Geschwister in eindringliche Bildformate transferiert.

Animationskino, das rasante Action bietet und dabei ganz ohne Dialoge auskommt, zeigte sich nicht nur im australischen Beitrag von Regisseur Peter Cornwell, der in »Ward 13« ebenso spielerisch wie respektlos Versatzstücke aus dem Horror-, Action- und Kung-Fu-Genre persifliert. Cornwell konkurrierte dabei im internationalen Wettbewerb mit seinem Landsmann Adam Elliot und dessen bereits mit dem Animationskurzfilm-Oscar bedachten Harvie Crumpet um die Gunst des Publikums. Die Auszeichnung der neuseeländischen Produktion »Two Cars, One Night« von Taika Waititi, einer subtilen Beschreibung eines kindlichen Flirts, der neben einem ausgeklügelten Bild- und Beleuchtungskonzept vor allem durch großartige Kinderdarsteller besticht, bestätigte den greifbaren Trend. Zusammen mit der Kür von Christoph Wermkes »Abhaun!«, einer behutsamen Schwarzweiß-Studie über (ost-)deutsche Befindlichkeiten zum besten Beitrag im nationalen Wettbewerb, untermauert sich zweifellos die momentan uneingeschränkte Vorherrschaft des fiktionalen Stimmungsbildes. 1970-01-01 01:00
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