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Filmfest Dresden 2002

Dresden, 16. - 21. April 2002
»Der moderne Zyklop« von Daniel Nocke

Ein Kessel Buntes

Von Stefan Vockrodt Festivals sind mittlerweile fast die einzige Gelegenheit für Kurzfilmer, ihre Arbeiten einmal einem größeren Publikum zu präsentieren. Das Filmfest Dresden, das sich seit 1989 einen festen Platz unter den bedeutenden deutschen Kurzfilmfestivals erobert hat, fährt seit Jahren erfolgreich zweigleisig. Neben den Wettbewerben für nationale und internationale Kurzfilme bildet die regionale Produktion einen Schwerpunkt des Festivalprogramms.

Dabei knüpft man in Dresden an eine lange Tradition an, war Dresden doch Standort der DEFA-Trickfilmproduktion, die trotz aller Beschränkungen durch die staatliche Kulturpolitik und eines verordneten Schattendaseins über mehr als dreißig Jahre hinweg ein hohes Produktionsniveau aufrechterhielt, wie die diesjährige Retrospektive zeigte, die vom Deutschen Institut für Animationsfilm zusammengestellt wurde.

Neben einer Auswahl des Besten aus den DEFA-Trickfilmstudios gab es einen west-östlichen Diwan von 50er Jahre-Produktionen zu sehen und – als einen der absoluten Höhepunkte des Festivals – ein Programm mit Filmen des russischen Animationsfilmers Juri Norsteins. Das Programm, das Norsteins' Arbeiten der 70er Jahre vorstellte, zeigte deutlich, wie der Künstler im Laufe weniger Jahre seinen Stil formte und seine essayistischen Märchen zu immer größerer formaler wie inhaltlicher Tiefe und Reife führte. Filme wie »Der Igel im Nebel« oder »Das Märchen der Märchen« heben sich in ihrer bewußten Einfachheit und Flächigkeit deutlich von heutigen Software-Materialschlachten ab und bestechen auch nach über zwanzig Jahren mit ihrer komplexen Erzähl- und Animationsstruktur.

Die Wettbewerbsprogramme – sowohl im internationalen wie auch im nationalen Wettbewerb werden sie in Dresden seit längerem schon von eher konventionelleren Kurzspielfilmen dominiert – boten viel guten Durchschnitt und nur wenig Überragendes.

Im nationalen Wettbewerb erhielt »Howrah Howrah« von Till Passow den Preis als Besten Kurzfilm. Der Dokumentarfilm beschreibt in aller Knappheit die Gegensätze zwischen extremer Armut, Elend und bürgerlicher Wohlanständigkeit in einem Schwellenland, indem er einen Tag auf dem Hauptbahnhof (Howrah Howrah) von Kalkutta beobachtet. Als bester deutscher Animationsfilm wurde nicht überraschend Daniel Nockes »Der moderne Zyklop« ausgezeichnet, eine mit Knetfiguren inszenierte Satire auf den modernen Spaßtourismus.

Im internationalen Wettbewerb gingen die Preise an »Meska Sprawa« von Slawomir Fabicki (Polen), Virgil Widrichs kafkaeske Groteske »Copy Shop« (Österreich) und »Field« von Duane Hopkins (Großbritannien), alle drei Kurzspielfilme, die sich mit der Vereinzelung und Isolation des Individuums in der modernen Gesellschaft befassen, jeder auf eine etwas andere, nichtsdestoweniger originelle Art. Den Publikumspreis gewann Paul Whittingtons Hero, eine sensible Studie über die Traumatisierung eines Kriegsheimkehrers, erzählt aus der Perspektive des kleinen Bruders.

Der Publikumspreis für »Hinten scheißt die Ente« aus dem nationalen Wettbewerb von Sabine Michel zeichnet eine bitterböse Ost-West Satire aus, in der die Verlierer einmal als letzte herzlich und vor allem schadenfroh lachen dürfen.

Liefen in den Wettbewerbsprogrammen im großen und ganzen Filme, die weder formal noch inhaltlich besonders originell waren, stachen die wenigen Dokumentarfilme aus der Masse heraus.

Neben »Howrah Howrah« gilt dies für »Steklarski Blues« (Slowenien) von Harry Rag und den mit dem Jameson Kurzfilmpreis ausgezeichneten »Matrilineal« von Caterina Klusemann.

Neben diesmal fast einem halben Dutzend Länderspecials (traditionell Großbritannien, daneben dieses Jahr auch Portugal, Skandinavien, Frankreich und Australien gewidmet) und den Programmen mit regionalen Produktionen, zu denen immer auch Programme mit Schüler- und Studentenfilmen gehören, war das dem britischen Experimentalfilmer Matt Hulse gewidmete Special ein weiterer Höhepunkt des Festivals. Als Weltpremiere zeigte Hulse seinen während des Festivals produzierten Film »Fallenlassen«.

Mit seiner Mischung aus Bekanntem und Neuem, regionalen und internationalen Produktionen hat sich das Filmfest Dresden auch beim Publikum einen festen Platz erobert.
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