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femme totale 2001 8. Internationales Filmfestival

Dortmund, 28. März - 1. April 2001

Kußecht?

Von Thomas Waitz »Wer küßte wen, wann und warum?« – Ganz dem Motto »Kußecht« verpflichtet, widmete sich die diesjährige Femme Totale einer »Spur der Küsse« als Indiz für das am häufigsten verhandelte Filmthema schlechthin: der Liebe in ihrer romantischen Ausprägung, jenem vielbeschworenen Ideal des alles erfassenden, verändernden und zugleich dauerhaften Gefühls und seinem noch häufigeren – vielleicht bereits eingeschriebenen – Scheitern.

Ein weites Feld also, und am stärksten diesem Blickwinkel verpflichtet schien die äußerst spannende Reihe »Jeder Kuß zu seiner Zeit«, die eine ganze Reihe (wieder-)sehenswerter Beispiele aus siebzig Jahren Filmgeschichte bot. Wie veränderten sich die hier zu Tage tretenden Typisierungen von Weiblichkeit und mit ihnen der Kanon der Liebe im Film? Wie sind bestimmte Beziehungsmuster untrennbar mit der Zeit verwoben, die sie hervorgebracht hat? In Belle of the Nineties (Leo McCarey, USA 1934) verliebt sich Mae West als Nachtclubsängerin in den jungen Boxer Tiger Kid, um ihn schließlich zu fragen: »Is that a gun in your pocket or are you just glad to see me?«. Weniger forsch, umso divenhafter hingegen Diva Dolorosa (1999), eine Stummfilm-Kompilation des Niederländers Peter Delpeut, die das Repertoire großer Gesten und Gefühle der italienischen Filmstars der 10er Jahre, wie Lyda Borelli, Pina Menichelli und Francesca Bertini, erschließt.

Weitere Filmreihen beschäftigten sich mit dem brasilianischen Kino, der Schauspielerin Meret Becker und der amerikanischen Avantgarde. So boten zwei von der New Yorker Independent-Künstlerin M.M. Serra kuratierte Kurzfilmprogramme eine Begegnung mit Avantgardefilme der letzten 30 Jahre, die sich das Begehren und die Repräsentation weiblicher Sexualität zum Thema gemacht hatten. Darunter auch »Klassiker« wie Carolee Schneemanns Fuses (1964-68), der erste explizit feministische Erotikfilm sowie Barbara Hammers Dyketactics (1973), einer der frühesten Experimentalfilme, in denen es um lesbische Erotik geht.

Die zahlreichen Filme, Vorträge, Workshops und Diskussionen des Festivals warfen jedoch auch eine Frage auf, die sich geradezu aufzudrängen schien: Kann die schlichte Tatsache weiblicher Autorenschaft (und deren anhaltende Unterrepräsentation) heutzutage noch ein ganzes Festival rechtfertigen? Der Eröffnungsfilm, Summer or 27 Missing Kisses (Nana Djordjadze, 1999), bewies in seiner peinlichen Schlüpfrigkeit immerhin eins: Daß es für eine feuchte Männerphantasie der Männer offensichtlich nicht bedarf. 1970-01-01 01:00
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