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Deutsche Kurzfilmer in Cannes 2001

Cannes, 9. - 20. Mai 2001

Next Generation: Du Kannst? Sie Cannes!

Von Nikolaj Nikitin Elf deutsche Filmhochschüler bekommen dank der Export Union die Möglichkeit, ihre Kurzfilme bei den Filmfestspielen in Cannes im Rahmen des Programms »Next Generation« zu präsentieren.

In jüngster Vergangenheit überzeugten deutsche Studentenfilmproduktionen nicht nur auf heimischen Festivals, sondern fanden auch im Ausland immer mehr Beachtung – oft, aber nicht immer berechtigt. So gewannen Deutsche die letzten vier Jahre in Folge – vom Kölner Raymond Boy für »Ein einfacher Auftrag« (1997) bis zu Florian Gallenbergers »Quiero ser« (2001) – den Honorary Foreign Student Award, sprich den Oscar für den besten ausländischen Studentenfilm. Und bis auf den peinlichen »Kleingeld« (1999) waren es durchaus einfallsreiche Werke.
»Next Generation« versammelt heuer verschiedene Genres und Handschriften aus neun Schulen. Da jede Institution ihre Eigenart und Präferenz besitzt, spiegelt sich diese auch in der Zusammenstellung des mannigfaltigen Programms deutlich wider: Animation, Kammerspiel, Parodie, Coming-of-Age-Story, Liebesgeschichte, Satire. In den jeweiligen Bereichen lassen die Werke ein schlummerndes Talent und eine persönliche Note der Verantwortlichen erkennen.

Die Kölner KHM vertritt Richard Bades mit »Dans l'atelier du sculpteur«. Kaum eine Minute benötigt Bades, um in einer sparsamen, aber dennoch effektiven Zeichenmanier einen bissigen Kommentar zum Kunstbetrieb und zum Pygmalion-Mythos abzugeben. Ein erfahrener Bildhauer erschafft mit ein paar gezielten Schlägen eine wunderschön anmutende Statue – bis er plötzlich eine gehörige Überraschung erlebt.

Bei näherer Betrachtung der aktuellen Produktionen lassen sich einige Trendverschiebungen feststellen. So zeigen sich die früher hochpolierten und stets heiter aufgelegten HFFler aus München inzwischen fast schon so depressiv und sozial engagiert wie sonst nur die Berliner dffbler. Die Ludwigsburger, die lange Zeit nur blutleeres Trickkino ohne Substanz und Stringenz produzierten, entwickeln langsam eine ausgewogene Mischung zwischen Form und Inhalt – so bei »Endstation: Paradies«. Überraschungen bieten oft die eher kleineren Studiengänge wie beispielsweise die Fachhochschule Hannover.

Eine besonders zuckerbunte und schräge Idee hatte Franziska Stünkel und begeisterte für »Wünsch Dir was« nicht nur eine einfallsreiche Ausstatterin, sondern auch noch Sissi Perlinger und Lutz Winde als Hauptdarsteller. Mit einem poppigen Look erzählt sie vor allem in den ersten Minuten pointiert den zaghaften Annäherungsversuch von ihm zu ihr, der leider wegen höherer Mächte scheitern muß. Nach der Teilnahme in Venedig darf Sebastian Winkels von der Potsdamer Konrad Wolf seine gelungene Ton- und Kameraübung »Oberstube« (s. Schnitt 21) nun auch in Cannes vorstellen.

Wenn es einen heimlichen Star in Sachen derbem, aber niemals plattem Humor im deutschen Kurzfilm gibt – so ist sein Name Carsten Strauch. Er bescherte uns bereits den inzwischen zum Animationsklassiker mutierten »Futter«, den respektlosen »Coming out« und nun als neuesten Streich die Krankenhaussoapparodie »Das Taschenorgan«, eine Art »Riget« interpretiert vom »Saturday Night Live«-Team. Einen höchst ungewöhnlichen und optisch verspielten Film produzierte der Hamburger Romeo Grünfelder (s.Schnitt Nr. 9) mit »><« (der Film heißt so!).

Nach Cannes wird das Programm bei allen von der Export Union veranstalteten Filmreihen im Ausland gezeigt. Nachdem Gallenberger nun auch den Kurzfilm-Oscar gewonnen hat, wird es langsam wirklich Zeit, auch im Inland Kurzfilme mehr zu fördern. Wenn schon keine Einsicht von innen kommt, hilft vielleicht die Trophäe aus L.A. 1970-01-01 01:00
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