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Internationales Filmfest Braunschweig 2005

Braunschweig, 8. - 13. November 2005

Marxisten im Weltall

Von Thomas Waitz Das 19. Filmfest Braunschweig erinnerte in einer verdienstvollen Retrospektive an den utopischen Film in Osteuropa.

Als Günter Simon als Ernst Thälmann am Ende von Kurt Maetzigs Staatsepos in die außerdiegetische Wirklichkeit schritt, da führte sein Weg weit fort. Nicht die DDR war das Ziel, sondern das ferne Weltall. Schauspieler und Regisseur befanden sich 1959 auf der Reise zum Schweigenden Stern – dem, wenn man so will, ersten Science Fiction-Film der DDR. Die Wahl des Genres, das politisch korrekt als »wissenschaftlich-fantastischer Film« bezeichnet wurde, hatte zwei Gründe: Zum einen schien es über großen Unterhaltungswert zu verfügen, zum anderen ein probates Mittel, mittels ideologischer Nutzbarmachung den Erziehungsauftrag der DEFA zu erfüllen. Und so spiegelt die Zukunft von gestern, das zeigte die fast schon umfassend zu nennende Retro-spektive, die neun Filme aus Osteuropa verband, in erster Linie die zeitgenössische politische Situation, die Weltsicht der herrschenden Klasse. So stellt sich nicht nur der Schweigende Stern als durch eine Atomkatastrophe früherer Zivilisationen verseucht heraus, auch in der aufwendig ausgestatteten Barrandov-Produktion Ikarie XB1 (1963, Jindrich Polák) trifft die Besatzung auf strahlende Überreste jenes sich selbst eliminiert habenden »Gesindels, das uns Auschwitz und Hiroshima hinterlassen hat«. Und doch mündet wiederkehrend die gesellschaftliche und biopolitische Utopie des Neuen Menschen in kleinbürgerliche Spießigkeit, deren biederen Kern der vielbeanspruchte Traum vom Meer darstellt, wie er im Bild des auf Händen an einem leeren Strand laufenden Gojko Mitic emblematisch sichtbar wird. Eine Einstellung aus der deutsch-polnischen Koproduktion Signale – Ein Weltraumabenteuer von 1970, die ihrerseits wiederum eine Art SED-Version des in der DDR nicht zur Aufführung gelangten Kubrick'schen 2001 darstellt.

Vieles von dem, was in Braunschweig zu sehen war, hatte unübersehbar den »Staub der Sterne«, um damit nicht nur den Titel eines späteren Films der DEFA, sondern auch jenen der Retrospektive zu zitieren, angesetzt. Doch würde man den ernsthaften Anliegen der Filmemacher nicht gerecht werden, in den zumeist sehr aufwendig produzierten, oft in internationalen Koproduktionen entstandenen Filmen allein das komische Moment zu sehen, das sich aus der zeitlichen Distanz ergibt. Ein sonderlicher Erfolg waren die Filme seinerzeit übrigens nicht - schon Ende der 50er Jahre war das Publikum offenkundig nicht mehr bereit, allzu offensichtliche Propaganda zu akzeptieren. 1970-01-01 01:00
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