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Il Cinema Ritrovato 2004

Bologna, 3. - 10. Juli 2004
»Die drei von der Tankstelle« in der Cineteca.

Galerie der alten Meister

Von Andrea Haller Nicht nur aufgrund des schlechten Wetters hat sich diesen Sommer der Trip über die Alpen nach Italien, genauer gesagt nach Bologna gelohnt. Dort fand mittlerweile nun zum achtzehnten Mal das alljährliche Festival »Il Cinema Ritrovato« statt, ein Festival der etwas anderen Art: Zur Aufführung gelangen in Bologna nicht aktuelle Filme, sondern Filme aus den ersten 50 bis 60 Jahren der Filmgeschichte. Dabei beschränkt man sich nicht auf bekannte Filmklassiker, sondern bietet den Besuchern die Gelegenheit, Material zu sichten, das oft vergessen, verschollen oder für Jahrzehnte in Archiven verborgen war. Auch gelangen neu restaurierte und wiedergefundene Fassungen von Filmen zur Aufführung, die seit langem wieder ein großes Publikum finden.

So wurde in den drei Kinos ein reichhaltiges und äußerst diverses Programm präsentiert. In den zwei Kinos der im letzten Jahr neueröffneten Cineteca wurden hauptsächlich Stummfilme und frühe Tonfilmarbeiten gezeigt. Das dritte Kino, ein original erhaltenes riesiges Kinotheater, das an die goldene Zeit des Kinos erinnert, als die Filmbilder Überlebensgröße erreichten, war dann auch den großen Formaten vorbehalten. Diese überlebensgroßen Filme wurden in der Sektion mit dem Titel »Format as Auteur: 70mm, Vista Vision, CinemaScope« gezeigt. So konnte man die Hitchcock-Klassiker Vertigo (VistaVision) und The Man Who Knew Too Much (Perspecta Sound) in den Originalformaten erleben und den altbekannten Werken ganz neue Seiten abgewinnen. Auch The Ten Commandments von Cecil B. DeMille aus dem Jahre 1956, ebenfalls in VistaVision gefilmt, entfaltet sein volles Potential erst, wenn man ihn nicht wie allösterlich auf Fernsehformat zurechtgestutzt sieht. Mit der 70 mm Kopie von 2001: A Space Odyssey kam auch Stanley Kubricks Meisterwerk zu seinem Recht und eröffnete dem Publikum, das 2001 in einer abendlichen Open-Air Projektion auf der Piazza Maggiore vor der Kathedrale Bolognas erleben konnte, phantastische Bilderwelten und Soundlandschaften. Der Westernklassiker The Man From Laramie mit James Stewart in einer eher ungewöhnlichen Rolle war ebenfalls im original Breitwandformat CinemaScope auf der Piazza Maggiore zu sehen. Die Reihe der Westernklassiker, die im Rahmen einer Retrospektive der King Kong-Macher Merian C. Copper und Ernest B. Schoedsack gezeigt wurden, setzte sich fort mit den John Ford-Western She Wore a Yellow Ribbon (1949) in satten Technicolor-Farben und The Searchers (1956), beide von Cooper produziert und mit John Wayne in der Hauptrolle. Man mußte kein ausgesprochener Western-Fan sein, um nach diesen Screenings die momentane Flaute im Westerngenre zu bedauern.

Ein weiteres Highlight war die Aufführung von Chaplins wundervollem letzten Stummfilm City Lights, der im Teatro Comunale der Stadt Bologna in Anwesenheit einer der Söhne Chaplins aufgeführt wurde. Als besonderer Clou wurde der Film mit der von Chaplin selbst komponierten Originalmusik durch ein großes Orchester begleitet. Die Restaurierungen von City Lights sowie des im Vorprogramm gezeigten frühen Chaplinfilms Payday (1922) und der vier Kurzfilme aus dem Jahre 1914, die Chaplin für Keystone drehte und die am nächsten Tag in der Cineteca unter großem Andrang zur Aufführung kamen, sind Teil des groß angelegten Chaplin Project, bei dem es sich die Cineteca di Bologna mit Unterstützung verschiedener Partner wie dem BFI und den Erben Chaplins zum Ziel gesetzt hat, sämtliche Chaplin-Filme zu restaurieren.

Das Tonfilmkino der Cineteca bot unter der Überschrift »The Fragility of Happiness: German Musicals of the 1930s« ein ganzes Repertoire an Filmen, deren Schlager man heute noch kennt (»Ein Freund, ein guter Freund…«), so u.a. Die drei von der Tankstelle, Der Kongreß tanzt, Viktor und Viktoria, der der Blake Edwards Neuverfilmung aus dem Jahre 1982 in punkto Darstellung sexueller Wahlmöglichkeiten in nichts nachsteht, betrachtet man sein Entstehungsjahr 1933, und die brüllend komische Mythen-Parodie Amphitryon. Vor allem im historischen Kontext der beginnenden Naziherrschaft betrachtet, verwundert es, wie vital, ironisch und höchst amüsant diese Filme immer noch sind. Interessant auch die verschiedenen Fassungen für verschiedene Länder, die nebeneinander gezeigt wurden: Zu Beginn der Tonfilmzeit war es gängige Praxis, einen Film in mehreren Sprachversionen zu drehen. Meist mit demselben technischen Team in denselben Kulissen gefilmt, jedoch mit teilweise anderen Schauspielern und dem jeweiligen Land angepaßten leichten Veränderungen des Drehbuchs wurde dem jeweiligen Publikumsgeschmack und den kulturellen Differenzen Rechnung getragen.

Andere Sektionen des Programms widmeten sich einzelnen Schauspielern oder Filmemachern wie dem britischen Dokumentarfilmer Humphrey Jennings, dem »einzig wahren Poeten des britischen Kinos«, wie Lindsey Anderson 1952 schrieb, der in seinen Filmen aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges, die in Bologna gezeigt wurden, die Formensprache des Kinos entscheidend mitprägte. Eine Sektion des Stummfilmkinos widmete sich dem dänischen Schauspieler und wohl einzigen männlichen Star der 1910er Jahre Valdemar Psilander, der nahezu vergessen war und von dem in dieser Woche zwölf Filme zu sehen waren. Die sogenannten Dossiers hingegen zeigten unbekanntes Material von bekannten Filmemachern, wie deMille, Renoir oder Bergman.

Die wohl ältesten Filme, die dieses Jahr gezeigt wurden, stammten von 1904 und zeigten das Kino, wie es vor hundert Jahren war. Eine ganze Sektion von fünf einstündigen Screenings widmete sich dem Filmschaffen dieses speziellen Jahres. Neben Industrieaufnahmen und raren Tonbildern aus dem Hause Messter bot eine Zusammenstellung von sogenannten »Herrenfilmen«, die damals in speziellen Vorführungen gezeigt wurden, die größte Überraschung. Und tatsächlich sah man in diesen »pikanten Films« auch hin und wieder einen nackten Busen hervorblitzen.

Höhepunkt und Abschluß der Woche im Zeichen des »wiedergefundenen Kinos« war dann am Samstag Abend die Open-Air-Vorstellung des viel zu selten gezeigten Jaques Tati Meisterwerks Playtime in einer 70mm Kopie. So hat das Festival in Bologna wieder einmal bewiesen, daß alte Filme nicht notwendigerweise altbacken sein müssen und einen unerschöpflichen Fundus an Ideen, Geschichten, aber auch technischen Finessen bieten. Für jeden an Filmgeschichte Interessierten, der sich nicht mit den – erfreulicherweise immer häufiger erscheinenden – Klassiker-DVDs auf dem heimischen Fernseher begnügen möchte und die überwältigende Variationsbreite des Filmerbes in angemessener Form und in phantastischer Atmosphäre erleben will, ist Il Cinema Ritrovato ein absolutes Muß. 1970-01-01 01:00
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