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Berlinale 2007 – Deutsche Filme

Berlin
8. bis 18. Februar 2007
Ferien von Thomas Arslan

Weiblich, jung, realitätsverbunden

Von Kyra Scheurer Der deutsche Film auf der Berlinale 2007 – ein Streifzug durch die Sektionen.

Nachdem »wir« nicht mehr nur Papst und endlich Weltmeister, sondern auch wieder Oscar sind, ist das Loblied auf den deutschen Film ein ausgelutschter Gassenhauer geworden. Hier nun ein etwas differenzierterer Blick auf den deutschen Film bei der Berlinale: Auch im sechsten Jahr der Ära Kosslick waren »wir« sektionsübergreifend stark vertreten – wenn auch nur mit gefühlten anderthalb Beiträgen im Wettbewerb und bis auf den fast schon traditionellen weiblichen Schauspielbären weitgehend preisfrei. Dafür hatte diesmal das Forum einen besonders starken deutschen Programmschwerpunkt und mit Ann-Kristin Reyels Langfilmdebüt Jagdhunde auch die deutsche Berlinale-Entdeckung 2007 zu bieten. Weit entfernt vom sentimentalen Sozialdrama werden hier die Untiefen familiärer Konflikte und Kommunikationsstrukturen verschiedener Generationen ausgelotet – fast beiläufig inszeniert, gebrochen von poetisch überhöhten Bildern, bei allem Hang zu Natur- und Tiermetaphern immer nah bei den Figuren und oft erfrischend humorvoll.

Wenn der jugendliche Protagonist Lars als »der Neue« in der Uckermark beharrlich um einen Platz in der Dorfgemeinschaft ringt, während zuhause sein Vater auf einmal mit der Schwester der Mutter liiert ist, die Mutter dann wiederum pünktlich zu Weihnachten samt jugendlichem Galan auf der Matte steht, der wiederum quälend lang das filmische Leitmotiv, Schuberts »Winterreise«, zum Besten gibt – dann ist das ebenso komisch wie bedrückend und doppelbödig. Die subtile Universalität, die in der diskreten Innenansicht verschiedener Familienmodelle, aber auch in der aufkeimenden Liebe zwischen Lars und der taubstummen Gastwirtstochter Marie mitschwingt, verdankt sich vor allem einem erstaunlichen Ensemble: Als kathartischer Filter wirkt in der Hauptrolle Constantin von Jascheroff mit Filmvater Josef Hader als wortkarg-vitalem Gegenpol. Aber auch Ulrike Krumbiegel und Judith Engel im schwesterlichen Rollenkampf um Mann, Kind und Lebenskonzept meistern den Spagat zwischen unterdrückter Trauer und Wut und aktionistischem Frohsinn mit großer Intensität.

Betrachtet man den inszenatorisch der Nouvelle vague allemande zuzurechnenden Jagdhunde im Kontext anderer deutscher Berlinale-Beiträge, gibt es neben dem mit dokumentarischen Mitteln spielenden Regiekonzept, das ihn in direkter Linie mit dem klassischen Berlin(ale)-Triumvirat der ehemaligen dffb-Kollegen Schanelec-Petzold-Arslan verbindet, zwei weitere Schnittmengen: Die auch in Angela Schanelecs Nachmittag im Forum und Arslans Panorama-Beitrag Ferien handlungsbestimmende Familie und den weiblichen Blick. Denn 2007 war der deutsche Berlinale-Film vor allem eines: intensiv geprägt von Frauen vor und hinter der Kamera. Allein in der Perspektive Deutsches Kino entstanden zwei Drittel der gezeigten Filme in weiblicher Regie (ein weiterer Schwerpunkt war erneut der Dokumentarfilm, der mit vier Beiträgen gegenüber acht Spielfilmen auch qualitativ deutlich mehr überzeugte, vgl. S.57). Aber nicht nur im Feld der Regie konnten die deutschen Frauen punkten: Neben dem FIPRESCI-Preis für Jagdhunde und dem Silbernen Bären für Nina Hoss' eindringliche Verkörperung der Yella gingen auch alle anderen Auszeichnungen für deutsche Leistungen ausschließlich an Frauen – der Caligari-Filmpreis an Anja Salomonowitz' Kurz davor ist es passiert, der Dialogue en Perspective-Preis an Bettina Blümners Ausnahmedokumentarfilm Prinzessinnenbad und der Femina-Filmpreis an die für die Filme der Nouvelle vague allemande wesensbestimmende Editorin Bettina Böhler. 1970-01-01 01:00
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