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Querschritt. Von der Berlinale 2007

18

Mein liebster Filmkuß

Von Sarah Sander
Es geht die Lehre, das Filmbildentfalte sich »zwischen individueller Leiblichkeit und kultureller Phantasie«:Semiotik allein kann ihr nicht beikommen, eine rein physiologische Untersuchungdes Wahrnehmungsapparats ebensowenig.

Tanzend, flirrend, klirrend und oszillierendzieht es seine Wirkung aus medial generalisierten Symboliken, die – überNetzhaut und Nervenbahnen mit verinnerlichten Lexika kultureller Codes kurzgeschlossen- in Bäuchen, Köpfen, Herzen und Schößen von Kinoguckernexplodieren. Kinder unserer Zeit und Produkte einer Umwelt fühlen wir, waszu sehen ist.

Als Ossi Oswalda ……


17

Werkschau Kihachi Okamoto, Teil 4

Von Rebekka Hufendiek, Friederike Horstmann
Schwitzende Männer für den Frieden

Hier geht's um Weltpolitik, deshalb sehen wir zuallererst Japan auf dem Globus und hören Kriegsgeräusch und Nachrichtensprecher. Okamoto erzählt das Ende des Zweiten Weltkriegs, erzählt die vierundzwanzig längsten Stunden Japans.

Hier geht's darum, wie weltpolitisches Geschehen von einem riesigen Apparat aus Staat und Militär in die Tat umgesetzt wird, deshalb sehen wir ständig Matchcuts von Ventilatoren in Politikerbüros, die stehen bleiben, hin zu Propellern von Kampfflugzeugen, die sich in letzter Rebellion in Bewegung setzen.

Hier ……


16

Kindheitssommerferienerinnerungen

Von Nina Kuntz
Eine Schüssel mit übertrieben großen dunklen Kirschen steht auf dem Tisch. Die braucht man vor Verzehr nicht waschen, weil die im Garten wachsen und der grenzt direkt an einen See zum Baden. Die Villa ist groß, rein und luftig und alles ist mit den hellen, warmen Strahlen des Sommers überspült. Das Dauergezwitscher der Vogelgesang-Loops lullt einen ein.

Das sind unbeschwerte Kindheitssommerferienerinnerungen, zeichenhaft konzentriert auf die Kinowand aufgestreut.

Minutenlange Einstellungen fixieren die Makrowelt des Frühstückstischs, ignorieren dagegen die Personen im Raum, ignorieren ……


15

Tracey Fragments in Fragmenten

Von Julian Bauer
Viele kleine Kästchen. Bilder. Die Leinwand in Fragmente zerlegt. Tracey, das 15jährige »It-girl« (ohne Titten) fragmentiert sich selbst und mit sich die Leinwand. Fragmentiert und fügt zusammen – zu einem Bild.

Tracey in ihren Teenager-Träumen. Beliebt und geliebt. Den Klischees entsprechend und doch so wahr. Tracey in all ihrer Zerbrechlichkeit, in ihrer Realität mit den Eltern und dem Bruder, der spurlos verschwunden ist, verschwinden wird. Tracey ganz allein in der Schule. Das »It-girl«, getriezt, verfolgt. Der Trotz als Antwort. Den Klischees entsprechend und doch so wahr. ……


14

Werkschau Kihachi Okamoto, Teil 3

Von Rebekka Hufendiek, Friederike Horstmann
»I don't fully understand your swordsmanship«

Ryunosuke der Schwertkämpfer ist der Wahnsinn in expressionistischer Schattengestalt.
Im Kampfzeremoniell schon durch seine unheimliche Ausstrahlung überlegen; Schweiß perlt auf der Stirn des Gegners, Ryunosuke hat sein Schwert noch nicht gehoben.

Alles ist so still hier und die Dinge und Gesten so präzise angeordnet. Bis zu den sorgfältig geschnürten Gewändern und den quadratisch vergitterten Schiebetüren, die sich lautlos öffnen und schließen, öffnen und schließen.

Das Bedrohliche liegt in der völligen Ruhe ……


13

Werkschau Kihachi Okamoto, Teil 6

Von Rebekka Hufendiek
We're two of a kind

So war's bisher: Einsame Helden, beschäftigt mit dirty men's business, in einer merkwürdig bedeutsamen Relation nur zu ihren ebenbürtigen Mit- und Gegenspielern, die stets in einer Person zusammenfallen und vor allem dafür da sind, den Tod erhaben werden zu lassen. Frauen, die stehen als »Flowers« auf der Veranda, günstig zu haben in Kriegszeiten, oder sie legen selbst Blumen auf Gräber Verstorbener, von denen gibt’s ja genug.

Was wir bei Okamoto bisher als tragende Charaktere ausgemacht haben, wird in »Procurer of Hell« zunächst wieder ……


12

Werkschau Kihachi Okamoto, Teil 5

Von Friederike Horstmann, Sarah Sander
Die Reproduktion des Banalen

Nichts im Leben des Herrn Jedermann ist elegant: Oft rümpft er die Nase, und die schwere Hornbrille schiebt sich hoch und runter. Er sammelt Müll in seinem Garten – der zur Freude seiner Frau um ein Weniges größer ist als der ihrer Nachbarn. Und er sitzt schwerfällig in der Ecke, wenn seine Arbeitskollegen in ihrer Pause tanzen und singen. Einmal in der Woche sucht er seinem freudlosen Leben zu entkommen, indem er sich in die Bewußtlosigkeit trinkt. Trotzdem wird er seine belanglose Lebensgeschichte erfolgreich in einer Zeitung veröffentlichen.

Ohne ……


11

Farbenspiel auf Zelluloid

Von Michael Dettbar
Vor blendend weißer Wand – heller könnte sie nicht sein – erzählt Mladen die Geschichte seiner Tat; er redet, beichtet, stockt und zieht verstört an seiner Zigarette. Sein Blick zielt knapp an Kamera und Zuschauer vorbei. Er senkt den Kopf zu Boden, bis bewegtes Zelluloid einmal mehr das Erzählen übernimmt.

Um seinen kranken Sohn zu retten, läßt er sich auf eine furchtbare Abmachung ein: Das Leben eines anderen gegen das Leben seines Sohnes – Mladen soll zum Mörder werden. Der Schicksalsschlag als Treibmittel des Films. Doch Klopka – die Falle – schnappt gnadenlos zu.

Alles ……


10 Von Elena Meilicke Ich weiß, dieser Film ist kunstvoll.
Klar.
Streng komponiert.
Hat ein konsequentes Konzept.
Wie der Ton aus dem Off den Bildraum erweitert.
Die langen, ruhigen, oft fast statischen Einstellungen.
Die knappen Aussagesätze, und die ständig wiederkehrende Frage: »Was machst du? Wohin gehst du?«
Die Villa im Grunewald, die Sonnenflecken auf der gepflasterten Straße und die sanften Wellen des Sees.
Bilder des Wartens, der Leere, des Zerfalls.

Ich weiß.
Und trotzdem finde ich diesen Film unerträglich.
Ich leide unsäglich unter den monoton intonierten Selbstfindungsmonologen, ich ……


09 Von Anne Waak, Rainer Burkhard, Sarah Sander Franz Biberkopf ist wieder da und die Preußen sind lustig und rufen: Hurra!

Wie zur Hölle hält man 16 Stunden aus? Fragt der Taxifahrer, Montag morgens um vier. Ringen nach einer Antwort.
Sie gönnen einem alle drei Stunden eine Minutenpause, mehr nicht. Wenn man mehr will, essen, trinken oder das letzte Licht dieses Wintertages erhaschen, dann muß man etwas verpassen.

Was zur Hölle kann man sagen über den längsten Film der Filmgeschichte? Wie dem auch nur annähernd gerecht werden? Ein Film, der eine Fernsehserie ist; die weiß, wie sie einen bei der Stange, im harten Sitz hält. ……


08

Vom Sohn zum Mann in zwei Stunden Südstaaten

Von Elena Meilicke
Das amerikanische Independent-Kino hat seine eigenen Klischees hervorgebracht, und in den ersten Minuten von »Shotgun Stories« scheint es, als wolle der Film sie alle versammeln: schwarzbebrillte Twentysomethings in zerlöcherten T-Shirts, die vornehmlich nichts tun, weil sie Slacker sind, daneben Mädchen, so zart und sommesprossig wie Sissy Spacek in »Badlands«. Zuletzt von sich reden im Indie-Kosmos machte das, was man vielleicht den David-Gordon-Green-Südstaaten-Lyrizismus nennen könnte, weite Felder und white trash, die Jungs und Mädchen vor der Kulisse eines merkwürdig unberührten ……


07

Werkschau Kihachi Okamoto, Teil 2

Von Friederike Horstmann, Rebekka Hufendiek
Glamour & Crime

Alles in diesem Gangsterfilm ist elegant. Daß Gangster sich mitunter zu kleiden wissen und ihren Geschmack durch Behutung und Beschlipsung unter Beweis stellen, ist hinlänglich gesehen worden. Daß sie aber auch als Combo in dem Nachtclub »Blue Cat« ihres Bosses auftreten, ist hingegen recht irritierend.

Schlaglichtartig hebt ein Spotlight jeden der Ganoven aus dem Dunkel des Clubs, und er singt: »Wipe it out. Wipe the moon out. A gun is a blooded thing.« So ist der Inhalt ihres Liedes ganz ihrer Gangstermentalität geschuldet, doch die beschwingte Melodie ……


06

Madonnen

Von Anne Waak, Sarah Sander
Was wißt ihr eigentlich?

Fünf Kinder! Wie hat sie sich das nur vorgestellt?
Sie stellt sich wenig vor.
(Man macht sich ja keine Vorstellung.)

Wie kann sie denn nur jedem Einzelnen gerecht werden?
Kann Sie nicht.
(Durch Gerechtigkeit kommt die Welt in Frieden.)

»Kannst du bitte damit aufhören?«
»Womit denn?«
»Kinder zu machen.«
(Kinder machen ist nicht schwer.)

Fanny (haha – die Ernste), Isa (fast wie ihre Oma) & Paul (der kleine Zwillingsbruder), Maggie (die Blonde), J.T. (der Neueste).
Weiß, schwarz, schwarz, weiß, schwarz. Weiß?
(Ihr und euer simples Schwarz-Weiß-Denken.)

Mütter, ……


05

Werkschau Kihachi Okamoto, Teil 1

Von Friederike Horstmann, Rebekka Hufendiek
Der geborene Bandit

Das Übel des Krieges wird in diesem Film an zwei Stereotypen vorgeführt: Zum einen in der Figur des korrupten Kommandeurs, der seine Truppen wie Kanonenfutter in auswegslose, todbringende Situationen führt – zu sehen häufig in Großaufnahmen eines durch Stakkato-Befehlsgschrei verzerrten Gesichtes.
Zum anderen der einfache Soldat, der sich mit einem nicht minder slapstickhaften Umgang mit dem Krieg arrangiert. Er spielt Krieg. Er spielt mit Würfeln. Er spielt mit Handgranaten – deren Wirkung er nur zum Amüsement erprobt. Und er wird sterben.

Viel ……


04

Warum immer Pink?

Von Sarah Sander
Warum immer Pink und Sahnetorten und Tomatensoße und Retro-Look?
Warum diese überkommenen rosa Kleidchen und Blumen-Badekäppchen?
Warum diese immer gleichen tuntigen Gesten?
Warum Sahneschlacht und Spaghettimatsch?!

Es hätte doch alles so schön sein können: Über den Dächern von New York: Sommer. Picknick. Gute Mukke.

Ganz ist sie nicht geglückt, die transatlantische Transgression von »Underground nach Übersee«. Irgendetwas scheint verloren, auf der Strecke geblieben, vom Gossip von Andy Warhol und Jack Smith über Zanzibar und Paris bis nach Berlin und das Jahr 2007. Was es ……

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