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Berlinale 2006

Berlin, 9. bis 19. Februar 2006

Vom Selbsthaß zur Hegemonialmacht

Von Kyra Scheurer Es ist noch nicht so lange her, da sorgte man sich auf der Berlinale um den deutschen Film: Die Promo-Sektion »Perspektive deutsches Kino« war neu, Fatih Akin hatte noch keinen Goldenen Bären, und die Filmakademie lud zur Diskussion »Was ich am deutschen Film hasse«. Inzwischen scheint es immer weniger Menschen zu geben, die den deutschen Film hassen, und auf der Berlinale findet man sie erst recht nicht – Kosslicks A-Festival ist vom Förderer des deutschen Films zur Plattform einer selbstbewußten Branche mit facettenreichen Produkten (eher als Kunstwerken) sowohl im Spielfilm- als auch im Dokumentarfilmbereich geworden. Dank der vielen verschiedenen Programmsektionen kann die Berlinale ihre Nachwuchspflege so intensiv betreiben wie kein anderes internationales Festival. So präsentierten sich mit Valeska Grisebach und Matthias Glasner z.B. zwei der vier im Wettbewerb vertretenen deutschen Regisseure zwar erstmalig in diesem Rahmen, hatten aber in den Vorjahren bereits mit ihren Filmen im Panorama (Glasners »Die Mediocren« oder Sexy Sadie) und im Forum (Grisebachs Mein Stern) viel Aufmerksamkeit erfahren.

Auch die Zuschauer – und die Berlinale ist ganz wesentlich auch ein Festival der branchenfernen Cineasten – nehmen mittlerweile die Kontinuität der sektionsübergreifend präsentierten stilistischen und thematischen Ansätze des deutschen Films wahr: den durch Fatih Akins Erfolg so gegenwärtig gewordenen Blick deutsch-türkischer Regisseure auf ihre beiden Kulturen etwa, in diesem Jahr im Forum korrespondierend programmiert mit der dokumentarischen Studie »Am Rand der Städte« der Regisseurin Aysun Bademsoy, die darin aus Deutschland in die Türkei zurückgekehrte Türken sensibel porträtiert, und »Aus der Ferne« von Thomas Arslan. Arslan wiederum ist einer der Veteranen der »Berliner Schule«, die in den letzten Jahren ganz wesentlich das Gesicht des deutschen Films auf der Berlinale geprägt hat. In diesem Jahr waren die Beiträge dieser minimalistischen Erzähltradition in allen Sektionen präsent und dabei von sehr unterschiedlicher Qualität.

Als sehr gelungen etwa erwies sich der Wettbewerbsbeitrag Sehnsucht der ebenfalls der »Berliner Schule« zuzurechnenden Valeska Grisebach: Sie erkundet mit Laiendarstellern deren Alltag in einer ländlichen Welt, die weder romantisiert noch als Milieugeschichte problematisiert wird. Vielmehr geht es um die unspektakuläre und darum umso glaubwürdigere und berührende Darstellung einer Ehetragödie, die Eskalation des »Normalen« aus dem Konfliktpotential heraus, das sich im Seelischen eines jeden Menschens verbirgt. Ein Film, ein deutscher Film, der intelligent Alltag erkundet, trotzdem große Gefühle im Kleinen schenkt, außergewöhnlich unbefangen Gesichter zeigt und dessen Montage eine sogartige Wirkung befördert, ohne auf Brüche zu verzichten und dem Zuschauer Raum für eigene Fragen zu nehmen. Ein Film, der trotz des wahren Berlinale-Preisregens für den deutschen Film leider leer ausging.

Einen Vorteil hat Sehnsucht allerdings: Er startet erst Ende August, während in den vergangenen fünf Wochen 17 deutsche Filme anliefen, darunter zwei Berlinale-Wettbewerbsbeiträge: die belanglos-ärgerliche Literaturadaption Elementarteilchen und Hans-Christian Schmids Kritikererfolg Requiem, der trotz Preisen und Aufmerksamkeitsbonus weniger Zuschauer lockte als erhofft. Vanessa Jopp äußert sich nicht ganz zu Unrecht entsetzt angesichts der großen einheimische Konkurrenz, der Komm näher bei seinem fristgerechten Start vor der Filmpreisnominierung ausgesetzt ist, und auch Bucks Panorama-Highlight Knallhart und Dominik Grafs DDR-Liebesfilm »Der rote Kakadu« bleiben hinter den Erwartungen zurück.
Nachdem also inzwischen Preise und stetig wachsender Marktanteil zum Selbstverständnis der deutschen Filmbranche zu gehören scheinen, läßt sich eine nicht untypische gegenläufige Entwicklung beobachten, die nichts über die Qualität der einzelnen Filmkunstwerke aussagt: Großmachtgerecht gräbt sich der deutsche Film im Poker um Marketingstrategien nach der Berlinale selbst das Wasser ab. 1970-01-01 01:00
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