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Transmediale 04

Berlin, 31. Januar - 04. Februar 2004

Das Bild bleibt ein Rätsel

Von Christoph Pasour Für ein Medienkunstfestival ist immer noch Aufklärungsarbeit zu leisten. Es gibt immer noch Berührungsängste, und das hat weniger etwas mit geplatzten dot.com Träumen zu tun, als vielmehr mit einer zu notorischem Kulturpessimismus neigenden Mentalität. Das wissen die Macher der Transmediale auch, und deshalb braucht das Produkt einen sexy Slogan: »Fly Utopia!«, das diesjährige Motto dieses wichtigsten deutschen Medienkunstfestivals, das vom 31.1. bis 4.2. in Berlin stattfand, darf man mit ein wenig Ironie in eine Reihe mit der bunten Kosumwelt aus »Fly United!«, »Just be!« oder »Go create!« stellen.

Wenige Meter vom Haus der Kulturen der Welt, dem Veranstaltungsort dieser 17. Transmediale, hat man diesen Aufruf verstanden – auf den Fluren der Ministerien. »Innovationsoffensive« lautet das amtliche Zauberwort, und so ließ es sich Frau Kulturstaatsministerin Dr. Christine Weiss nicht nehmen, bei der Transmediale die Eröffnungsrede zu halten und zu verkünden, daß von staatsseiten von 2005 an für 5 Jahre 450.000 Euro pro Jahr zusätzlich fließen werden. Für die Festivalleiter Andreas Broeckmann und Susanne Jaschko bedeutet dies eine Vervielfachung ihres Budgets. Damit können sie nun auf Jahre die Existenz des Festivals auf hohem Niveau sichern und mit Software Art und interaktiven Kunstwerken, Installationen und Bildschirm basierten Arbeiten, Ausstellungen und Workshops, Konferenz und Vorträgen weiter über das technologische Fundament unserer Mediengesellschaft reflektieren.

Will man nun den Bereich visuell ausgerichteter Arbeiten, und das heißt überwiegend Videoarbeiten, auf dem Festival griffig beschreiben, dann läßt sich der Eindruck auf eine schlichte Einsicht reduzieren: Das Bild bleibt ein Rätsel.
Knapp 60 Arbeiten in 8 Wettbewerbsblöcken konkurrierten um den »Image Award«. Allein der Versuch des Juryvorsitzenden Timothy Druckrey, bei der Preisverleihung passende Wort dafür zu finden, mit was sich die Jury tagelang intensiv zu beschäftigen hatte, macht deutlich, daß hier systematisch jede Gewißheit darüber verschwindet, worum es sich bei so was wie einem »Bild« handelt.

Dabei unterstreicht das quantitative Gewicht der audiovisuellen Arbeiten, daß sich die Transmediale, die aus dem Videofest hervorgegangen ist, dem experimentellen Filmemachen verpflichtet fühlt. Eine Aufgabe, die so nötig wie nie zuvor erscheint.
Die Welt ertrinkt in der Vielzahl ihrer Bilder, und nirgendwo stellt sich die Frage nach der Beschaffenheit des Bildes so deutlich wie anhand seiner digitalisierten Form.
So zeichnen sich bei einem Verzicht auf narrative Elemente diverse Arbeiten auf der Transmediale dadurch aus, daß sie das Bild in einem Prozeß fortwährender Transformation überführen. Bildoberflächen gleiten ineinander, Konturen verwischen oder werden zerlegt und aufgesplittet. Oft bleibt nichts als ein »Rauschen der Bilder«, in dem wir uns Sinn und Form zurückwünschen. Die formale Ähnlichkeit vieler Arbeiten lag vermutlich im Sinne des Kurators Thomas Munch, denn schließlich verdichtet sich hier unsere medial bestimmte Lebenswirklichkeit: Der Zuschauer befindet sich heute an einer Schnittstelle unzähliger Eindrücke, die es ihm extrem schwer macht, zu ordnen und zu verarbeiten. Ein Phänomen, das sich gewiefte Strategen zunutze machen, um im Sinne herrschender Machtverhältnisse zu manipulieren. Mit Beiträgen wie Norman Cowies »Scenes from an Endless War« oder Deep Blue von Mark Boswell werden die Strategien medialer Machtausübung, etwa bei der Inszenierung des Krieges gegen den Irak, entlarvt. Aus der Flut des Informationsflusses herausgelöst gibt das Bild seinen manipulativen Charakter preis. Schockierend ist der Mitschnitt einer amerikanischen Militäroperation in Freudmanns und Grendenes »Perception of War«: Minutiös filmt und kommentiert die Mannschaft eines Kampfflugzeuges die Zerstörung eines Trainingscamps für Terroristen in Afghanistan. Das Sterben der fliehenden Kämpfer aus den Augen einer Wärmebildkamera durchdringt selbst die Kälte des technischen Bildes und jagt dem Betrachter einen Schauer über den Rücken.

Gegen das Bedrohliche medialer Machmechanismen stellen sich aber Arbeiten, die progressiv neue Wege beschreiben. »Bleedings Through, Layers of Los Angeles 1920 – 1986« von Klein, Comella und Kratky enthüllt auf faszinierende Weise die Möglichkeiten interaktiver DVDs. Verschiedenstes Bild- und Tonmaterial aus der Geschichte der Stadt verbindet sich mit einer fiktiven Film noir-Geschichte zu einer neuen narrativen Form zwischen Fiktion und Dokumentation. Gewonnen hat den »Image Award« jedoch eine Arbeit aus China. Zhou Hongxian hat mit »The Red Flag Flies« einen Film über seine Generation gemacht – junge Chinesen, die, verloren zwischen reaktionärer Staatsdoktrin und Wohlstandsversprechen des Kapitalismus, orientierungslos geworden sind. Was bleibt ist eine Reproduktion alter, erstarrter Gesten, Symbole und Slogans. Ein virtuoses Stück Film zwischen amüsanter Persiflage und tiefem Reflektieren über verlorene Ideale.

Das provoziert einen Blick hinüber zum Potsdamer Platz, wo mit Ende der Transmediale die Berlinale ihre Pforten öffnete. Filmfestivals spiegeln zu oft ein fest gefügtes Selbstverständnis des Mediums wider, das sich zwischen Mainstream, »Autorenkino« und kulturellem Brückenschlagen sehr routiniert bewegt und an sich selbst keine Fragen mehr stellt. So weich sich dagegen die hoch subventionierte Medienkunst auch bettet, bezeichnet sie eine Schnittstelle der Medien, die an den filmischen Fundamenten ansetzt. Hier wird Film über Technologie narrativ und formal neu gedeutet und dabei zugleich über die ökonomischen Bedingungen reflektiert.
Die Berlinale hat einen wieder vor Getöse blind und taub zurückgelassen. Nur in abgelegenen Winkeln bleibt Platz für Fragen. Wer sie noch stellen möchte und nach der Zukunft des Mediums Film Ausschau hält, sollte nächstes Jahr eine Umbuchung vornehmen: eine Woche vor der Berlinale. Im_Haus der Kulturen der Welt_. 1970-01-01 01:00
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