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Shrinking-Cities-Fimfestival 2004

Berlin, 14. - 17. Oktober 2004

Stadtvisionen

Von Tina Hedwig Kaiser Der Film und die Stadt haben seit alters her einiges miteinander zu tun. Eine Kulturgeschichte der Moderne, insbesondere einer abendländisch orientierten, wäre ohne diese Verbindung nicht zu denken, geschweige denn zu diskutieren. Das Anwachsen der Industriemetropolen des 19. Jahrhunderts, ihre Niederkunft spätestens in den 20ern des letzten Jahrhunderts in jenen Boulevards und berühmt-berüchtigten Straßen von den Champs-Elysées bis zum Broadway, welche die Neonreklamen, die Lichtspielpaläste und das Flanieren so wunderbar unter einen Hut zu bringen wußten – all das war Kino und Metropolenerfahrung zugleich: Das beschleunigte Leben hatte den Schock eines Baudelaire schon längst zur Sucht des Großstädters gemacht. Das Leben, die Massen, die Menge – Konsum und Vergnügen, sprießende Architekturen…

Dies alles sind Gemeinplätze der heutigen kulturwissenschaftlichen Stadtdebatte, weiter zu befragen wäre dergestalt eher der Wahrnehmungswandel in den Beschleunigungswandeln einer solchen technologischen Entwicklung, folglich der Transitort in der Metropole, der Transit auch im Kino. Ja, das ist das eine. Die andere Seite wäre eine Filmkultur der untergehenden Städte, der schrumpfenden Städte im Kino, wie sie das Shrinking-Cities-Filmfestival Mitte Oktober parallel zur gleichnamigen KunstWerke-Ausstellung im Zeughaus-Kino des Deutschen Historischen Museums zur Diskussion und Beobachtung stellte.

Verfallene, untergehende, verlassene Städte gibt es im Kino en masse, es unterscheiden sich dabei jedoch u.a. die Genres und der Anspruch an die Arbeit mit dem Setting. Es gibt die Verwendung von nachgebauten Straßen und Vierteln genauso wie den Vor-Ort-Dreh in der echten Metropole. Letzteres vorgemacht haben insbesondere die italienischen Neorealisten. Nicht umsonst war es Roberto Rosselini der kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges seinen Film »Germania anno zero« im zerbombten Berlin drehte. Kaum verwunderlich also, daß dieser Film als einer der ersten der Reihe zu sehen war. William Wylers »Dead End« von 1936 zeigt uns dagegen die Kulissenhaftigkeit des Film noir am Beispiel eines Dock-Viertels von Manhattan, in dem die Gegensätze von Arm und Reich genau dann aufeinanderprallen, als die New Yorker Upper Class plötzlich die Riverside als pittoreske Aussichtsplattform für ihre Wohnungen meint entdecken zu müssen. Daß diese Aussicht alias Aufsicht nicht unbedingt etwas mit einem tatsächlichen Wohnen vor Ort zu tun haben muß, wissen wir u.a. spätestens seit Michel de Certeaus Schriften gegen den Panoramablick. Dies demonstrieren allerdings im Film auch die Straßenkids zu Füßen der Panoramawohnungen perfekt. Mit großen Schauspielleistungen überraschen dergestalt hier eher diese jungen Gang-Darsteller, Humphrey Bogart wird als Nebenresultat davon relativ locker an die Wand gespielt.

Die Kuratorin Antje Ehmann, die zusammen mit Michael Baute und Harun Farocki für sämtliche filmische Themenkomplexe von Shrinking Cities verantwortlich zeichnet, hat sich in dieser Reihe zur schrumpfenden Stadt ganz auf den Gang-Film konzentriert. Das ist nicht weiter verwunderlich, stellt dieser Bereich doch ein ums andere Mal Überlebensstrategien meist in kaputten, relativ üblen Vierteln einer großen Stadt dar. Und dies natürlich am Beispiel der Jungen, der Aufbegehrenden und Suchenden, aber auch jener, die hier meist aufgewachsen sind, die ihr Revier kennen und verteidigen. Es handelt sich um Mitläufer genauso wie um Lonesome Wolfes, Kämpfer im schlechtesten und besten Sinn des Wortes. Dabei verlangt es die Genrestruktur, daß die besten in die schlimmste Situation geraten, entweder müssen sie sich in einer Bande oder mit ihrer Gang unter allen anderen Gangs behaupten. Das Territorium kann dabei nur ein bis zwei Viertel in Anspruch nehmen, wie in Jack Hills »Switchblade Sisters« von 1975, genauso wie eine ganze Stadt, so z.B. Walter Hills »The Warriors« von 1978. Ersterer ist dabei noch ein grandioser Girl-Gang-Film, der wohl nicht umsonst im Tarantino-eigenen Verleih gelandet ist, letzterer ist Kitsch-Kult schlechthin. Die Metro von New York City ist Ort der Handlung und bringt eine zu Unrecht verfolgte Gang von einem gefahrvollen Viertel in den nächsten Sumpf. In diesen Stadtvierteln herrscht überall der Kampf ums Überleben, Autowracks qualmen, Graffitti überall, keiner mehr auf der Straße außer Bandenmitgliedern und ab und an mal Polizei. In diesen verfallenden Städten herrscht schon lange der Ausnahmezustand, die Gebäude sind verlassen, verfallen oder besetzt. Keiner kann hier mehr überleben, wenn er nicht einer Gang angehört. In »Warriors« beginnt man sich fast schon zu wundern, daß überhaupt noch die S- und U-Bahn fährt. Sie dient nur noch der Flucht und Verfolgung einer Gang. Ja, der ganze Film ist über seine Fahrtmomente motiviert. Es gibt kein Flanieren mehr auf schönen Straßen, allenfalls im U-Bahn-Schacht, dort, wo man noch am ehesten eine Chance hat, für kurze Zeit unentdeckt zu bleiben.

John Carpenters »Escape from New York« aus dem Jahre 1981 übertrifft den bereits ins Berstende gesteigerten Kultfilm-Faktor der Reihe dann doch noch ein ums andere Mal, denn dieses Zukunftsszenario schafft es, einen immer wieder ob der genialen Filmidee zu verwundern. Manhattan ist hier bereits zur No-Go-Area disqualifiziert, ist offizielles Gefängnis ohne Wachen, einfach Sperrgebiet. Verbrecher werden reingeschafft, raus kommt keiner mehr. Das gesamte umgebende Territorium ist vermint, überwacht und unter Polizeikontrolle. Innen herrschen eigene Regeln, die Gangs haben sich auch hier zu organisieren gewußt. Es wäre allerdings kein Carpenter-Film, wenn nicht ein paar Zombie/Vampir-Verschnitte von Kriminellen auch hier unterirdisch ihr Unwesen treiben dürften. Kurt Russell steht es dabei zu, den einsamen Helden zu geben, der den Präsidenten, der dummerweise über seinem eigenen Sperrgebiet abgestürzt ist, retten darf. Egal, auf jeden Fall ist hier Manhattan genauso düster und stinkend, wie es sich jeder für einen derartigen Plot erträumen würde.

So wunderten sich auch am Sonntagabend in der abschließenden Diskussionsveranstaltung im Grünen Salon Claudia Lenssen, Diedrich Diedrichsen und Harun Farocki gemeinsam mit Antje Ehmann über die am eindringlichsten realistische Stadtschilderung dieses doch vermeintlich offensichtlichen Science-Fiction-Streifens. Die andere folgte dann am Abend mit Coppolas »Rumble Fish« von 1983. Abgesehen davon, daß man sich dem Faszinosum des Dreiergespanns Dennis Hopper, Mickey Rourke und Matt Dillon als Vater, älterer und kleiner Bruder kaum entziehen kann, gibt hier insbesondere Rourke den melancholischen Leading Boy in einem fast schon Post-Gang-Viertel. Coppola hat hier einen äußerst schrägen Abgesang auf den alten 50er-Jahre Gang-Kult fabriziert. Wie hier so birgt ebenso in »Escape from New York« die verfallende Stadt jedoch nachdrücklich ein derart unglaubliches Anziehungspotential, ob dessen phantasmatischer Erscheinung man sich selbst im Kino sprachlos fühlt. Nebst selbst organisierten Brot- & Spiele-Veranstaltungen der Zurückgebliebenen wirkt sie in den Carpenterschen Totalen über den im Mondlicht funkelnden Hudson-River wie eine fast zu geheimnisvolle Landschaft, eine Skyline der Erinnerung an ein altes New York. Eines in dem es gelbe Taxi-Cabs en masse gab, und in denen überall der typische Jazz vor sich hingedudelt hatte. Ein solches Überbleibsel dieser vergangenen Epoche taucht dergestalt auch im Film auf, schafft jedoch die Flucht aus Downtown nicht. Das hätte auch nicht passieren dürfen. Das Jazz-Cab gehört nun mal nach Downtown, und wenn schon, dann muß es mit diesem Teil der Stadt auch untergehen. Daß am Ende des Films das falsche Tonband nach der Präsidentenrettung in die ganze Nation über den Äther getragen wird und plötzlich Jazz über den Horizont schallt, scheint fast wie eine zu weiche Reminiszenz an eine vergangene Stadt. Doch man kann es Carpenter gönnen. Old New York und sämtliche verblühende Städte des vergangenen Jahrhunderts könnten mittlerweile eine solche Kassette nötig haben. Wir sehen uns in der Shrinking-Cities-Ausstellung. Ach ja, und im Spätkino des Volkspalasts. 1970-01-01 01:00
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