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Premiers Plans 2003

Angers, 17. - 26. Januar 2003

Look Back in Angers

Von Katja Abrahams Das 200 km westlich von Paris gelegene, ca. 150 000 Einwohner zählende Städtchen Angers hat mehr zu bieten als ein mittelalterliches Schloß mit weltberühmten Wandteppichen, den Orangenlikör »Cointreau« und erlesene Wein- und Sektsorten. Seit 15 Jahren findet hier das Filmfestival »Premiers Plans« statt, das seinen Auftrag darin sieht, junge europäische Talente zu entdecken und zu fördern.

Jedes Jahr sind 60 Filme aus mehr als 20 Ländern am Start, darunter 10 erste Spielfilme, je 10 erste französische und europäische Kurzfilme sowie 30 Hochschulfilme. Unter Vorsitz von Jeanne Moreau prämierten dieses Jahr die belgische Jungschauspielerin Emilie Dequenne, der algerische Schauspieler und Regisseur Mohamed Chouikh, der polnische Cineast Krzysztof Zanussi sowie der französische Filmmusikkomponist Eric Neveux die Filme der Jungstars am europäischen Kinohimmel.

Auch das Rahmenprogramm, das unter anderem eine Retrospektive des polnischen Kinos von 1955 bis 1982, eine Hommage an den algerischen Film, Pierre Etaix, Daniel Gélin und Yves Robert sowie zahlreiche Kolloquien und Drehbuchlesungen umfaßte, konnte sich durchaus sehen lassen.

Als Mitglied des sechsköpfigen Filmauswahlkomitees hatte ich die Gelegenheit, das Festival von Paris aus vorzubereiten sowie vor Ort während der gesamten zehn Tage dabei zu sein. Von Oktober bis Ende Dezember bestand meine Aufgabe darin, europäische Erstlingswerke und Hochschulfilme ausfindig zu machen und zu beschaffen sowie aus den fast 1000 eingesendeten Filmen in Absprache mit der gesamten »Equipe de sélection« die 60 Teilnehmer am Wettbewerb auszuwählen.

Es war eine erfrischende Abwechslung, Filme zu sehen, die noch nicht oder kaum dem Publikumsgeschmack und vor allem finanziellen Zwängen unterworfen sind. So war denn letztendlich viel Gewagtes, Experimentelles und sehr Persönliches in Angers am Start.

Am 16. Januar ging es für mich nach Angers, wo sich das Filmauswahlteam um die Betreuung der am Wettbewerb teilnehmenden Regisseure gekümmert hat. Jedem von uns waren mehrere Regisseure zugeteilt, wobei ich als einziges nicht-französisches Teammitglied hauptsächlich für die ausländischen Teilnehmer zuständig war, darunter sechs aus Deutschland.

Im Rennen waren zwei deutsche Spielfilme, Bungalow von Ulrich Köhler und Das Verlangen von Iain Dilthey, sowie vier Filme deutscher Hochschulen, Fremdkörper von Katja Pratschke (KHM, Köln), Fetisch von Richard Lehun (DFFB, Berlin), Samri Otomri von Eva Neymann (DFFB, Berlin) und Es gibt kein Problem von Adnan Softic.

Die Gewinner der Preise, die von den Zuschauern und den Studenten Angers vergeben wurden (gestiftet u.a. von Firmen und der Stadt Angers) standen schon nach der letzten Filmvorführung fest, das endgültige Ergebnis der Jury lie allerdings bis tief in die Nacht hinein auf sich warten. Die Gewinner, die nicht in Angers anwesend waren, erhielten daher die frohe Botschaft erst um 2 Uhr morgens per Telefon und wurden extra zu Preisverleihung am nächsten Tag eingeflogen. Mir fiel es u.a. zu, Susanne-Marie Wrage zu benachrichtigen, die den Preis für ihr Kino-Debüt in Das Verlangen erhalten hat und normalerweise in Basel Theater spielt.

Der mit 15 200 Euro dotierte »Grand Prix du Jury« ging verdienterweise an den isländischen Film Noi Albinoi von Dagur Kari. Das tragische Ende dieses überaus feinfühlig inszenierten Films, eine Schneelawine bringt alle Bewohner eines kleinen Bergdorfs bis auf den Hauptdarsteller um, soll angeblich Jurymitglied Krzysztof Zanussi zu Tränen gerührt haben. Nicht minder verdient gewannen der belgische Film Mamaman von Iao Lethem und der tschechische Film Nelasky von Tomas Barina in den Kategorien Kurzfilm bzw. Hochschulfilm. Der Preis in der Kategorie französischer Kurzfilm ging an Histoire Naturelle von Laurent Perreau, was wohl hauptsächlich der überzeugenden schauspielerischen Leistung des Hauptdarstellers Micha Lescot zu verdanken ist. 1970-01-01 01:00
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