— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Tom Tykwer

Foto: Jim Rakete

Die Bilder massieren

Von Kirsten Kieninger Basierend auf dem ersten selbst verfaßten Drehbuch seit zehn Jahren geht Tom Tykwer mit seinem neuen Film Drei filmsprachlich wieder seinen eigenen Weg. Auf der Preview-Tour des Films hat sich unsere Autorin Kirsten Kieninger im Heidelberger Studio Europa mit dem Regisseur über sein Verhältnis zum Schneideraum, seine Zusammenarbeit mit Editorin Mathilde Bonnefoy und die Split-Screen-Sequenzen aus Drei unterhalten.

Sind Sie gerne im Schneideraum?

Ich liebe den Schneideraum! Wenn ich mich wirklich entscheiden müßte, für eine der Zeiten, ist das meine liebste.

Von den Arbeitsphasen Drehbuch schreiben, Dreh und Schnitt?

Ich hänge an allen Prozessen, deshalb bin ich ja auch so eng verstrickt mit allem, weil ich das als einen Gesamtvorgang für mich betrachte, in dem man sich in so völlig unterschiedlichen Arbeits- und Inspirationsformen weiterentwickeln und ausprobieren kann.

Das Schreiben ist z. B. eher eine einsame Angelegenheit, es sei denn, man sucht sich Partner, was ich natürlich auch schon oft getan habe. Aber Drei habe ich wieder alleine geschrieben. Das Schreiben ist natürlich aufregend, weil man dem Moment des Entstehens von Ideen quasi mit sich selber beiwohnt. Aber es ist natürlich auch von diesen ganzen Zweifen befallen, die einem auch keiner nehmen kann, weil man mit sich so alleine ist.

Das Drehen hat natürlich den größten Adrenalinschub, weil es in kürzester Zeit so viele Momente erzeugt, die dann für immer festgehalten sind, von denen man weiß, so wird es jetzt für immer sein. Da steht man extrem unter Druck und man kriegt natürlich auch den Input von wahnsinnig vielen begabten Menschen gleichzeitig.

Aber im Schnitt entsteht eben dieser mikroskopische, faszinierende Raum mit in der Regel einer anderen Person, das ist bei mir Mathilde Bonnefoy, mit der man über Monate hinweg sich in Material hineinarbeitet, das man eben dann – wie Mathilde auch zu recht sagt – eigentlich nochmal schreibt. Man schreibt den Film nochmal. Man macht einen grundlegenden »rewrite« des Materials, das gewachsen ist aus dem Drehbuch, den Diskussionen darüber und dem Dreh. Das ist in der Regel eine so erkenntnisreiche und inspirierte Zeit, in der Mathilde und ich eigentlich mindestens so viel Zeit mit Reden verbringen wie mit dem tatsächlichen Schnitt. Und wir machen das deshalb, weil wir gelernt haben, daß das Reden über den Film und manchmal sogar das davon abgelenkte Reden, wenn man sich dann dem Film wieder zuwendet, dafür sorgt, daß man nicht technisch und nicht zu schematisch, sondern eben auch immer von der Diesseitigkeit mit beeinflußt, also vom Jetzt und von dem Augenblick und von Zuständen und eben vom Leben beeinflußt an die Bilder rangeht und nicht einfach versucht denen nur eine mechanische Logik, sondern eben auch eine Lebenslogik zu verpassen. Die ist eben oft eine ganz andere, als die, die sich beim Dreh oder beim Schreiben angedeutet hat. Man stellt manchmal Sachen so um oder auf den Kopf, worauf man wirklich auch nie kommen würde, wenn man nicht in diesem großen Vertrauensverhältnis, in diesem sehr konzentrierten Raum und auch natürlich, was sehr schön ist, in der Regel erstmal ohne den allzu großen Zeitdruck durch das Material surft.

Apropos »rewriting« im Schneideraum: Mathilde Bonnefoy war Ende Oktober beim 25. Mannheimer Filmsymposium zu Gast und hat von der Montagearbeit bei Lola rennt und Heaven erzählt. Sie hat einzelne Szenen in einer Rohschnitt-Fassung gezeigt im Vergleich zum fertigen Film. Man hat gesehen, was alles möglich ist im Schnitt: Daß Szenen eine ganz andere Richtung bekommen haben, als im Drehbuch. Daß ein Augenschließen zu einem Augenöffnen wird. Ist das immer ein Segen für einen Filmemacher? Gerade wenn man z. B. selbst das Drehbuch geschrieben hat? Einfach gefragt: Tun Sie sich leicht, diese Veränderungen mitzumachen, oder ist das eher was, wo Sie sagen: Verdammt, das klappt jetzt nicht so, wie ich es mir vorgestellt habe, ich geht jetzt lieber mal raus, zeig mir dann mal was du damit machst…?

Nein, ich bin da immer gern dabei. Ich liebe den Prozess. Ich finde das toll, daß das Feld sich so öffnet und das dadurch, daß wir beiden dort zusammen sitzen, sich nochmal so ein riesiger Möglichkeitsraum ergibt, der in der Regel einen Film immer nur reicher macht. Man macht ja nichts, nur weil man es auch machen könnte, sondern deshalb, weil es besser scheint. Man kommt ja nicht auf die Idee, etwas anders zu machen, wenn man nicht den dringenden Impuls hat noch nach einer optimaleren Alternative zu suchen. Daß Mathilde eigentlich vor nichts zurückschreckt, um diese Alternative aufzuspüren, ist für mich immer ein großes Glück. Wir sind glaube ich ein ziemlich gutes Team darin, uns gegenseitig immer auch ein bißchen anzufeuern. Ein bißchen so ein Wettbewerb der guten Ideen und eine lustvolle Konkurrenz mit der wir das betreiben. Ich habe da noch nie gelitten, außer daß ich natürlich manchmal unglücklich war, wenn Szenen wirklich mißlungen sind, das gibt es ja immer. Es mißlingt einem eben mal was. Es ist anstrengend zu sehen, daß sie mißlungen sind und um so wichtiger, daß man dann die Hoffnung hat, daß im Schneideraum Mathilde auf eine gute Idee kommt.

Die Split-Screen Momente in Drei, in denen vieles nebeneinander passiert, erinnern technisch an Lola rennt, sind aber in der Wirkung ganz anders. War das diesmal schon im Drehbuch angelegt, weil es ja auch viel mit der Kontingenz der Ereignisse zu tun hat, oder ist das im Schneideraum entstanden?

Es gab schon im Drehbuch den Hinweis darauf, daß überlagernd erzählt werden soll. Die genaue technische Form haben wir dann aber wirklich erst im Schneideraum gefunden. Die Anfangssequenz zum Beispiel, in der das Paar vorgestellt wird in seinen ganzen Nuancen, was ja quasi eine Titel-Sequenz ist, in der man so viele kleine Momente erwischen kannn, die auch manchmal entfliehen, weil sie so schnell vorbei ziehen oder weil sie in der Gleichzeitigkeit erzählt werden, haben sich eigentlich erst im Schneideraum zu dieser Collage gefügt. Wir haben die Szenen alle komplett so gedreht, also als ganze Szenen, als würde man sie erstmal hintereinander zeigen und stellen, aber immer schon beim Drehen gewußt, damit werden wir etwas machen, was Mathilde »das Bild massieren« nennt. Die Struktur des Films in einem rhythmischen Zueinanderführen der Bilder, so läßt sich das wahrscheinlich bezeichnen. Das hat sich rückwirkend ergeben. Hinten, bei dieser Hochzeits-Sequenz zum Beispiel, war immer klar, daß das ein Split-Screen sein sollte, weil das so viele Elemente waren, die in viel kürzerer Zeit erzählt werden sollten. Und das hat uns angesteckt in den unterschiedlichen Zonen damit zu operieren. Es gab eigentlich im Drehbuch nur eine Klarheit darüber, daß die Operations-Szene und die Hochzeit-Szene so strukturiert sind und dann hat sich das auf andere Szenen ausgebreitet. Ach so: Und auch diese Dia-Show mit der Zahlenmystik war auch schon so geplant.

Dass das an Lola rennt erinnert, sehe ich insofern als nicht überraschend, weil das ja dieselben Filmemacher sind, die dahinerstehen und daß ich hoffe, ohne daß man das Gefühl hat, das wiederholt sich, eine Identität der Filmemacher ausmachen läßt. Ich rede im Plural, weil ich schon so lange Zeit mit dieser kreativen Familie zusammenarbeite, die natürlich in unterschiedlichen, aber eben natürlich sehr bedeutenden Anteilen gemeinsam an diesem Stil laboriert über all diese Filme hinweg. Die Filme könnten zum Teil ja natürlich unterschiedlicher nicht sein in ihrer Ausgangsposition, werden aber eben glaube ich ganz deutlich dadurch zusammengehalten, daß sie von einer subjektiven Energie geprägt sind. 2010-12-21 12:37
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