— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Claudia Wolscht

Claudia Wolscht am Schnittplatz

Der Realitätsschock des Schneideraums

Von Johannes Sievert Mit seiner Serie Im Angesicht des Verbrechens hat Regisseur Dominik Graf einen Meilenstein der Fernsehunterhaltung geschaffen. Ein im Herbst erscheinendes Interviewbuch erlaubt tiefere Einblicke in das hochgelobte Mammutprojekt.

Im Angesicht des Verbrechens ist das zweite Projekt, das Du mit Dominik geschnitten hast. 2007 habt Ihr bei Gelübde zum ersten Mal zusammengearbeitet. Wie kam es dazu?

Das war purer Zufall, die Cutterin, mit der er sonst zusammenarbeitet, hatte abgesagt, und der Produktionsleiter von Gelübde kannte mich und hat mich vorgeschlagen. Nachdem ich das Buch gelesen hatte, haben Dominik und ich uns auf einen Kaffee getroffen, und nach unserem Gespräch sagte er, daß er sich eine Zusammenarbeit vorstellen könne. Am vorletzten Tag vom Schnitt von Gelübde hat mich Dominik dann gefragt, ob ich Im Angesicht des Verbrechens machen will. Er hat kurz umrissen, worum es geht, und ich habe Angst bekommen…

Was hat Dir am meisten Angst gemacht?

Die Dauer und die Masse an Material. Ich habe spontan gesagt, vielleicht kann man den Schnitt ja aufteilen: zwei Cutter à vier Folgen. Daraufhin erwiderte er aber, daß das nicht ginge – schon aus organisatorischen Gründen nicht. Also: ganz oder gar nicht.

Wieviel Zeit hast Du für einen »normalen« Neunzigminüter?

In der Regel fange ich kurz nach Drehbeginn mit dem Rohschnitt an, parallel zum Dreh. Ich schneide so unchronologisch, wie es vom Set kommt. Abhängig von der Produktion, wie aufwendig oder wichtig sie ist, muß der Rohschnitt u. U. bereits zwei Tage nach Drehende fertig sein, was definitiv zu wenig ist. Meistens hat man aber zwei bis drei Wochen Zeit, und manchmal auch zwei Monate.

Entwickelst Du zu den Schauspielern eine besondere Beziehung?

Zu den Schauspielern nicht – zu der Rolle. Man lernt alle in den Rollen sehr genau kennen, weiß, wie sie Dinge aufgebaut oder umgesetzt haben. Zu der Rolle baut man dann auch eine Beziehung auf – meistens liebt man die Rolle, auch wenn es ein Bösewicht ist. Und ich finde es ganz schwer, die Schauspieler dann kennenzulernen, weil auf einmal eine Person auftaucht, die man in der Rolle nicht gesehen hat.

Du wählst das Material ja aus…

Der Regisseur überläßt mir erst einmal die Auswahl – es sei denn, ihn stört etwas, dann sagt er z. B. »Sieh zu, daß du nicht den Take nimmst, wo er dauernd blinzelt.«

Michael Caine war überzeugt davon, daß ein Schauspieler um so stärker wirkt, je weniger er blinzelt.

Den Blick wegnehmen oder blinzeln wirkt oft wie Schwäche. Es gab sogar mal diese Regel im Schneideraum: Bevor der Schauspieler blinzelt, schneidet man. Das ist heute anders, aber wenn jemand viel blinzelt, stört das.

Ich habe Dominik mal während Making-ofs gefragt, ob das Drehen die Flitterwochen sind, und im Schneideraum der Ehealltag beginnt, nach dem Motto: Man muß mit dem leben, was man hat.

Beim Drehen hast du noch alle Hoffnungen. Ich glaube aber, ein Regisseur wie Dominik weiß schon am Drehort, was er hat und was nicht. Aber es ist schon so – und das ist bei allen Regisseuren so, mit denen ich gearbeitet habe –, daß sie mit ihrer Arbeit hadern, wenn sie zum ersten Mal den Rohschnitt sehen. Früher habe ich gedacht, es liegt an mir und meinem Schnitt. Aber mittlerweile weiß ich, daß es nicht so ist; sie schauen auf ihre Inszenierung und ob ihre Hoffnungen aufgegangen sind. Das ist dann die Realität. Um dann von der »Enttäuschung« – also die »Täuschung« ist weg – dahin zu kommen, daß man sagt: Was machen wir daraus? Ich nenne das den Realitätsschock des Schneideraums, mit dem man behutsam umgehen muß und den man nicht persönlich nehmen darf. Das Problem ist ja auch, daß man selbst zum ersten Mal seinen Schnitt zeigt, und wenn dann die Regisseure nicht in Euphorie ausbrechen… Damit muß man erst einmal lernen umzugehen. Das sagt einem keiner.

Schaut sich Dominik den Rohschnitt ganz allein an?

Ja, zumindest bei diesem Projekt und dem davor – eine Ausspielung: »Ich melde mich in drei Tagen.«

Und nach den drei Tagen ist er in der Realität angekommen.

Ja, dann kommt er händereibend herein und sagt: »Es geht los.« Und es beginnt eine schöne Zeit.

Ist Dominiks Hang zur Imperfektion auch im Schneideraum spürbar?

Er hat immer gern den Regisseur Gernot Roll zitiert: Jetzt nicht mehr verbessern. Das galt zwar für das Set, aber den Satz kenne ich auch aus dem Schneideraum. Aber bei Im Angesicht des Verbrechens kam es nicht zum Tragen, weil wir ja immer auf die Formatlänge kommen mußten. Wir waren tendenziell in vielen Folgen zu lang – man konnte aber nichts bewußt roh lassen; trotzdem haben wir einige Schnitte nicht geschmeidiger gemacht, wo es sich vielleicht angeboten hätte.

Wie war für Dich der Einsatz von zwei Kameras?

Vom Bild ist es immer gut, vor allem, wenn die Kameras wie bei Im Angesicht des Verbrechens eingesetzt sind, wo gleichzeitig verschiedene Dinge aufgenommen wurden – überschnittene Aufnahmen sind natürlich ideal, weil es keine Anschlußprobleme gibt. Ein großer Nachteil ist jedoch die Tonebene. Wenn im Odessa beispielsweise eine Kamera in Richtung Tanzfläche schaut und die andere in die Gastronomie blickt, bekommst du den Ton natürlich immer nur von der einen Seite.

Inwieweit bist Du als Cutterin in das Sounddesign involviert? Oder ist das ein Bereich, den Du sehr schnell abgibst?

Den gibt man eigentlich kaum ab. Hier hatte ich ja den Vorteil, so lange im Schneideraum zu sein, daß ich vom Sounddesign sehr viel mitbekommen habe. Während des Schneidens gibt es immer wieder Szenen, die ein besonderes Sounddesign brauchen – z. B. Actionszenen. Und bei Abnahmen möchte ich schon lieber einen guten Ton haben, damit es sich alle besser vorstellen können. Ich nehme im Feinschnitt Kontakt zu dem Sounddesigner auf und schicke ihm die Szenen oder Layouts, um bestimmte Töne von ihm zu bekommen. Wenn das nicht geht, mache ich eine vorläufige Layout-Vertonung, um Tonsprünge bei der Abnahme möglichst zu vermeiden. Nach der Abnahme gibt es dann die Tonbesprechung.

Gibt Dominik Dir Filmempfehlungen?

Er gibt ständig Filmempfehlungen – eigentlich täglich. Aber nicht in dem Sinn: Du kannst den Film erst schneiden, wenn du diesen oder jenen Film gesehen hast.

Ich frage, weil man auch bei Im Angesicht des Verbrechens (z. B. in der Liebesszene von Mischa [Mišel Matičević] und Stella [Marie Bäumer]) Dominiks Bewunderung für Nicolas Roeg merkt… Die Linearität von Zeit und Raum wird aufgehoben.

Das ist gezielt so gedreht worden und steht auch schon im Drehbuch. Aber in dem Wissen, daß er Roeg sehr mag und daß Don't Look Now sein Lieblingsfilm ist, habe ich die Szene auch so angelegt, als ich sie geschnitten habe. Das Material ist da – man muß die Szene nicht eins zu eins erzählen…

Zu Roegs Film gibt es die Theorie, daß der größte Teil des Films Zeit in einer vertikalen Achse erzählt…

Solche Überlegungen sind natürlich das Spannende am Schnitt, und das macht es immer neu und anders. Man kommt nicht an den Punkt zu sagen: Das also ist jetzt Schnitt, das kann ich jetzt. Es gehen immer neue Türen auf, der Raum ist nie zu Ende. Es kommen sogar immer mehr Türen. Am Anfang war es definitiv so… aber heute auch immer noch. Zu Beginn wollte ich immer nur, daß es so aussieht wie im Fernsehen, das war der Maßstab beim ersten Film. Irgendwann habe ich gemerkt, daß man auch was anderes machen kann, daß man eine Szene auf jemanden zuschneiden, eine Emotion verstärken, dynamisieren, elliptisch erzählen – die Form dem Inhalt angleichen kann. Im Augenblick finde ich am spannendsten, daß der Inhalt die Form bestimmt, ohne effekthascherisch zu sein.

Das Gegenteil ist der Fall, wenn man einen Film schaut und jede Szene gleich schnell ist.

Ja, genau… oder gleich langsam. Und das ist nur der Rhythmus, du hast ja noch Geräusche, Musik, Übergänge, Bildeffekte etc., die du alle unterschiedlich einsetzen und kombinieren kannst…

Wann kommt für Dich der Rhythmus in die Szene?

Man schneidet die Szene erstmal in dem Rhythmus, wie sie gedreht ist, wie sie inszeniert ist, in der Geschwindigkeit, in der die Schauspieler spielen und sprechen, in der sie atmen. Später, wenn man den ganzen Film geschnitten hat, kann man sehen, wie alles zusammenpaßt. Aber zuerst versuche ich den Rhythmus der Szene so wiederzugeben, wie er inszeniert ist – und wundere mich, wenn die Regie sagt: Nimm alle Pausen raus. – Bei Dominik passierte das nur einmal, und ich habe ihn gefragt, warum er denn die Pausen inszeniert hat. Worauf er antwortete: Der Schauspieler kann das nicht anders. Dann muß man manchmal auch Schnitte setzen, wo man es gar nicht will.

Dominiks Auflösung ist sehr vielschichtig – wobei jede einzelne Einstellung für sich genommen nicht unbedingt ausgefallen oder kompliziert ist…

Jede Einstellung bei ihm ist speziell, er hat keine »klassische« Fernsehauflösung. Ich glaube aber, daß er in vielen Teilen einfach nicht von der Technik bestimmt werden will und darum die einzelne Einstellung oft mit ganz normalen Mitteln hergestellt wird. Und er löst sehr hoch auf, damit er immer die Wahl hat.

Was ist der beste professionelle Rat, den Du je bekommen hast?

»Wir operieren hier nicht am offenen Herzen.« Mir ist es wichtig, im Schneideraum keinen Druck zu haben. Daß ich mich auf die Welt im Film konzentrieren kann. 2011-03-28 15:09

Info

Claudia Wolscht ist freie Editorin Und beteiligte sich neben ihrem mehrjährigen Engagement beim Bundesverband Filmschnitt Editor an der ersten Konzeptentwicklung des Studiengangs für Schnitt an der internationalen filmschule köln. Sie lebt in Köln.

Das vollständige Interview finden Sie in Johannes Sievert (Hg.): Dominik Graf: Im Angesicht des Verbrechens. Fernseharbeit am Beispiel einer Serie. Berlin/Köln 2010. Alexander Verlag, ca. 360 Seiten. ca. 24,90 Euro.

Abdruck

© 2012, Schnitt Online

Sitemap