— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Mohammad Malas

Foto: Amin El-Arousi

Das Kino ist eine Sprache der Seele

Von Arezou Khoschnam Mohammad Malas ist einer der bekanntesten Filmemacher des syrischen Autorenkinos. Nach seinem Abschluß 1974 am renommierten Moskauer Filminstitut kehrte er in seine Heimat zurück, wo er bis heute lebt. Das diesjährige Arabische Filmfestival Alfilm in Berlin ehrte ihn mit einer Retrospektive seiner gesellschaftskritischen Filme. Mit dem »Schnitt« sprach Mohammad Malas über Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den arabischen Kinematographien, über seine Verantwortung gegenüber der syrischen Gesellschaft und über die Schwierigkeiten der Filmproduktion in Syrien.

Herr Malas, wie gefällt Ihnen die diesjährige Auswahl der Filme auf dem Festival? Hätten Sie etwas anders gemacht?

Ich bin zum ersten Mal auf dem Arabischen Filmfestival in Berlin und bin von der Auswahl der Filme sehr positiv überrascht. Ich war schon auf diversen arabischen Filmfestivals in Europa. Im Unterschied zu diesen haben die Organisatoren von Alfilm bei der Filmauswahl nicht die kommerziellen Aspekte in den Vordergrund gestellt, sondern den Filmen den Vorrang gegeben, die die gesellschaftlichen und kulturellen Themen ihres jeweiligen Landes unter Verwendung einer internationalen Filmsprache behandeln. Meiner Meinung nach haben sie in diesem Zusammenhang die wichtigsten arabischen Filme ausgewählt. Wenn der ein oder andere Film im Festivalprogramm nicht zu den wichtigsten zählt, dann stammt er zumindest von einem der wichtigsten arabischen Regisseure. Es ist bedeutsam, daß Alfilm im Jahr 2010 den Fokus auf Regisseure wie Ahmed El-Maanouni, Moufida Tlatli und Michel Khleifi legt. Diese drei Namen gehören nämlich zu den wichtigsten arabischen Regisseuren in ihren jeweiligen Heimatländern. Ich nenne sie wichtig, da ihre Filme Stationen auf dem Weg zur Gründung eines arabischen Kinos markieren, das es in dieser Form nicht gibt. Diese Regisseure vertreten die arabischen Kinos aus Marokko, Tunesien und Palästina. Als ich erfuhr, daß Alfilm erst zum zweiten Mal stattfindet, war ich überrascht. Wenn sich das Festival jetzt schon auf einem so hohen Niveau präsentiert, dann hat es eine rosige Zukunft vor sich.

Ihren Filmen liegen unterschiedliche Ansätze zugrunde, mal politisch wie in The Dream, mal sozialkritisch wie in dem Drama Passion, mal Dokumentar-, mal Spielfilm. Wonach wählen Sie Ihre Filmsujets aus?

Ich bin nicht damit einverstanden, meine Filme in Kategorien wie politisch oder sozialkritisch zu unterteilen. Denn meiner Meinung nach ist das Kino eine Sprache der Seele. Ein Schrei, den man beispielsweise ausstößt, wenn man ungerecht behandelt wurde, beinhaltet zwangsläufig eine politische oder gesellschaftliche Botschaft. Ich gehöre zu den Autorenfilmern. Die Themen, die ich behandele, stammen aus meiner syrischen Heimat, wo ich lebe. In meinen Filmen versuche ich, mit den Themen ehrlich und rein umzugehen, gleich ob nun aus politischer oder gesellschaftlicher Perspektive. Der Konflikt zwischen Palästina und Israel gehört zum kollektiven Gedächtnis meiner Generation. Für die Realisierung von The Dream habe ich mich zu den palästinensischen Flüchtlingslagern begeben. Aber natürlich gibt es auch palästinensische Filme, die sich mit anderen Themen befassen. Wenn man sich meinen Film Die Nacht anschaut, merkt man, daß das Thema Palästina tief in mir drin verankert ist.

Was ist Ihrer Ansicht nach die Aufgabe eines Regisseurs und eines Films in Verbindung mit der gesellschaftlichen Realität?

Ich habe mich für das Filmemachen entschieden, weil es einen Weg darstellt, mich auszudrücken. Ein Weg, den ich in meinem Heimatland vermisse und für mich selbst benötige. Deshalb sehe ich mich nicht unbedingt als einen Regisseur mit einer Aufgabe. Meine Arbeit fußt auf einem mir innewohnenden Schrei des Schmerzes. Wenn ich nicht das Bedürfnis verspürte, diesen Schrei auszudrücken, würde ich wahrscheinlich keine Filme machen. Ich bin ein Teil der syrischen Gesellschaft, wir haben dieselben Bedürfnisse. Was ich vermisse, wird auch in der syrischen Gesellschaft vermißt. Daher versuche ich diese gesellschaftlichen Bedürfnisse in meinen Filmen widerzuspiegeln. In dieser Hinsicht ähneln meine Filme einem literarischen Roman. Ein Schriftsteller denkt beim Schreiben seines Romans auch nicht an seine gesellschaftliche Rolle, sondern an die Bedürfnisse der Gesellschaft. Wenngleich ich den Begriff Aufgabe nicht besonders mag, muß ich zugeben, daß er hier richtig eingesetzt ist. Mein Film Passion beruht auf einer Zeitungsmeldung, die ich gelesen hatte. Beim Lesen hatte ich Schmerzen und ich habe eine Gefahr gespürt. Hätte ich die Zeitungsmeldung dem Bäcker in der Nachbarschaft gezeigt, hätte er sicher dasselbe empfunden wie ich. Er kann mir Brot backen, ich kann ihm einen Film geben, der seinen Schmerz widerspiegelt. Ich habe den Film als Ausdrucksmittel gewählt, um zu zeigen, was mich beschäftigt und was die Gesellschaft fühlt. Theoretisch kann man also von einer moralischen Aufgabe sprechen. Für mich ist aber in erster Linie die Teilnahme an den gesellschaftlichen Sorgen bedeutend.

Sie beschäftigen sich mit »syrischen« Themen, aber auch mit Themen, die in anderen arabischen Ländern relevant sind. Sehen Sie sich als einen syrischen oder arabischen Filmemacher?

Ich betrachte mich als syrischen Regisseur. Aber alles, was in der arabischen Welt geschieht, beeinflußt mein Leben. Mich beschäftigen die grundsätzlichen Themen des Lebens in der syrischen Gesellschaft. Manchmal ähneln sich die Themen der einzelnen arabischen Länder, sie können sich aber auch unterscheiden. Die fehlende Demokratie beispielsweise ist ein Problem der gesamten arabischen Gesellschaft. Das betrifft gleichermaßen die politische, die gesellschaftliche und die religiöse Dimension. Obwohl es sich hierbei also um ein generelles arabisches Problem handelt, interessiere ich mich an erster Stelle dafür, inwieweit die syrische Gesellschaft von diesem Problem betroffen ist.

Viele Filmschaffende vertreten die Meinung, es gebe kein einheitliches arabisches Kino. Aber gibt es aus Ihrer Sicht eine arabische Filmsprache?

Als ich gesagt habe, daß es kein arabisches Kino gibt, habe ich dies sowohl in quantitativer Hinsicht gemeint, als auch in Bezug auf die Filmsprache. Jedes Land ist bestrebt, seine eigene Filmsprache zu entwickeln. Wir sind noch nicht soweit, daß wir von einer gemeinsamen Sprache des arabischen Kinos sprechen können. Es gibt ein ägyptisches Kino, das auf eine hundert Jahre alte Tradition mit mehr als fünftausend Filmen zurückblicken kann. Die Filmgeschichte Tunesiens, Palästinas, Marokkos oder Syriens hingegen ist nicht älter als dreißig Jahre. Jedes dieser Länder hat nicht mehr als fünfzig Filme zu verzeichnen, die das jeweilige Publikum in vielen Fällen nicht gesehen hat. Die Regisseure dieser Länder kommen aus unterschiedlichen Kinoschulen, weshalb sie keine gemeinsame Filmsprache haben. Die Gründung eines arabischen Kinos ist nicht unbedingt das Ziel. Wir haben zwar die arabische Sprache gemein, doch unterscheiden wir uns in gesellschaftlicher und politischer Hinsicht. Da ich Filme mache, die meine eigenen Bedürfnisse widergeben, könnte ich keine Themen umsetzen, zu denen ich keinen Bezug habe. Solange ich Filme mit Themen aus meiner eigenen Gesellschaft realisieren kann, bin ich zufrieden und möchte auch nicht Teil einer der anderen arabischen Kinematographien werden. Wenngleich sich die jeweiligen arabischen Filmsprachen unterscheiden, so sind die Filme doch immer ein Ausdruck von Schmerz und Spiegel der jeweiligen Gesellschaft. Mit den Filmemachern verhält es sich genauso wie mit den Musikern. Sie spielen vielleicht auf demselben Instrument, doch jeder spielt auf eine andere Weise.

Worin sehen Sie die Unterschiede zwischen den arabischen Kinematographien und dem westlichen Kino?

Das Kino ist nicht eine arabische, sondern eine europäische Erfindung. Wir arabischen Filmemacher haben unser Handwerk im Westen gelernt und dabei unterschiedliche europäische Filmschulen kennengelernt. Doch jeder von uns hat aus dem Studium etwas anderes für sich herausgezogen.

In einigen Ihrer Filme verwenden Sie eine sehr direkte Bildsprache bzw. Bildsymbolik. In Passion zeigen Sie, wie Hühner in den Fleischwolf geworfen werden oder verdeutlichen unmittelbar die Stellung der Frau in der syrischen Gesellschaft, indem ein kleines Mädchen von ihrem Onkel auf eine LKW- Ladefläche zu den Hühnern gesperrt wird. Weshalb wählen Sie diesen direkten Weg der Darstellung?

Es ist nicht meine Schuld, daß das Kino die Sprache des Bildes ist. Das Bild hat die Fähigkeit, Bedeutungen auf unterschiedliche Ebenen zu übertragen. Filmbilder können Bedeutungen transportieren, als Metaphern dienen oder symbolhaft wirken. Beim Filmemachen gibt es keine Zufälle. Alles, was im Film geschieht, ist Absicht und gibt die Meinung des Regisseurs wieder. Mit der Wahl des Sujets kann der Filmemacher die Realität darstellen, eine Wunschvorstellung wiedergeben und darauf eingehen, was man sich wünschen darf. Wenn ich eine Figur erarbeite, die beispielsweise an einen pensionierten Offizier angelehnt ist, gebe ich dieser Figur keinen anderen Beruf als den des Schlachters. In meiner eigenen Wunschvorstellung gehen Offiziere künftig einem solchen Beruf nach.

In Syrien herrscht Zensur. Inwiefern sind Sie damit bisher als Filmemacher in Berührung gekommen?

Zensur ist in einem Land wie Syrien Realität. Diese Zensur schließt sowohl politische als auch gesellschaftliche Dimensionen ein und kontrolliert jedes künstlerische Ausdrucksmittel. Jeder Regisseur muss sein Drehbuch zunächst bei der dafür zuständigen Zensurbehörde einreichen, um überhaupt erst eine Drehgenehmigung zu bekommen. Nach der Realisierung des Films folgt der zweite Schritt. Um den fertigen Film in Syrien oder im Ausland zeigen zu dürfen, bedarf es einer weiteren Genehmigung. In diesem zweiten Zensurschritt kann es dazu kommen, daß Bilder oder Szenen gelöscht werden oder gleich der ganze Film verboten wird. Was das Kino betrifft, existiert die Zensur bis heute in dieser Form.

Welche Folgen hat die Zensur auf ihre künstlerische Arbeit und für Sie persönlich?

Wenn die Zensurbehörde bereits weiß, welche Art von Filmen ein Regisseur macht, versucht sie auch auf verstecktem Wege, ihn an der Durchführung seiner Arbeit zu hindern. Es kommt vor, daß die Behörde den Zensurprozeß auf über zehn Jahre ausdehnt, bevor der Regisseur endlich seinen Film realisieren kann. In Syrien gibt es keine private Filmproduktion. Mein Film Passion war der erste in Syrien, der ohne staatliche Förderung gedreht wurde. Seit 1992, als ich meinen Film Die Nacht mit staatlicher Unterstützung gedreht habe, sind bereits achtzehn Jahre vergangen, doch bis heute wurde mir keine Drehgenehmigung für einen weiteren Film erteilt. Selbst wenn der Dreh schon realisiert wurde, bekommt man nicht die Genehmigung, den Film im Kino zeigen zu können. Für On the sand, under the sun habe ich zwar bereits eine schriftliche Genehmigung erhalten, doch bis heute durfte ich ihn noch in keinem syrischen Kino vorführen. Bei der Zensur verhält es sich wie mit einem Kristall: Egal an welcher Stelle man in den Kristall hineinschaut, stets sieht man seinen Gegner. Persönlich habe ich durch die Zensur überhaupt keinen Schaden genommen, abgesehen von den sehr begrenzten Möglichkeiten der Filmproduktion und Filmvermarktung. Ich bin der Meinung, die Zensurbehörde in Syrien geht viel intelligenter vor als beispielsweise die Zensurbehörde im Iran, da sie den Genehmigungsprozeß noch viel mehr in die Länge zieht. Ich habe die Zensur stets im Hinterkopf. Aber unabhängig von einer künftigen Genehmigung bringe ich die Themen zu Papier, die mich beschäftigen, wenngleich sie am Ende in der Schublade bleiben. Sobald ich die Ideen schriftlich festgehalten habe, mache ich mich an die notwendigen Schritte zur Realisierung. Beim Dreh gehe ich dann gewisse Kompromisse ein, die jedoch den inhaltlichen Kern nicht berühren. Aus diesen Gründen bin ich immer mit der Schwierigkeit konfrontiert, für meine Filme Produzenten zu finden. Wenn es letztendlich nicht zur Umsetzung kommt, bleibt für mich immerhin das literarische Werk. Ich besitze ein großes Archiv von literarischen Werken, die noch nicht realisiert sind. Ich kann eine Filmidee nicht ganz unabhängig von den herrschenden Zensurumständen entwickeln. Ich schlage es mir von vornherein aus dem Kopf, einen Film über Frauen und die Liebe nach meinen Vorstellungen zu drehen, weil ich weiß, daß er aufgrund der politischen, religiösen und gesellschaftlichen Zensur nicht realisierbar wäre. Es ist aber mein Wunsch, einen Film über Frauen, über den Körper und über die Liebe zu machen.

Was ist Ihr nächstes Projekt?

Ich habe ein drehfertiges Projekt, für das ich nur noch einen Produzenten suche. Es basiert auf dem Stück »Layta lel-Bouraq Ayna« der syrisch-ägyptischen Sängerin und Schauspielerin Asmahan. Im Wesentlichen geht es darin um die Liebe einer Frau zu einem Mann, der abwesend ist und vermißt wird. 2010-12-10 16:16
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