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Lisa Cholodenko

Foto: Suzanne Tenner

Keine Betroffenheitskiste

Von Patrick Heidmann Gleich mit ihrem ersten Spielfilm High Art wurde Lisa Cholodenko Ende der 1990er Jahre zum festen Begriff in der schwullesbischen Filmszene. Vier Jahre später etablierte sie sich mit der prominent besetzten Vierecks-Familiengeschichte Laurel Canyon endgültig im US-Independent-Kino. Nun legt die Regisseurin, die zwischendurch auch für TV-Serien wie Six Feet Under oder The L-Word hinter der Kamera stand, ihre bislang populärste Arbeit vor: The Kids Are All Right, mit Julianne Moore und Annette Bening als lesbischem Paar, dessen Kinder sich auf die Suche nach ihrem Vater macht, lief mit Erfolg auf der diesjährigen Berlinale und entpuppte sich als einer der Überraschungshits im amerikanischen Kino-Sommer.

Prominent besetzte US-Mainstream-Produktionen über homosexuelle Familien sind nicht unbedingt an der Tagesordnung. Haben Sie das Gefühl, mit The Kids Are All Right etwas Neuartiges geschaffen zu haben?

Ehrlich gesagt: Ja! Und es ist eine echte Erleichterung, daß mir das überhaupt gelungen ist. Während ich das Drehbuch schrieb, staunte ich selbst oft, wie toll und zeitgemäß unsere Geschichte war – und das noch niemand vorher etwas ähnliches erzählt hatte. Immerhin ist die amerikanische Presse in den letzten Jahren voll gewesen von Geschichten über die Homo-Ehe oder Kinder, die nach ihren Samenspender-Vätern suchen. Bis zum Schluß hatte ich die Sorge, jemand könnte uns das Thema vor der Nase wegschnappen.

Teilten denn alle Ihre Begeisterung? Standen die Geldgeber Schlange?

Natürlich leider nicht. Im Gegenteil, und ich war wirklich überrascht, wie schwer es letztlich war, den Film auf die Beine zu stellen. Irgendwie war ich davon ausgegangen, wir würden mit einer derart modernen Geschichte offene Türen einrennen, zumal wir das Thema ja nicht von einer politischen oder kontroversen Seite angehen, sondern sehr das Komödiantische und Menschliche in den Vordergrund rücken. Aber selbst als wir unsere prominente Besetzung zusammen hatten, waren noch nicht alle Produzenten überzeugt und ich brauchte mehrere Jahre, bis alles unter Dach und Fach war.

Apropos Besetzung: Wie früh kamen Julianne Moore und Annette Bening denn ins Spiel?

Julie war schon sehr früh mit an Bord. Wir hatten schon vor Jahren mal darüber gesprochen zusammenzuarbeiten und so hatte ich sie bereits im Hinterkopf, als ich die Geschichte schrieb. Es gab auch noch ein paar andere Darsteller, die ich im Sinn hatte, doch dann bekam ich meinen Sohn und nahm erst einmal eine kleine Auszeit. Währenddessen feilte ich weiter am Drehbuch und es wurde immer pointierter. Also sprach ich irgendwann Annette an, denn für mich gibt es wenige Schauspielerinnen, die Drama und Komödie so gut miteinander vereinen können wie sie.

Haben Sie vorher ausprobiert, ob zwischen den beiden überhaupt die Chemie stimmt?

Dafür fehlten mir, ehrlich gesagt, die Zeit und das Geld. Den Luxus, tagelang Probeaufnahmen mit Julianne und zehn verschiedenen Kolleginnen zu machen, konnte ich mir einfach nicht erlauben. Zumal das bei Schauspielerinnen vom Kaliber der beiden auch einfach nicht wirklich üblich ist. Aber ich habe all das in meinem Kopf und auf dem Papier durchgespielt, dutzende Darsteller-Variationen und -Kombinationen. Denn so sicher ich mir war, daß mit Julianne eigentlich jeder harmoniert, so sicher wollte ich auch gehen, daß ich keinen Fehler bei der Besetzung begehe.

War denn die erwähnte Hinwendung zum Komödiantischen schon ein bewußter Versuch, den Film für ein größeres Publikum zu öffnen als beispielsweise Ihre vorherigen Filme?

Ganz so bewußt lief das nicht. Ich hatte eher das Gefühl, daß die Thematik geradezu danach schrie. So ernst die Sache ist, birgt sie einfach auch etwas unglaublich Albernes. Ich identifiziere mich sehr mit der Geschichte in The Kids Are All Right, schließlich gibt es da ganz viele Bezüge zu meinem eigenen Leben. Das Kind von meiner Lebensgefährtin und mir stammt auch von einem Samenspender. Aber ich wollte um Gottes Willen keine überdramatische Betroffenheitskiste daraus machen.

Zu den vielen hübschen Details des Films gehört es, daß das lesbische Paar sich im Bett gerne mal Schwulenpornos anguckt. Auch das ein autobiographisches Detail?

Oh ja, das kenne ich aus meinem Leben. Und ich weiß noch von diversen anderen Frauen, daß sie damit ebenfalls vertraut sind. Mir lag es extrem am Herzen, daß es diese Szene gibt, in der Julianne Moore das ihren Kindern erklärt. Natürlich war mir klar, daß das die wenigsten Zuschauer wirklich begreifen würden, deswegen war ich gespannt, ob wenigstens sie es schafft, den Leuten das irgendwie zu vermitteln. Und ich finde, daß sie ihre Sache ziemlich gut macht, oder?

So zeitgemäß das Familienkonzept in The Kids Are All Right auch ist, brechen Sie doch nicht mit einem eher konservativen Bild des Zusammenlebens und den zugehörigen Werten…

Da haben Sie sicherlich Recht. Meine Kindheit hat mich da wohl ziemlich geprägt. Einerseits bin ich in Los Angeles in den 1970er Jahren aufgewachsen, in einem wirklich liberalen Umfeld. Aber andererseits ist mein Elternhaus in dem Sinne durchaus traditionell, daß meine Eltern auch nach 50 Jahren noch verheiratet sind und nach wie vor im gleichen Haus wie damals leben. Wenn mein Vater um 19 Uhr nach Hause kam, gab es Essen, wie überhaupt auf gewisse familiäre Konventionen sehr gepocht wurde. Nach einem Geburtstag auch ja Dankeskarten zu verschicken, war ein großes Ding. Daß wir Kinder heimlich Pott rauchten, eher nicht…

Wo Sie gerade von Liberalität sprechen: denken Sie, daß Sie mit Ihrem Film etwas verändern, für mehr Normalität im Umgang mit homosexuellen Eltern sorgen können?

Ich bin stolz darauf, das The Kids Are All Right einfach ein Familienporträt, kein politisches Pamphlet ist. Denn gerade durch diese Haltung ist der Film letztlich doch auch ein gesellschaftliches Statement, das sicher zur richtigen Zeit kommt. Der Umgang in den USA mit dem Thema Homo-Ehe, wo immer noch alles von jedem Staat individuell geregelt wird, ist wirklich beschämend. Daß mein Film nun vielleicht von ein paar mehr Zuschauern als den Lesben in New York und San Francisco gesehen wird, kann deswegen sicher nicht schaden. Aber er wird wohl leider die nötigen Veränderungen in unserem Land, das erschreckenderweise den meisten westeuropäischen Ländern so hinterherhinkt, nicht beschleunigen können.

Wie kam es eigentlich zu dem Filmtitel The Kids Are All Right? Die Erwachsenen stehen doch fast noch mehr im Zentrum der Geschichte als die Kinder…

In gewisser Hinsicht ist das ein ironischer Kommentar meinerseits auf all die Ängste, die viele Menschen immer noch haben, daß homosexuelle Eltern oder auch nur Lehrer einen verheerenden Einfluß auf Kinder haben. Dabei sind zumindest in meinem Fall die Kinder eine ganze Ecke souveräner als ihre Mütter. Ursprünglich schrieb sich der Titel: »The Kids Are Alright«, aber da gab es ein paar Copyright-Schwierigkeiten mit The Who. So finde ich ihn aber auch nicht schlecht, denn jetzt wird noch klarer, daß mit diesen Kids eben wirklich alles ›richtig‹ ist.

Verglichen mit Ihren vorherigen Arbeiten ist der Film Ihre größte und aufwändigste Produktion. Könnten Sie sich vorstellen, noch mal einen Schritt zurückzugehen und wieder so zu drehen wie früher?

Eigentlich nicht, wenn ich ehrlich bin. Das geht schon deswegen nicht mehr, weil ich ja mittlerweile Mitglied der Regie-Gewerkschaft bin und mich an gewisse Vorschriften halten muß. Bei »High Art« studierte ich damals noch, alle am Set arbeiteten letztlich umsonst. Noch einmal würde ich niemanden derart ausbeuten wollen. Vor allem nicht, wenn ich die Wahl habe!

Und der Gegenentwurf? Würden Sie sich für viel Geld von einem Hollywoodstudio engagieren lassen, für einen Film, dessen Drehbuch nicht von Ihnen stammt?

Warum nicht? Wenn das eine Geschichte ist, zu der ich einen persönlichen Bezug finde, würde so etwas durchaus für mich in Frage kommen. Es würde mir sogar richtig Spaß machen, denn meinetwegen müssen die nächsten fünf Jahre nicht wieder darin bestehen, daß ich irgendwie das nötige Geld für einen neuen Film zusammenkratze. Eine gewisse Einzigartigkeit würde ich allerdings schon in einem solchen Projekt suchen, denn völlig austauschbare Stangenware ist dann doch nicht mein Fall. 2010-11-18 15:44
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